Super


‘Shut up, Crime!’


Originaltitel: SUPER (2010) Regie & Drehbuch: James Gunn
Darsteller: Rainn Wilson, Ellen Page, Liv Tyler FSK: 18


Inspired by religious vision

Willkommen zu James Gunns ’Super’, dem neuesten Eintrag in das immer größer werdende Subgenre des ’Superhelden sind cool, aber jetzt stellt euch mal vor, jemand der nicht super ist, würde versuchen, ein Superheld zu werden’-Films.

Frank (Rainn Wilson) ist ein gutmütiger, einfältiger und nicht sonderlich attraktiver Koch, der ausgerechnet mit der elfenhaften Sarah (gespielt von Liv Tyler, Elfin) verheiratet ist. Die zwei besten Momente in Franks Lebens waren seine Hochzeit und als er einem Polizisten zeigte, wo sich ein Dieb versteckt. Frank liebt Sarah über alles, sein Leben scheint darüber hinaus allerdings keine Bedeutung zu haben. Als seine Frau von dem widerlichen Sleazebag und Gangster Jaques (Kevin Bacon) mithilfe von Drogen verführt und in seinen Dunstkreis von kriminellem Gesocks einverleibt wird, ist Frank am Ende. Von Trennungsschmerz gebeutelt, von religiösen Visionen und einer grotesken Bibel-Superhelden-Show (starring Nathan Fillion) inspiriert, entschließt er sich, eine zweite Identität zu erschaffen und von nun an gegen das Böse zu kämpfen.

“Halt die Fresse, Verbrechen!“

Ein Kostüm ist schnell zusammengeschneidert, ein Name gefunden (’The Crimson Bolt’), doch als Frank (nach stundenlangem Herumlungern hinter Müllcontainern und einer Tracht Prügel von einem Pusher) merkt, dass er keine sonderlichen Fähigkeiten besitzt, die ihm für seine Berufung nützlich sein können, recherchiert er im örtlichen Comicshop, was Superhelden ohne Superkräfte so anstellen. Hier bekommt er nicht nur die Inspiration zu seiner neuen Superwaffe (eine Rohrzange), sondern macht auch die Bekanntschaft mit Libby (Ellen Page), einem jungen, aufgeweckten Nerd-Chick, dass ihre ganz eigene Einstellung zum Thema Selbstjustiz hat und die bald hinter Franks Geheimnis kommt. Kurze Zeit später hat Libby ihr eigenes Kostüm gefertigt und drängelt sich dem ’Crimson Bolt’ als Sidekick ’Boltie’ auf. Im Kampf gegen das Böse und im Streben nach der Erlösung Sarahs stürzen sich die beiden in eine Spirale aus Gewalt, Gerechtigkeit und Prinzipien, die kein gutes Ende nehmen wird...

The Holy Avenger
Angefangen von dem irrwitzigen Cartoon-Intro, über trashige Comic-Commercials, überbordernde Gewalt am Rande der Geschmacklosigkeit, groteske Traumsequenzen, bis hin zu einer Szene, in der sich Liv Tylers Gesicht aus einer Ladung Kotze im Klo formt, ist ’Super’ geprägt von der Mentalität, die James Gunns während seiner Lehrjahre in der legendären ’Troma’-Schmiede aufgesogen haben muss (der obligatorische Cameo von Lloyd Kaufman ist nur das I-Tüpfelchen). Gunns Herkunft ist unleugbar. Seine Schule war der Schund. Seine Figuren sind Over-the-Top, seine Welt ein Sammelsurium des Bizarren, seine Darstellung von Gewalt und Körperflüssigkeiten explizit und dennoch findet man etwas zutiefst Persönliches, ja Menschliches in ’Super’.

Yeah right, right?
Rainn Wilson und Liv Tyler als Paar zu zeigen, scheint zunächst der Gipfel des Absurden. Folgt man der Nebenhandlung, welche die Beziehung der beiden in Rückblenden erzählt, ist die Verbindung jedoch absolut nachvollziehbar. Diese Szenen - Beginn, Zentrum und Ende ihrer Partnerschaft - befinden sich scheinbar völlig abseits des eigentlichen Plots, bekommen sowohl visuell als auch durch Tyler Bates (ansonsten recht schmissigen) Score einen ganz eigenen emotionalen Anstrich verpasst und helfen uns auf dem Weg zu einem beinahe rührseligen, aber eigenwillig passenden Epilog. Zu gewissen Teilen ist Gunns Film (den dieser kurz nach seiner eigenen Scheidung realisierte) sicher als Gleichnis für Trennungsschmerz zu verstehen und die (oft krankhafte) Weise, wie Menschen damit umgehen.

The Crimson Bolt at work
Natürlich ist unser Protagonist kein Superheld. Er ist bestenfalls ein verlorener, von religiösen Wahnvorstellungen angefixter Vigilante, der den Verlust seiner Lebensaufgabe Nr. 1 dazu nutzt, Lebensaufgabe Nr. 2 (die bisher nur in seinem Kopf herumspukte) auf ungesunde Art durchzuboxen. Er ist eine jämmerliche Version von Paul Kersey und Travis Bickle, dessen Heldentum sich darin äußert, dass er Drogendealern, Pädophilen und Vordränglern (da macht er keinen Unterschied) mit der Rohrzange den Schädel eindrischt. Szenen wie die erste Vorstellung seiner “Waffe“ und die darauffolgende “Klopp den Gangstern auf den Kopp“-Montage sind zum Schreien, aber im Laufe des Films werden wir Zeuge der Entwicklung eines gestörten Individuums und spätestens beim blutrünstigen Finale wird dem nicht komplett desensibilisierten Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleiben. Rainn Wilson bedient sich dabei grotesker Grimassen und subtiler Mimik gleichermaßen und hält die Rolle, die nur allzu leicht zur Lachnummer hätte verkommen können, auf einem erstaunlich versierten Niveau. Was auch immer man von Wilsons Comedy-Routine halten mag, seine Darstellung in ’Super’ kann gar nicht genug gelobt werden.

She's a maniac, maniac on the floor
Wer wegen Franks irren Gewaltsausbrüchen im Laufe des Filmes meint, man hätte es mit einem waschechten Psychopathen zu tun, der hat die Rechnung ohne seine Partnerin gemacht. Libby aka Boltie ist der gebeutelte Wahnsinn in niedlicher Verpackung, die Furie hinter der Fassade, the devil in an a-cup. Während Frank seine Mission in seinem Wahn todernst nimmt, nutzt Libby ihre zweite Identität als Output für sexuelle Fantasien und irrationale Rachegelüste. Sie ist keine gelernte Arschtreterin, wie sie das Genre nur allzu gerne zelebriert, aber was ihr an Professionalität fehlt, macht sie mit soziopathischem Übereifer wett. Ellen Page ist die wahnwitzige Geheimzutat des Films und balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Girlie-Charme und abartigem Tatendrang. Ihre Interaktion mit Wilson gehört zum Besten, was ’Super’ zu bieten hat.

Michael Rooker kickin' ass
Kevin Bacon personifiziert das schmierige Böse in Bestform. Dank Bacons erprobter Versiertheit wächst die Figur, im Grunde ein ganz armes Würstchen mit Knarre und Connections, über eine Karikatur hinaus. Seine Konfrontationen mit Frank sind genauso unangenehm wie entlarvend, sein Umgang mit seinen Henchmen zum Schreien und die Szene, in der er seine unter Drogen stehende Freundin unter subtilem Protest an einen widerlichen Geschäftspartner zu sexuellen Zwecken abtritt und danach bemerkt “Wenn deine Kunden dein Mädchen für eine Hure halten, ist’s wohl an der Zeit, sie abzuservieren.“ ist eine jener Momente, die den Zuschauer auf ganz eigene Art und Weise berühren.
Auch Liv Tylers Figur besitzt mehr Tiefe, als es den Anschein hat. Anfänglich hält man Sarah womöglich für eine undankbare Drogen-Schlampe, doch mithilfe der Rückblenden erfährt man mehr über sie und ihre zerrüttete Vergangenheit. Ein Film mit weniger Ambitionen hätte dies nicht für nötig gehalten.
Neben den vier Stars des Films tummeln sich auch viele von Gunns erprobten Regulars, u.a. Michael ’Henry’ Rooker als Bacons Handlanger mit einem Hauch von Herz, Nathan ’Captain Mal’ Fillion als lächerlicher Bibel-Superheld ’Holy Avenger’ und Gregg ’Payback’ Henry als ermittelnder Cop, dessen ’Die Polizei ist Franks Treiben auf der Spur’-Subplot, wie vieles bei ’Super’ ein vorzeitiges, gewalttätiges Ende findet.

Crime Spotting

Ja, nach ’Kick Ass’, ’Mirageman’, ’Defendor’ etc. ist das Thema längst nicht mehr frisch. Was Regisseur James Gunn dank eigenwilliger Herangehensweise daraus macht, ist allerdings so amüsant, wie tragisch, absonderlich, aber auch direkt, derartig unverschämt und unterhaltsam, dass diese gutpolierte Low-Budget-Produktion mit Herz, Schmerz und Gekröse eigentlich jedem filmaffinen Genrefan mit festem Magen und Faible fürs Absurde empfohlen werden muss. Die Zeit wird zeigen, ob ’Super’ die Tinte des Kult-Stempels, den ich dem Film nur allzu gerne verpassen würde, auf der Brust behalten wird.


Hudson