The Loved Ones


‘You don't have to die to go to hell’


Originaltitel: The Loved Ones (2009) Regie & Drehbuch: Sean Byrne
Darsteller: Xavier Samuel, Robin McLeavy, John Brumpton FSK: 18


Prom Night, das zweite Weihnachten für Teenager. Statt Braten aus dem Ofen gibt es Suff aus roten Plastebechern und anstelle von Geschenken werden Geschlechtspartner ausgepackt. Wer Prom Night hört, der ist in Gedanken ganz schnell in US-amerikanischen Suburbs, doch auch in der ehemaligen britischen Strafkolonie Australien (mittlerweile rehabilitiert und mit stolzen Nationalsymbolen wie dem Ayatollah aller Rock’n’Roller, der Oper in Sydney, Crocodile Dundee und Nicole Kidmans Nase zu Weltrum gelangt) wird dieses organisierte Aufeinandertreffen junger Leute zur Paarungszeit zelebriert.

Der Prom Court tagt

Die Protagonisten von ’The Loved Ones’ bilden da jedoch eine kleine Ausnahme. Aber das ist schon okay, sie unterscheiden sich nämlich erheblich von den Figuren, die in vergleichbaren Filmen ihr Stelldichein geben. Da haben wir zunächst Brent, der vor einiger Zeit seinen Vater bei einem mehr als seltsamen Autounfall verloren hat und seitdem seine Freizeit mit solch illustren Beschäftigungen wie dem Lauschen von Verdammnis verheißender Metalmucke, dem Selbstverstümmeln mittels Rasierklingen und dem Potrauchen im idyllischen Outback verbringt. Brent hat zwar eine wirklich nette Freundin, aber keine zufrieden stellende Antwort auf ihr “Ich liebe dich.“ Aber das ist für sie okay. Sie nennt ihn “Gefühlskrüppel“ und lächelt dabei.
Dann ist da Lola und Lola hat echte Sozialisierungsprobleme. Zunächst einmal verguckt sie sich immer in die falschen Jungs, nämlich jene, die nichts von ihr wollen. Wo andere Mädchen es gut sein lassen oder im schlimmsten Fall beleidigt abdampfen, schickt Lola ihren Daddy vor. Dieses kleine Miststück mag in der Schule vielleicht das unscheinbare Mäuschen im rosa Pony-Nicki sein, aber zu Hause ist sie der Boss. Daddy liebt seine Lola und macht alles für sie. Das schließt auch das Kidnapping des potentiellen Prom Kings ein, der zur Nacht der Nächte gefesselt am gedeckten Tisch in einem abgelegenen Haus aufwacht und der Familie vorgestellt wird. Brent ist Lolas aktuellste ’Eroberung’ und muss nun eine Tortur durchleben, die ganz offensichtlich Tradition im Hause hat.

Ihre Majestäten:
Lady Bitch Lola & King Daddy Kill
Wie fast jeder Horrorfilm der letzten 30 Jahre bedient sich auch ’The Loved Ones’ reichlich an Vorbildern. ’The Texas Chainsaw Massacre’ wird ebenso zitiert wie ’Carrie’ und John Hughes 80er-Komödien a la ’The Breakfast Club’, aber auch neueres Material wie ’High Tension’ oder einige Vertreter aus der so genannten Torture Porn-Welle (machen wir uns nix vor, gefoltert wird hier genug, um das Klientel jener Filme ebenfalls zu bedienen).
Das ist keine Schande, der Kniff ist letzten Endes immer die Umsetzung und genau da macht Regisseur und Autor Sean Byrne, dessen Spielfilm-Debüt hier vorliegt, vieles richtig. Ich wusste so gut wie nichts über den Film, bevor die Scheibe im Player steckte (was heutzutage schon fast unmöglich ist) und auch ohne den Trailer gesehen zu haben, ohne die Publikumsstimmen vom Fantasy Filmfest letzten Jahres gehört zu haben, merkt man schon sehr bald, dass dies nicht der typische Füllhorst-Folterstreifen aus den Low Budget-Backwoods ist, sondern ein weiterer unbequemer Genre-Klunker in bester Aussie-Qualität. Von vornherein brodelt es unter der Oberfläche. Das geht schon bei der Musikauswahl zu Beginn los (“Have you heard about the lonesome loser“) und verdichtet sich, nachdem Brent zur Begrüßung im Tollhaus mittels Chemie-Spritze des Sprachvermögens entledigt wird. Lange bevor es ans Eingemachte geht, stehen hier zunächst die Figuren und deren Konflikte im Vordergrund. Was ’The Loved Ones’ auszeichnet ist, dass diese nicht den dürftigen Genre-Klischees entsprechen, die man aus dieser Art von Film gewohnt ist. Hauptdarsteller Xavier Samuel spielt eben nicht den arroganten Jock, der von der grauen Maus bekehrt werden muss. Er ist ein traumatisierter junger Mann, der von Schuldgefühlen geplagt wird, die ihm bislang niemand nehmen konnte. An sich nichts ungewöhnliches, aber angesichts der Rolle die für ihn hier vorgesehen ist (als Opfer der überspitzten Außenseiter-Figur Lola) ist das definitiv jenseits der Konventionen. Das beschränkt sich nicht nur auf die Hauptfiguren. Auch unter der Schale der Nebencharaktere steckt mehr als die ungeschriebene Regel “Eine Charaktereigenschaft pro Figur!“ normalerweise zulässt.

The Too Old Boy
Brents Freundin ist nicht die zickige Cheerleader-Schnepfe, sie sorgt sich um ihn, wünscht sich aber mehr emotionale Stabilität. Die wankelmütige sexy Emo-Schnalle, mit der Brents bester Freund in einer Nebenhandlung (die zunächst etwas überflüssig erscheint, sich später jedoch ins Gesamtbild fügt) zum tatsächlichen Abschlussball geht, ist nicht die typische Gothic-Bitch, sie ist genau so vom Verlust zerfressen wie der Protagonist.
Es ist schon amüsant, dass ausgerechnet die soziopathischen Backwood-Weirdos mit der bedingungslosen Gewaltbereitschaft noch am ehesten ins aktuelle Bild des Horrors passen. Allerdings nur oberflächlich betrachtet, denn die Chemie zwischen Princess Lola und Daddy (mit manischem Eifer von Robin McLeavy und John Brumpton verkörpert) ist wirklich jenseits von Gut und Böse angesiedelt. Sie sind ein Tag Team des Todes, dessen psychopathische Gewalt-Routine von Byrne durch zweideutige Szenen gegenseitiger Abhängigkeit und Blicke unterschwelliger Sexualität ergänzt werden, die dem Zuschauer ein mehr als unwohles Gefühl bescheren dürften. Aber auch das findet, wie vieles in ’The Loved Ones’ abseits des Offensichtlichen statt.
Der Film (der wie die besten Vertreter des Down Under-Kinos die australische Landschaft zu seinem Vorteil nutzt) verfügt über einen nicht unerheblichen komödiantischen Aspekt, der im Vergleich zu vielen anderen Filmen, die sich im ’Humorror’-Fach versuchen, jedoch nicht mit allzu groben Pinselstrichen verteilt, sondern eher ganz gezielt eingesetzt wird. Meist hat ein humoristischer Ansatz hier nur noch mehr Entsetzen zur Folge.

Pretty in Pink (with a hint of red)

“Das Loch ist zu klein, kannst du’s bitte größer machen?“

Ganz simpel gesagt, nimmt ’The Loved Ones’ etwas Bekanntes und schafft daraus etwas Originelles. Es gibt genug aktuelle Filmschaffende, die von ihren Werken behaupten, dass sie sich dem Geist des Siebziger Jahre Horrors verpflichtet fühlen. Von zehn Filmen kann einer solche Sprüche mit Tatsachen belegen. ’The Loved Ones’ ist dieser eine Film. Oder sagen wir: Einer dieser Filme, die ihre kompromisslose Vision durchziehen, dabei Genre-Konventionen für den eigenen Vorteil zurechtbiegen und darüber hinaus erzählerisch komplett schlüssig sind. Wem das nicht als Empfehlung genügt, dem stelle ich hiermit die Erfahrung in Aussicht, miterleben zu können, wie Soziopathen, die für den Abschlussball keinen abbekommen haben, die Konter-Veranstaltung zu Hause zelebrieren, bis Randle McMurphys verwahrloste Erben zum Buffet rufen und die Discokugel über dem Küchentisch explodiert. Ja, das alles passiert tatsächlich, aber Obacht: Die eigentliche Action geht hier zwischen dem Keuchen, Stechen und Schreien ab.


Hudson