Der tödliche Schwarm


‘This is more than a movie. It's a prediction!’


Originaltitel: The Swarm (1978) Regie: Irwin Allen
Drehbuch: Arthur Herzog Jr. & Stirling Silliphant
Darsteller: Michael Caine, Katharine Ross, Richard Widmark FSK: 16


Wer mich kennt weiß, dass ich kein Freund von Reviews in Romanlänge bin. Nicht als Leser und vorsätzlich auch nicht als Autor. Aber bei 'The Swarm' haben wir es mit der Ausnahme zu tun, die die Regel bestätigt:
Ich rede über 150 Minuten Tierhorror. Ich rede über Killer-Bienen. Bienen greifen Menschen an! Bienen greifen Helikopter an! Bienen greifen Züge an! Und am schlimmsten: Bienen greifen Texas an!

Frauen und Kinder zuerst

In den ersten 10 Minuten des Stachel-Epos geht es sehr ruhig zu. Das ist in Ordnung, da mich der Film so nicht davon abgehalten hat, hin und wieder auf das Hähnchen zu gucken, welches ich beim Ansehen zerlegt habe - will sagen, wäre es direkt mit Action losgegangen, wäre ich vielleicht an einem kleinen Knochen erstickt und wäre gar nicht mehr hier, um euch davon zu erzählen.

“Zum mitnehmen, bitte!”
Also, zu Beginn werden vom Militär haufenweise Leichen in einer Anlage gefunden, deren Tod man sich nicht erklären kann. Auftritt unseres Helden: Dr. Crane (Michael Caine). Crane, der solcherlei Ereignisse schon hat kommen sehen und deshalb bereits am Tatort ist, erklärt den verärgerten Militärs seine Theorie, dass ein mutierter Schwarm afrikanischer Killerbienen es auf die Menschheit abgesehen hat (vielleicht ist seine Version auch ein bisschen komplexer). Dass ihm das zuerst keiner glauben will, ist verständlich - bis dann live per Funkspruch zu hören ist, wie zwei Helikopter von Bienen attackiert und zum Absturz gebracht werden. Schließlich taucht Cameron Mitchell (!) auf einem Bildschirm auf und gibt bekannt, dass Dr. Crane als Experte vom weißen Haus persönlich die absolute Kontrolle über die Sache erhält. Da werden dann zunächst mal andere Experten eingeflogen, wie Cranes persönlicher Freund Dr. Krim (Henry Fonda), der an den Rollstuhl gebunden ist.

Zitat: “There is no bee in this room.”
Ich könnte es jetzt machen wie die zweieinhalb-stündige Langfassung des Films und euch jeden Blödsinn erzählen, der hier passiert - oder einfach zu den interessanten Szenen vorspringen. Und da ich kein Freund von endlosen Inhaltsangaben bin: Killerbienen greifen Picknicker an! Mama & Papa tot, Kind überlebt. Und da das Kind sich völlig verängstigt im Wagen der Eltern einschließt und damit wild hupend durch die Stadt braust bis eine Laterne es stoppt, kriegen wir hier direkt noch ein wenig (mit der Betonung auf 'wenig') Auto-Action zu sehen. Das ganze wird nun also immer offizieller und anhand des kleinen Jungen können wir auch zum ersten Mal die verheerenden Folgen eines Bienenstichs sehen: das Opfer bekommt Halluzinationen und wird von einer riesengroßen Killerbiene heimgesucht. Und ich meine es völlig ernst, wenn ich sage, dass die eingebildeten Bienen noch zu den intensivsten Momenten des Films gehören. Nun folgt erstmal eine endlose Einführung der Bewohner von Marysville, Texas. Zwei Männer sind in die Schulleiterin verliebt, eine schwangere Frau verliebt sich in ihren Arzt (knappe 10 Minuten nachdem ihr Mann von Bienen getötet wurde) und Michael Caine verliebt sich in eine Ärztin. Eigentlich will das niemand wissen.

Ruft mal einer das Söldnerkommando und Supersonic Man!

Das nächste wesentliche ist, dass der kleine Junge, der sich vor den Bienen retten konnte, den Tod seiner Eltern rächen will (!) und daher mit seinen Freunden aus dem Krankenhaus türmt, um für eine der absurdesten Szenen des Films - wovon es reichlich gibt - zu sorgen. Bewaffnet mit Molotov-Cocktails wird den Bienen also eingeheizt und wenn diese angreifen, verstecken sich die Jungs einfach unter umgedrehten Mülltonnen. Das wäre eigentlich gar keine so lustige Szene, aber der Anblick von drei Mülltonnen die einfach so dastehen und von afrikanischen Killerbienen umkreist werden, ist reichlich lachhaft. Es ist eben jene Szene, welche die Bienen zu größeren Angriffen anstachelt. Die Leute, die aus Marysville fliehen wollen werden samt Zug in die Luft gejagt (also von den Bienen natürlich), die Bienen sprengen ein Atom-Kraftwerk - und am Ende, nach mehr als zwei Stunden, steht ganz Houston in Flammen (scheint wohl zu Irwin Allens Spezialitäten zu gehören) und der überanstrengte Zuschauer denkt sich "Können wir Houston den Bienen nicht einfach überlassen?!".
Aber so einfach macht man es uns nicht und so wird bis zur letzten Sekunde mit einer dämlichen Idee gewartet, die Katastrophe in den Griff zu kriegen. Und wir bekommen ein passend bescheuertes Ende zu sehen, das dem Kitsch-Faktor des Films noch mal einen draufsetzt.

Garbage Can Kids

Großer Gott! Irwin Allen, der sich einige Jahre vor diesem Film bereits einen Namen im Katastrophen-Gewerbe gemacht hat, indem er Filme wie 'Flammendes Inferno' (auf den hier übrigens hintergründig in einem Kino angespielt wird), 'Unternehmen Feuergürtel' oder 'Höllenfahrt der Poseidon' produzierte und drehte, ist mit 'The Swarm' einen Schritt zu weit gegangen. Dieser Film ist genauso käsig, wie er lang ist.

Bee Vision
Dass er trotz Zerstörung apokalyptischen Ausmaßes aber niemals irgendwie episch wirkt, ist vermutlich auch der Grund, wieso er gefloppt ist und von Allen selbst völlig ignoriert wird. Aber er bietet eben wirklich massenhaft Szenen, bei denen einem einfach nur ein großes 'Wie bitte?' auf der Stirn steht. Abgesehen von der völlig überflüssigen Einführung all der Figuren (die dann sowieso sterben) von Marysville, die alles unnötig in die Länge zieht kommt der Film ständig mit Dingen, wie einer Szene in der ein trauernder Vater seinen Sohn einfach mitsamt Leichensack mit nach Hause nimmt (die Szene ist wirklich gut gespielt, aber auch hier - es sieht einfach zu lustig aus). Da kann es technisch noch so perfekt sein - aber das ist doch nunmal Blödsinn.
Einzig ein paar der Bienenangriffe oder Fondas Selbstversuch des Anti-Serums können teilweise mitreißen - aber auch nur sofern man sich darauf einlassen will. Nebenbei muss natürlich auch die gelungene Musik von Jerry Goldsmith kurz erwähnt werden.


Die beiden sind die eigentliche Love Story des Films

Kommen wir zu den Darstellern. The Swarm bietet eine wirkliche Vielzahl an bekannten Leuten ('there are enough Stars for five movies!', wie das britische DVD-Cover es so schön sagt). Allen voran Michael Caine. Caine darf in diesem Film mächtig die Sau rauslassen und hat in jeder Szene irgendeinen Grund seinen Gesprächspartner anzubrüllen. Noch dazu kommt seine Figur natürlich mit den bescheuertsten Thesen zur Bee-drohung an (sie haben gelernt, mit Plastik zu arbeiten) und sagt Dinge wie: "We've been fighting a losing battle against the insects for 15 years, and I never thought that I would see the final face-off in my lifetime. And I never dreamed, that it would turn out to be the bees - they've always been our friends!" und "Who would have thought the bees would become the first alien force to invade America?" läuft durch die Straßen und schreit "The killer-bees are coming!". Caine hält sich in Sachen Over Acting allerdings noch zurück, wenn man sich einige seiner Co-Stars ansieht.

Der tödliche Schwarm
Da wären besonders die Stadt-Bewohner, die den Film ins Kitschige ziehen oder der kleine Junge, der mit seinen Fieberträumen ein bisschen überfordert scheint. Olivia de Havilland wirkt als Schuldirektorin zwar sympathisch, aber in einem Film über mutierte Bienen dann doch etwas deplaziert. Aber wenn man bedenkt, dass sich gleich zwei alte Männer in ihre Figur verlieben, war es vermutlich nicht anders gedacht, als sie wie eine zuckersüße ältere Dame darzustellen und diesen Job macht sie gut, wenn auch dick aufgetragen. Henry Fonda weiß als optimistischer Forscher im Rollstuhl zu überzeugen und gibt sich vor allem in seiner Sterbeszene sichtlich Mühe. Ansonsten machen auch Patty Duke als schwangere Frau, Richard Chamberlain und Richard Widmark als Militärfuzzi eine gute Figur und der kurze Auftritt von Cameron Mitchell hat mich ebenfalls gefreut. Einzig von Katharine Ross (im Film die Geliebte von Caine) hätte man über lange Strecken vielleicht ein wenig mehr erwarten können.

The End

Fazit: ’The Swarm’ ist ein viel zu langer, anstrengender, stellenweise aber sehr unterhaltsamer Tierhorror-/Katastrophenfilm, der technisch perfekt umgesetzt ist und inhaltlich zum größten Käse zählt, der jemals für einen Oscar nominiert wurde. Wenn ihr euch den Film aus den üblichen Gründen ansehen wollt, sage ich hier nur, dass er es schafft, einen Bodycount von TAUSENDEN von Menschen zu haben (inklusive entgleister Züge und explodierender Kraftwerke) ohne einen einzigen Tropfen Blut (oder nackte Haut) zu zeigen. Freunden des Bienen-Horror rate ich zum wesentlich unterhaltsameren 'Mörderbienen greifen an' mit Horst Buchholz und Michael Parks, der zwei Jahre zuvor gedreht wurde und dem Schwarm sicher als Vorbild diente. Während der Film selbst lange erklärt, dass es aussieht wie 'eine bewegliche schwarze Masse' und sich anhört wie 'ein paar tausend Kettensägen', schneide ich zweieinhalb Stunden auf zwei Worte und sage: Killer-Bienen.


Spooner