Der Mann mit den Röntgenaugen


‘Suddenly he could see through clothes, flesh... and walls!’


Originaltitel: X: The Man with the X-Ray Eyes (1963) Regie: Roger Corman
Drehbuch: Robert Dillon & Ray Russell
Darsteller: Ray Milland, Diana Van der Vlis, Harold J. Stone FSK: 16


Save your eyes!

Roger Corman, Producer Extraordinaire, B-Film-Mogul der alten Schule und Filmemacher von ganzem Herzen, hat wahrscheinlich mehr Streifen auf dem Kerbholz, als irgendjemand mit rechtem Verstand haben sollte und ist dementsprechend auch schon immer Gärtner auf dem einen oder anderen Gurkenfeld gewesen. Wenn man sich seinen Output über die Jahre und Jahrzehnte anschaut, stechen immer wieder diverse Stinker heraus, die einem die Laune am Exploitation-Kino, das Corman geprägt hat wie kein zweiter, vergehen kann.
Jetzt, wo wir diesen Formalitäts-Disclaimer abgehakt haben, können wir zur Lobpreisung eben jener Filme übergehen, die Corman unsterblich gemacht haben, seinen Ruf als Vorreiter des Genrefilms festigen und ihn als Legende des Kinos, selbst in den Lehrbüchern der Zukunft unserer verstrahlten Erde unter der Herrschaft Krulls, verewigen werden. Filme wie ’Der Mann mit den Röntgenaugen’, der als einer von Cormans Genre-Klassikern schlechthin gilt (FilmFlausen.de).

Wissenschaft heute!

“I may or may not have been kidding myself, but I felt that I have been doing something a little bit more personal than would be normally done in, frankly, a 15 day low budget science fiction film.“ - Roger Corman

’X - The man with the X-Ray Eyes’ (Originaltitel) erzählt die Geschichte von Dr. Xavier (Ray Milland), der an einer Formel werkelt, die das Sehvermögen der Menschen verbessern soll und der dabei über Affenleichen geht.

Das war'n noch Zeiten: Rauchen
am Arbeitsplatz. Als Arzt.
Wo andere Wissenschaftler einsehen, dass die Resultate instabil und nicht sicher sind (“That monkey died!“), geht Xavier aufgrund drohender Budget-Kappung aufs Ganze (“It was a monkey, not a man!“) und verabreicht sich die Tropfen selber.
Ich an seiner Stelle hätte es ja vielleicht erst mal mit einem Auge probiert, aber so schlau ist man auch immer erst nach dem Genuss dieser Genre-Perlen.
Seine Kollegen zeigen wenig Verständnis für Xaviers Methoden, nur die nette Dr. Fairfax (Diana Van der Vlis) versucht hinter die Fassade des sturen Wissenschaftlers zu schauen. Sie ist blond und eine Frau, weswegen es zunächst zu (für diese Zeit typische) Chauvi-Konversationen kommt (“I know, doctor. I read your report.“ “Yes, but did you understand it?“). Doch die beiden kommen sich bald (platonisch) näher und hotten sogar gemeinsam auf einer Wohnzimmer-Cocktail-Party ab, auf der ein Haufen adrett gekleidete Mittvierziger den Steif-Swing tanzen. Hier zeigt sich schließlich die praktische Anwendung des neuen Perks von Doc X., als sein Röntgenblick eben jene adrette Bekleidung eliminiert und wir einen, wenn auch immer noch züchtigen Ausblick auf nackte, swingende Leiber bekommen. Amüsanterweise macht der Tanz unbekleidet einen weitaus stilvolleren Eindruck, zumindest graziöser als der steife Smoking-Swing, bei dem vor allem Milland aussieht, wie ein verwirrter Onkel am Lenkrad eines Schulbusses.

Xray-Vision gestern. Organisch, praktisch, gut. Und knochendicht.

“That’s an intresting birthmark, you have over the third rib on your left side.“
“How do you know that? Oh you can see me!“
[...]
“Don’t forget, I’m a doctor.“
“Don’t you forget, that I am a woman!“

Extrem-Mobbing im Mad Scientist-OP
In bester Tradition hochbegabter Movie-Medizinmänner wie Buckaroo Banzai und Dr. Hfuhruhurr, beschränken sich Dr. Xaviers Skills nicht nur auf Forschung und Giftmischerei, er ist auch behandelnder Chirurg und kann so seine neue Fähigkeit gleich bei einer Operation unter Beweis stellen. Dummerweise zeigen sich ausgerechnet hier schließlich die Nebenwirkungen des Experimentes, das Xaviers Verhalten allmählich an die Grenzen der Aggressivität und den Rand des Wahnsinns treiben. Kurz gefasst: Er schlitzt dem leitenden Chefarzt direkt auf dem OP-Tisch die Pfote auf, um selbst den Eingriff leiten zu können.
Als seine Uneinsichtigkeit und Hybris einen Kollegen schließlich das Leben kosten (jener fällt, vom Protagonisten angeschubst, durch das nächstbeste Fenster…*), begibt sich Xavier auf eine Odyssee durch diverse Bundesstaaten, während sein Blick allmählich über metaphysische Grenzen hinauswandert.

* Man kennt das...

“He can read your mind. Tell you, what you’re thinking.“
“Can he tell me where my wife is?“
“Yeah, buddy. Sitting on a broom, flying around the pier.“

Obwohl ’Der Mann mit den Röntgenaugen’ in seiner Machart weit entfernt von aktuellen B-Movies ist (auch jenen aus Roger Cormans Schmiede) und die Sensibilitäten eines modernen Publikums (wenn es denn so etwas gibt, wir warten immer noch auf die Testwerte) höchstwahrscheinlich strapaziert, entdeckt man bei eingehender Betrachtung, dass er genug Exploitation-Elemente sein Eigen nennt, um trotz Klassiker-Status immer noch in diese Kategorie zu passen.

Meet the great Mentallo...
Der Film beginnt schon mit einer (für damalige Verhältnisse) reißerischen Darstellung eines herausgepulten Augapfels, der viel zu lange auf dem Schirm ist (dass selbst Roger Corman auf dem Audiokommentar gestehen muss “I don’t exactly know, why this eye is on the screen so long.“) und den wir kurz darauf samt Sehnerv im Einwegglas blubbern sehen.
Corman, der den Streifen unter Produktion von B-Movie-Papst Sam Arkoff in schlappen fünfzehn Tagen inszenierte, war stets darauf bedacht, ein junges Publikum anzusprechen und den dazugehörigen Gewinn einzubringen. Um das zu gewährleisten, werden auch bei ’X’ allerlei Schauwerte aufgefahren. Verfolgungsjagden? Check. Psychedelische X-Ray-Optik? Check. Halbnackte Leiber? Check. Close-Ups von kruden Eingeweiden? Check. Explosion im Vorspann? Check. Und wer befürchtet, dass dies hier eine staubtrockene Labor-Affäre wird, der sei beruhigt: Die Handlung wird recht fix aus medizinischen Fachschaften auf einen kunterbunten Jahrmarkt und später in die Glitzerwelt Las Vegas’ verfrachtet.

...and the equally great Dick Miller!

Der Kniff hierbei ist, dass diese Elemente nie selbstzweckhaft wirken, sondern immer zur Story beitragen und sogar das Motiv “Exploitation“ selbst abgehandelt wird. Xavier mag, trotz seiner “Versündigung gegen die Natur“, zunächst hehre Ziele verfolgen, wird aber spätestens durch den (von Don Rickles wundervoll schmierig dargestellten) Jahrmarkt-Unternehmer Crane korrumpiert, als ’Seher’ und falscher ’Heiler’ ausgebeutet und zu Handlungen genötigt, die seinen ursprünglichen Idealen widersprechen. Ideale, die wissenschaftlicher Natur sind und dem Wohle der Menschheit dienen sollten, während Crane ausschließlich lüsterne (“What would you want to see?“ “All the undressed women my poor eyes could stand.“) und vor allem finanzielle (“I’m not letting you go, not when things just starting to pay off.“) Zwecke verfolgt.

"Ja, Sir, es ist verdächtig, dass sie in unserem
Casino diesen seltsamen Brillenapparat tragen!"

Die Bemerkung “Man sieht dem Film sein Alter an.“ erlaube mich nur, um das viel wichtigere “Egal, er funktioniert auch nach knapp 50 Jahren wie ein gut geschmiertes Uhrwerk.“ hinterherzuschieben. Die angestaubte Säusel-Musik bei den unbehaglichen Szenen und die eher kruden, aber immer noch effektiven Tricks haben keinen Einfluss auf das zeitlose Script.
Erstaunlich ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der das Geschehen ins Rollen kommt und die der Film bis zum schockierenden Finale halten kann.
Wenn Ray Milland, der hier eine beeindruckende One-Man-Show zwischen resolutem Mad Scientist und verlorener Seele abliefert, zu böser Letzt ins Zelt Gottes schreitet, wo er vielleicht Trost oder gar Absolution zu finden gedenkt, gipfelt ’X’ in einer Schlusspointe, die jeder gerne auf seine eigene Weise deuten darf.

WHAT HAVE YOU DONE TO HIS EYES?!

“Low budget greek tragedy“ nennt Corman selbst seinen Film. “It’s been variously described as a science fiction film, a philosophical film, a religious film. Whatever it may be, I hope you’ve enjoyed it.“
Haben wir, Rogi. Der hier kriegt den Klassiker-Stempel verpasst und wie ernst es mir damit ist, zeigt ja wohl allein der Umstand, dass ich es mir bis jetzt verkniffen hab, hier ein Bild von Marty Feldmans Antlitz zu posten!


Hudson