Troll Hunter


‘You'll believe it when you see it!’


Originaltitel: Trolljegeren (2010) Regie & Drehbuch: André Øvredal
Darsteller: Otto Jespersen, Hans Morten Hansen, Tomas Alf Larsen
FSK: unbekannt


Zu diesem Zeitpunkt hat jeder für sich entschieden, ob die ’Lass-uns-die-Kamera-packen-und-unsere-Geschichte-auf-die-subjektivste-und-hektischste-Art-und-Weise-erzählen-am-Ende-das-Equipment-im-Wald-verlieren-und-den-Finder-die-Geschichte-einem-Kinopublikum-vorsetzen’-Masche funktioniert oder nicht.
Let’s check the facts: Wenn es wirklich ’Found Footage’-Material gibt, liegt es in der Area 51 unter Verschluss. Das weiß jeder Nerd mit ’I speak geek’-Shirt. Zusammengestückelte Shakycam-Orgien können nerven. Das weiß jeder, der schon mal beim Kotzen im Kino erwischt wurde. Und wenn schon Ego-Stolpereien im Verfolgungsmodus, dann nur im Genrefilm. ’Blair Witch Project’, ’Rec’, ’Cloverfield’, ’Diary of the Dead’, ’Paranormal Activity’, ’ Last Exorcism’ … is’ gut jetzt.
Aber wie Gareth Edwards im letzten Jahr ausgerechnet mit einem Film namens ’Monsters’ bewies, steckt immer noch Potential in dieser Art des Filmemachens. Es kommt auf die Geschichte an, auf die Figuren, auf die Interaktion und das Einbinden selbiger in den technischen Rahmen.

Norwegische Nachtwanderung

In ’Troll Hunter’, einer norwegischen Mockumentary (erneut ’Found Footage’, dessen Echtheit von Spezialisten verifiziert wurde, wie es uns der Vorspann berichtet) verschlägt es drei Studenten mit Kameraequipment (Frontsau, Kamerakind & Soundsuse) in die abgelegenen Regionen ihres Landes, wo sie Gerüchten über Bärenattacken und Wilderer-Garn nachgehen. (Ja, Outdoor-Studniks mit Ambitionen gibt es nicht nur bei Steve Zissou.) Nach kurzer Zeit kommen die drei dem angeblichen Wilderer und notorischem Eigenbrötler Hans auf die Schliche, der von Einheimischen regelmäßig der Wilderei am Bärenbestand in Verbindung gebracht wird. Was die local yokels nicht wissen, unsere drei Akademiker aber bald herausfinden: Hans ist von der norwegischen Regierung beauftragt, das dortige Trollreservat zu kontrollieren. Ganz recht, Freunde: Trolle.

Troll Bridge
Riesige, nachtaktive Wampenwesen, die sich an allerlei Zeug laben (Felsen, Schafe, Autoreifen, Baumrinde… you name it, they eat it) und aus biologischen Gründen das Tageslicht meiden. (Vitamin D-Unverträglichkeit, Calzium-Überschuss… ihr kennt das.) Nochmal: Trolle. Es gibt sie wirklich, sie sind gewaltig, gehören zur Gruppe der Säugetiere, sind kein bisschen handzahm oder freundlich, mögen keine Christen und halten sich seit geraumer Zeit nicht mehr an ihr Territorium, das durch gewaltige Strommasten eingezäunt wurde (die gar keine Strommasten, sondern Trollzäune sind). Wann immer Trolle nun außerhalb ihrer Grenzen verrückt spielen, muss sich die Regierung bzw. deren Vertreter (also Hans und sein Bürokraten-Kollege Finn) etwas einfallen lassen, um Öffentlichkeit und Presse bei Laune zu halten. Da werden wüste Ausreden ersponnen oder auch handfestes Beweismaterial in Form eines russischen Bärenkadavers, von polnischen ’Geschäftsmännern’ höchstpersönlich herangekarrt. Während sich Finn strikt an die Vorschriften hält und das Kamerateam mit großem Misstrauen beäugt, hat Trolljäger Hans längst die Nase voll von seinem Job. Er ist nicht der norwegische ’Grizzly Adams’, eins mit der Natur und im Einklang mit seiner Bestimmung. Er macht einen dreckigen Blutjob und hat die Faxen dicke vom nasskalten Lauern ohne Nachtzulage und Troll-Slaying ohne Rudel-Bonus. Genau deswegen lässt er die Einsiedler-Fassade nach anfänglicher Skepsis fallen und die Studenten seine gefährlichen Trips durch das Reich der Trolle filmen.

Bei den Trollen abgekuckt: Nachts wird Hans zum Harten

’Troll Hunter’ nimmt sich zunächst etwas Zeit, bis man die Biester (von denen es diverse Arten mit formschönen skandinavischen Namen à la Ringlefinch, Tosserlad, Rimetosser und Jotnar gibt) zu Gesicht bekommt. Doch ist es erst einmal soweit, wird die bis dahin vage Herangehensweise recht schnell durch Full Frontal-FX-Shots abgelöst und mit der Geheimnistuerei ist es vorbei. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartungen hat man die Viecher sehr oft und sehr detailliert vor der Kamera. Ich befürchtete zunächst, dass das Budget des Films nicht für eine adäquate Darstellung der Unwesen reichen würde, aber ich hätte nicht falscher liegen können.
Sowohl die Optik, als auch das Sounddesign der Trolle sind phänomenal und absolut überzeugend. Doch Obacht: Hier wird nicht auf Realitätsnähe geachtet. (Es gibt ja auch keine Trolle. Realität mein Arsch.) Die Biester haben einen fast comicartigen Charakter. Viele von ihnen haben beispielsweise riesige Nasen, die zunächst recht amüsant wirken, sich aber nach kurzer Zeit komplett ins Gesamtbild einfügen.

Selten genug: Mangelware aus Polen
geklaut und im Ausland verkauft.
Nicht, dass Humor hier keine große Rolle spielen würde. Vor allem die Falschinformationen, die im Rahmen der großen Verschwörung um die Geheimhaltung der Trolle verbreitet werden, sind höchst erheiternd. So muss ein Mitarbeiter der örtlichen Elektrizitätswerke erst von einem der Studenten auf die Merkwürdigkeit des Umstandes aufmerksam gemacht werden, dass die Stromleitungen im Norden (Troll-Territorium) in einem Kreis verlaufen und nichts und niemanden mit Strom versorgen.
Auch die Trollkunde beherbergt den einen oder anderen Schmunzler und wird in allen Details von dem brummigen Jäger während dessen Arbeitsausflügen erläutert. Nach der beschwerlichen Suche folgt oft ein harter Kampf, der mittels UV-Strahler und absurder Ausrüstung ausgetragen wird. Am Ende müssen Formulare gewissenhaft ausgefüllt werden.
Der harte, erfahrene aber einsame, ausgebrannte Hans und die eher ausgelassenen Studenten ergänzen sich hervorragend. Die sympathischen Darsteller verkaufen ihre Rollen bestens, auch wenn der Subplot um einen vom Troll gebissenen (infizierten?) Studenten sich als roter Hering entpuppt und ins Leere führt. Ein großes Lob an die Macher, dass sie sich hier mit allzu überbordender Hysterie zurückhalten und sich eher auf eine Mischung aus Nervenkitzel und ’Sense of Wonder’ verlassen. Alles, nur keine in die wackelnde Kamera rotzenden und schreienden College-Blagen kurz vor dem Kollaps.
Und wie steht’s um die Kameraführung? Nun, sie bedient sich der typischen Mittel dieser Methode. Ja, es gibt Shakycam. Ja, es wird mit der Linse gen Boden herumgerannt. Ja, auch im Angesicht einer tödlichen Gefahr wird munter weitergefilmt (nach dem zweiten Drittel sogar für kurze Zeit durch ein zersprungenes Objektiv), aber wenn es das ist, was man für einen Streifen wie ’Troll Hunter’ in Kauf nehmen muss, dann soll es so sein.

Hunting Season

In einer Zeit, in der wirklich jeder seinen eigenen Film machen kann, wird es immer wichtiger, dass der Inhalt der verfügbaren Technik hinterherkommt. ’Troll Hunter’ mag zuweilen einen leicht episodischen Rhythmus besitzen, der dem Mockumentary-Charakter geschuldet ist, doch Regisseur und Autor André Øvredal schafft eine funktionierende Balance aus Spannung, Humor und Monster-Mythos jenseits des üblichen Hollywood-Ramba Zambas. Aber wir wissen ja, in welche Richtung die Karrieren vieler Regiedebütanten mit Effekt-Erfahrung steuern. Während Gareth Edwards demnächst das neue ’Godzilla’-Remake in Angriff nimmt, wartet auf André Øvredal vielleicht schon ’Shadow of the Colossus’.


Hudson