Sie nannten ihn Zambo


‘Er kam als Sträfling und blieb als Freund…’


Originaltitel: Zambo, il dominatore della foresta (1972)
Regie & Drehbuch: Bitto Albertini
Darsteller: Brad Harris, Gisela Hahn, Daniele Vargas FSK: 12


Sie nannten ihn Zambo…

Bildsprache für Anfänger
…obwohl sein Name George Ryon ist. Aber das war früher, bevor George (Brad Harris) in den Dschungel kam und ein angesehener Rennfahrer mit Ruß auf den Wangen war… und der Statur eines Bodybuilders. Nach einem fischigen Mordprozess (in verschwommenen Rückblenden ohne einen Hauch von Finesse vor den Latz geknallt) sitzt George mit einem anderen Knacki im Zug nach Nirgendwo, wo er für den Rest seines Lebens neben Wasser und Brot an seiner behaupteten Unschuld knabbern kann.
Doch den beiden gelingt die Flucht in Ketten und zwar direkt in den unbarmherzigen Urwald, wo sich Brad Harris erst einmal die Ärmel von der Sträflingskutte reißt, damit ihn seine Fans trotz seines kräuseligen Bartflaums wenigstens an den Oberarmen erkennen können.
Als nächstes taucht man mit den Nilpferden, rennt mit den Giraffen und paddelt auf einem Floß neben den Krokos, während ein schmissiger Score von Marcello Giombini (’Sabata’, ’Die Bestie im Weltraum’) aus den Boxen rauscht.
Aber die idyllische Bild- und Klangkulisse täuscht: Bald schon *SPOILER* stirbt Ryons Knastbruder an Lebensmittelvergiftung (in seinem Hungerwahn naschte er an einem Häufchen Muppe, dessen Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen war) und Ryon resümiert traurig: “Ich wusste nicht mal, wie du geheißen hast!“

Eine “Schwarze-Wilde-(mit-fabulösem-Kopfschmuck)-nehmen-Ryon-gefangen“-Szene und eine “Zwei Jahre später“-Einblendung später:

"Jungs, das ist doch aber jetzt echt
zu eng für ein Käfig-Match!"
Die Legende vom berühmten weißen Häuptling Zambo, was auf Deutsch “der Herrscher des Dschungels“ und auf Italienisch “Il dominatore della foresta“ (Originaltitel) heißt, verbreitet sich durchs Land. Die Regierung ist besorgt, dass selbiger schlechten Einfluss auf dessen neugewonnenen Freunde hat. Wie? Wer? Die Rede ist natürlich von George Ryon und den schwarzen Eingeborenen, die ohne dessen Zuraten und Präsenz ja alleine nix auf die Reihe bekommen hätten und sich dank seiner Hilfe jetzt endlich emanzipieren können.
Ein Söldnerkommando wird engagiert, um den weißen Messias aus dem Dschungel zu holen. Tot oder lebendig. Zur gleichen Zeit macht sich eine Expedition ins Tierreich auf, die ein weitaus hehreres Ziel verfolgt: Den weißen Supermann und sein Biotop zu studieren und vielleicht noch die ganzen sagenumwobenen Schätze abzugreifen, die da angeblich rumlungern sollen.

„Zuerst glaubte ich, ich würde es nicht schaffen. Aber dann erinnerte sich Gott daran, dass ich noch lebe und hatte Erbarmen mit mir. Der Rest war dann einfach. Ich weiß nicht, ob diese Story die sensationshungrigen Leser ihrer Zeitung interessiert.“
„Ich weiß auch nicht, ob das meine Leser interessiert…“

"Jungs!?"
Oh doch! Absolut. Ich bin mir sogar sicher, dass die Geschichte von Zambo eine Inspiration für einfache Gemüter wäre, die sich solchen “White Saviour (groß geschrieben) and his noble savages (klein geschrieben)“-Fantasien verschrieben haben. Aber wollen wir nicht weiter auf dem Elefanten im Raum herumreiten…hätte ich jetzt beinahe gesagt, wenn da nicht die hanebüchene Soundkulisse des Streifens wäre!
Trommeln und Vogelgezwitscher sind wir ja gewohnt von dieser Art Film, gerne auch mal kontinuierlich. Aber hier trompetet zusätzlich zu all dem üblichen Audio-Lokalkolorit ein Elefant sein trauriges Lied ohne Unterlass durch den Rüssel, dass es bald zum akustischen Ärgernis wird. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Sobald wir im Dschungel sind (five minutes into the movie…) und in wortwörtlich jeder Szene, die draußen spielt, hört man diesen einen verstimmten und offensichtlich irritierten Dickhäuter tröten. Ununterbrochen. Auf heavy rotation. Dauerschleife.
Ich war mir bald sicher, dass eine der Expeditionen des Films dem Ziel galt, dem armen Vieh endlich den Nagel aus dem Fuß zu ziehen, der es offensichtlich quälte. Doch nichts dergleichen passierte.

Hercules: The Khaki Years
Stattdessen erscheint mittendrin einer jener wundervollen Zottel-Gorillas, mit denen Harris schon in ’Nackt unter Affen’ zu tun hatte und prankt nach ehrbaren Ebenholz-Kriegern, deren Gesellschaft der (ei)weiße Savannen-Herkules bevorzugt. Von Fremden und weißen Besuchern als Wilde abgestempelt, verteidigt Harris’ Figur seine neuen Gefährten überzeugt als erhaben, ohne jegliche kriminelle Energie und überhaupt total zivilisierter. Nur halt ohne Zahnarzt und Klopapier. Aber wer wie Brad Harris keine Bonbons lutscht und aufgrund seiner proteinhaltigen Diät nur festen Stuhl zu verbuchen hat, der ist prädestiniert für ein Leben im Busch, an der Seite wilder Tiere, die er herbei rufen kann, seinen kleinen schwarzen Sidekick im Schlepptau, dank dessen dauerhaftem Grinsen er sich in seiner eigenen naiven Legende bestätigt fühlen kann.

„Wie haben sie es denn eigentlich in so kurzer Zeit geschafft, die Sitten und auch die Sprache der Eingeborenen zu lernen? Auch über die Gewohnheiten der Tiere wissen sie alles.“
„Ich hatte keine andere Wahl, als mich auf die Dinge hier einzustellen. Und da fielen mir Dinge ein, die ich als Kind lernte und die ich einfach noch nicht vergessen hatte. Und jetzt lebe ich gerne hier.“

"Darf ich mich vorstellen? Affe, Weißer Affe."
Eine wundervolle Philosophie, deren Anwendung mir schon ein paar mal im Leben hätte weiter helfen können, wenn ich nur Manns genug gewesen wäre, die ganze Geschichte mit dem gesunden Menschenverstand nicht so ernst zu nehmen. Jeder scheitert halt an den eigenen Grenzen. ’Zambo’ jedoch scheitert nicht etwa an seinem schmalen Budget, der fragwürdigen Moral, den unsinnigen Plot-Einschüben (Stichwort: “verrückter Professor“) oder dem allgemeinen Mangel an Action – dafür ist der Film zu charmant und die Abenteuerstimmung humpelt zwar, bleibt aber aufrecht – sondern an dem lächerlich verbockten “Finale“.
Nach kurzem ’Zambo macht Zassel’-Faustkampf, packt man den Titelhelden (off screen) in den Knast und lässt seine Geschichte durch Dritte zu Ende erzählen, während Zeitungsausschnitte von seiner Unschuld berichten.
Man kann über vieles hinwegsehen, aber wenn einfallslose, überlange Epilog-Walzen in Abwesenheit des Protagonisten schließlich die Luft aus dem Film lassen, dürften selbst Apologeten die Ausreden schwer fallen.
Gehen wir mit gutem Beispiel voran und erinnern uns – ganz im Sinne der Tagline “Er kam als Fremder und blieb als Freund.“ – an Zambo als Mann, als Freund, als Held… und wegen mir auch als zu Unrecht verurteiltes, gottgläubiges und furchtbar muskulöses Abbild weißer Allmachtsfantasien in einer fremden Welt voller Töörööö.


Hudson