The Transporter


‘Rules are made to be broken’


Originaltitel: The Transporter (2002) Regie: Louis Leterrier & Corey Yuen
Drehbuch: Luc Besson & Robert Mark Kamen
Darsteller: Jason Statham, Qi Shu, Matt Schulze FSK: 16


Meine Damen und Herren, es tut mir sehr, sehr Leid.

Anders war sie nicht zu ertragen -
Herr Martin und seine Begleitung
Hier sollte eigentlich eine Besprechung des im Jahre 2002 veröffentlichten, von Louis Leterrier und Corey Yuen im Double-Feature dirigierten und von Luc Besson und Robert Marc Kamen geschriebenen Actionfilms „The Transporter“ stehen. Ich habe diesen Film nicht gefunden und alles, was ich Ihnen anbieten kann, ist „The Transporter“, die Actionfilm-Persiflage. Allerdings sind die Filme inhaltlich deckungsgleich, so dass Ihnen, verehrte Leser, der Unterschied kaum auffallen dürfte.
Mister Frank Martin (generischer geht's kaum) bessert sich seine schmale Rente mit Gelegenheitsfahrten für die örtliche Unterwelt auf. Damit auch der langsamste unter den Zuschauern versteht, dass es sich dabei nicht um Kaffeefahrten handelt, beginnt der Film mitten in einem Job für Mr. Frank äh, Mr. Martin: Er soll den Fluchtwagen für ein paar Bankräuber fahren. Nur, dass er nicht fährt, sondern rumdiskutiert. Es ist nämlich ein Herr zu viel im Wagen – vier statt der abgemachten drei – und jetzt geht die Benzinrechnung nicht auf und so war das ja auch nicht abgemacht und wenn Herr Frank, ähm, Martin etwas hasst auf dieser Welt, dann Kratzer an seinem Wagen und Leute, die sich nicht an Abmachungen halten. So vertrödeln sie wertvolle Minuten vor der Bank, bis der vierte Mann endlich erschossen und der Zuschauer auf eine Wahnsinnsfahrt (und gleichzeitig auf den Arm) genommen wird.

Die drei Stooges...
Der Job ist kaum vorbei, da stellt sich die örtliche Polizei ein. Man weiß natürlich sofort, dass der Inspektor (Francois Berléand) nur gekommen ist, um bei Mr. Frank rumzuschnüffeln und Beweise für dessen Verbindungen zum organisierten Verbrechen zu finden. Es liegen nur leider keine herum. Die Einfalt, mit der er dabei vorgeht, ist ebenso apart wie anno dazumal die des seligen Inspektor Columbo, nur dass der gute Inspektor seine Masche lediglich vorschob, um Mörder und dergleichen in falscher Sicherheit zu wiegen, während Inspektor Tarconi wohl wirklich so einfach gestrickt ist. (Ihm verdanke ich die Unfähigkeit, mir den Namen des Protagonisten korrekt zu merken.)
Nachdem Tarconi sich verabschiedet hat, macht sich Mr. Frank auf zum nächsten Job. Eine Sporttasche soll transportiert werden und alles wäre gut verlaufen, wenn sich Mr. Frank an seine eigenen dämlichen Regeln gehalten hätte. Schon bald platzt ihm der Autoreifen, er muss an den Kofferraum und stellt fest, dass das Päckchen, das er transportieren soll, recht mobil unterwegs ist und sich (Regelverstoß!) als recht attraktive Asiatin (Qi Shu als Lai Kwai) herausstellt, die dem Boss eines Menschenhändlerringes ausgeliefert werden soll. Herr Martin gibt seiner menschlichen Seite nach und ihr was zu trinken, bevor er sie wieder einpackt und an den schmierigen Bösling (gespielt von Matt Schulze) ausliefert, der sich für die Expresszustellung mit einer an Herrn Frank/Martin adressierten Paketbombe bedankt.

...und ihre Cousins
Hier hätte der Film zu Ende sein können und er hätte sogar eine Moral gehabt, aber nein, statt dessen geht nur Frank-Martins Auto kaputt. Dem platzt jetzt der Kragen. Er sockt zurück zu Mr. Wall Street (Ja, richtig gelesen, der Bösewicht heißt wie eine recht bekannte Straße in New York. Leider hat der Rest der Schergen keinen Namen, so dass uns verborgen bleibt, ob es einen Mr. Cove N.T. Garden oder Monseur Schamps El Ysees gegeben hat in diesem Piccadilly Zirkus.), zerlegt dessen Henchmen und seine Villa, klaut ihm ein Auto und nimmt Lai obendrein noch mit.
Spätestens ab hier ist der Film nicht mehr ernst zu nehmen.
Was folgt, sind 60 Minuten Actiongedöhns, die so generisch sind, dass ich mir den Fingerabrieb spare und lieber zwei Highlights der Absurdität hervorhebe und Ihnen, liebe Leser, darlege wie jene Szenen eigentlich nur als Persiflage verstanden werden können.

Inspector Tarconi -
Anything to energize his workforce
Punkt eins: Das erklärte Ziel eines Actionfilmes ist es, den Hauptcharakter viele spannungsgeladene Duelle mit einem, mehreren oder vielen menschlichen oder maschinellen Gegnern bestehen zu lassen. Dabei wird für den Zuschauer der Spannungseffekt erzeugt, indem der HC diese Duelle nur sehr knapp und nicht ausschließlich durch stupide körperliche Überlegenheit gewinnt. Ein sehr schönes Beispiel sind da die „Stirb Langsam“-Filme.
Beim Transporter hingegen sind die Gegner lachhaft. Man wundert sich mehrere Male im Film, warum Mr. Frank sich überhaupt mit ihnen abgibt, denn mehr als einen Schwinger links oder rechts oder einen Tritt braucht es selten. Einem Motorradanfänger beim Hütchenumfahren zuzusehen ist ungefähr genauso spannend. Wenn also Unterhaltung durch Spannung nicht im Sinne der Schöpfer dieses Filmes liegt, was denn dann?

Die berühmt-berüchtigte Ölkür und der
Abschied von jeglicher Ernsthaftigkeit
Führt man sich die Kampfszenen aus choreographischer Sicht zu Gemüte, findet man eine Antwort auf diese Frage: Tanz! Plötzlich sprühen die vormals drögen Szenen vor Eleganz und Esprit! Plötzlich ist es eine Freude die Körperbeherrschung und Bewegungen Jason Stathams zu betrachten, mit denen er seinen Gegnern ausweicht, sie aneinander laufen lässt, ihre Bewegungen nutzt, um sich zu bewegen – sie schlichtweg umtanzt! Einen krönenden Abschluss erhält dies mit der Ölkür, die Statham im letzten Drittel des Filmes mit einem halben Dutzend Komparsen im Containerhafen hinlegt und mit der sich der Film voll und ganz vom ernst gemeinten Actionkino verabschiedet und Hallo! sagt zum Ausdruckstanz. Und wofür das Ganze? Ich verweise zuerst auf Punkt zwei.
Punkt zwei ist einer, der mir in vielen Filmen am Herzen liegt und im realen Leben natürlich auch: Die Frauen. Was wäre das Leben ohne sie? Kaum vorzustellen. Hier übernimmt „The Transporter“ keine Vorreiterrolle und zeigt nicht, wie ein Film mit gut entwickelten Charakteren der weiblichen Art aussehen könnte, sondern nutzt den parodistischen Hintergrund der Produktion, um ungeschönt das Negativbeispiel anzuführen.

NY-Freestyle. Sie üben für einen
Background-Auftritt bei Beyonce
Im ganzen Film gibt es, sage und schreibe, genau eine weibliche Person mit Sprechrolle. Aber, und hier kommt eine weitaus unangenehmere Wahrheit, diese eine Frau hat offenbar einen Hirnschaden. Verraten und verkauft und um den halben Globus verschleppt, hat sie nichts besseres zu tun, sich gerade dem Mann an den Hals zu schmeißen, der sie bei einem internationalen Menschenhändlerring abgeliefert hat. Sie ist allein und frei in seiner Wohnung und statt die Polizei zu rufen, backt sie MADELEINES! Nach Rezept! Statt zu fliehen und jemanden auf ihre Notsituation (ohne Papiere, ohne Geld auf einem fremden Kontinent und verfolgt von Verbrechern) hinzuweisen, sucht sie ein Kochbuch. Und wofür? Als Grundlage für eine lieblose, halbseidene und mega-peinliche Szene, die den Zusatz „Sex“ gar nicht verdient. Seien wir mal ehrlich: Gibt es etwas Erbärmlicheres als Dankeschön-Sex? (Und wer es wagt, hier das Wort Liebe in den Mund zu nehmen, kriegt eine gescheuert.)

Der Schurke des Stückes - Herr Wall Street
An dieser Stelle verliert die Parodie zurecht ihren humoristischen Unterton, denn gerade in dieser furchtbaren Szene, die in der Mitte des Filmes liegt, werden Rollenklischees beider Geschlechter angeprangert: Während SIE das niedliche Dummchen ist und ein Klotz am Bein, muss ER der knallharte Actionheld sein, der Böslinge zerlegt wie andere Brötchen schmieren und dem man nur ein Paar Möpse vors Gesicht halten muss, damit er seinen gesunden Menschenverstand über Bord wirft. Das ist entwürdigend. Das muss anders werden!
An dieser Stelle möchte ich zurückverweisen auf Punkt eins meiner Ausführungen. Wo bei Frauen in Actionfilmen bereits vor einiger Zeit ein Umdenken begonnen hat („Kill Bill“, „Charlie's Angels“, „Matrix“, „Alien“, „Terminator 2“), muss bei männlichen Protagonisten noch einiges nachgeholt werden und das tut „The Transporter“, indem die körperliche Überlegenheit Mr. Martins in tänzerischer Form dargeboten wird. Und das, meine Herren, ist gar nicht so abwegig! Jedem von Ihnen, der sich jetzt verächtlich abwendet, möchte ich die fernöstlichen Filme ans Herz legen, wo die Kämpfe grundsätzlich einer Choreographie bedürfen. Natürlich ist Herr Martin der Held und natürlich sind seine Gegner Luschen – das wird auch überhaupt nicht in Frage gestellt – aber die Liebkosung des männlichen Egos dient hier einem höheren Zweck, nämlich der vorsichtigen Hinführung an Formen der Männlichkeit, die noch lange nicht im Zentrum der Gesellschaft etabliert sind.

Irgend jemand hat in seiner Freizeit ein Haigesicht auf diese Rakete gemalt

Lassen Sie mich ein Fazit ziehen: „The Transporter“ ist dem Publikum als Actionfilm vorgestellt worden, hält sich aber nicht an Konventionen des Genres, die nach ebenbürtigen Widersachern und einem, zumindest zu Beginn, überlegenen Endgegner verlangen. „The Transporter“ bietet hier lediglich Personen, die das Synonym „Flachzange“ verdienen, was die überlegene Körperbeherrschung Jason Stathams beinahe grotesk wirken lässt. Darüber hinaus gibt es keine wirkliche Belohnung, denn die zu rettende „damsel in distress“ wird dergestalt dargestellt, dass man sie nicht mal haben wollte, wenn sie die Gläser von Leonardo und Palette zwei gleich mitgeliefert bekäme. Nimmt man dazu hinzu, dass es sonst nichts im Film gibt, das besonders hervor sticht (Das Setting spielt vielleicht an der südfranzösichen Mittelmeerküste – es fällt das Wort Nizza – aber es kann eigentlich auch jedes andere sonnige Örtchen sein. Es gibt keine interessanten Nebenfiguren und der Score ist nicht der Rede wert.) und Details im Film eher auf der lächerlichen oder unlogischen Seite angesiedelt sind, muss man zwangsläufig die Frage stellen, was die Regisseure hier wirklich produziert haben. Bei den beiden sich in den Vordergrund drängenden Erklärungen habe ich mich für die Persiflage entschieden und freue mich aus tiefstem Herzen, dass Louis Leterrier und Coen Yuen einen Schritt in die richtige Richtung gewagt haben und aus „The Transporter“ einen Film machten, der es riskiert, Genreklischees anzugreifen und über die Gendergrenzen hinauszugehen. Weiter so, meine Herren!













Die Goblinmatrone