Withnail & I


‘If you can't remember the 60's, ...don't worry.
Neither can they.’


Originaltitel: Withnail & I (1987) Regie & Drehbuch: Bruce Robinson
Darsteller: Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths FSK: 12


“If you're hanging on to a rising balloon, you're presented with a difficult decision - let go before it's too late or hang on and keep getting higher, posing the question: how long can you keep a grip on the rope?“ - Danny a.k.a Headhunter

"Come on, old boy. What's in your hump?"

London, September 1969
Die arbeitslosen Schauspieler Withnail (Richard E. Grant) und Marwood (Paul McGann) leben in erbärmlichen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Camden, der bei Weitem noch nicht der it-Bezirk unserer Zeit ist, sondern das Kellerkind des British Empire. Es fehlt an allen Ecken und Enden, und statt das wenige Geld vom Arbeitsamt für Essen, Heizung oder gar die Miete zu verwenden, findet sich immer noch das eine oder andere Pfund für den nächsten Gin oder die nächste Pille.

"I will never play the Dane."
Bei Stange gehalten werden die beiden von ihrem Haus- und Hofdealer Danny (Ralph Brown), eine Art Black Voodoo Hippie, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Und ihr Zuhause ist der örtliche Pub, dessen Kundschaft, ähnlich wie sie selbst, den Tag lieber mit zwei Gin und einem Lächeln, als Kaffee und Kopfschmerzen beginnt. Alles in Camden, Häuser wie Menschen, riecht nach Verfall und wartet nur auf die wortwörtliche Abrissbirne. So kann es nicht weitergehen, beschließt Marwood und schafft es tatsächlich, Withnail zu einer kurzentschlossenen Flucht aus der Stadt zu überreden. Unterstützt werden sie dabei von Withnails Onkel Monty (Richard Griffiths), der weit im Norden Englands ein kleines Häuschen besitzt. Also flugs die Klamotten und den Alk eingepackt, ebenso Dannys grandiose letzte Erfindung und einem wundervollen Wochenende im Grünen steht nichts mehr im Wege.
Soweit das Setting und weil dieses Review gerade viel zu trocken wird, hol ich mir jetzt einen Eierlikör.
Natürlich läuft NICHTS wie die beiden geplant haben und daran sind nur sie alleine Schuld. Ein Ego so groß wie Alaska (und das passende Mundwerk dazu) plus diverse Neurosen treffen auf betrunkene Barkeeper-slash-Ex-Panzerfahrer, Wilderer, Bauern mit Humor, brünftige Stiere ohne solchen, Teestubeninhaber mit Besenstilen im Ar... und Onkel Monty, der den beiden Jungens hinterher fährt, um den angeblich unglücklich verliebten Marwood zu trösten, was dem ganzen Ensemble noch die nötige Portion Drama verleiht. Das Ganze wird ge(er)tränkt in Alkohol. (Essen gibt es keines.)

"I want something's FLESH."
Man munkelt ja, dass die Menge des im Film verzehrten Alkohols, sollte man damit ein drinking-game veranstalten, reichen würde, um mehreren Leuten den Weg ins Jenseits zu ebnen und dem Typen daneben das Augenlicht zu kosten, aber die Leute, die so etwas behaupten, haben noch nie einen Abend mit der uckermärkischen Dorfjugend verbracht. Ob zum Schluss die selben kaputten Typen wieder nach London fahren, die zu Beginn die Stadt verlassen haben sei dahingestellt – sie tragen zumindest die gleichen Gesichter und nach einem kühlen Wiedersehen mit Danny endet der Film mit einer wenig versöhnenden Note. Das hört sich jetzt nicht nach viel Handlung an und schon gar nicht nach Kultfilm mit unzähligen Referenzen, aber er hat seine guten Kritiken (meine auch) wirklich verdient. Ein Grund, warum ich Withnail & I in jedem Englisch-LK zeigen würde ist die Tiefe, die der Film entwickelt. Versteckt unter der Oberfläche mit ihren überspitzten Charakteren, einer „blumigen“ Sprache, die vor gefälligen und alltagstauglichen Zitaten nur so strotzt (Und wann hat man nicht schon mal aus vollem Halse gebrüllt: I demand to have some booze!) und den immer wiederkehrenden Momenten von „Das hat er jetzt nicht wirklich getan, oder?“ und „Wie kann man nur so blöd sein!“ liegt die tragische Geschichte von Männern, die ihre Träume verloren haben und jetzt ihre letzte Chance bekommen, was aus ihrem Leben zu machen. Um hier mal zu spoilern: Nur einer schafft's, dafür bekommt der andere den schlichtweg besten Hamlet-Monolog, den ich je gesehen habe.

They went on holiday by mistake.

Der Film ist nicht leicht zugänglich, das muss man zugeben, denn es dauert eine Weile bis man hinter die Fassade der abgehalfterten Penner sieht und die Melancholie der Geschichte entdeckt. Auch stellen die Akzente einiger Figuren (ich sach' nur Danny!) eine Herausforderung dar, der man nur mit Untertiteln entgegentreten kann. Trotzdem empfehle ich die englische Tonspur und das unbedingt mehrmalige Anschauen des Films, denn nur so entwickelt sich nach einer Weile diese in sich abgeschlossene ganz besondere Realität, die den Zuschauer gefangen nimmt und ihn nachher in der traurigen Gewissheit zurück lässt, dass es so schön nie wieder sein wird.
Bis zum nächsten Anschauen, was viele, viele Male sein wird.


Die Goblinmatrone