3:15 - Die Stunde der Cobras


‘He took them all on. On their terms. On their turf.’


Originaltitel: 3:15 (1986) Regie: Larry Gross
Drehbuch: Sam Bernard & Michael Jacobs
Darsteller: Adam Baldwin, Deborah Foreman, Rene Auberjonois FSK: 18


Achtziger Jahre Nischen-Kino. Das gibt's bei uns zuhauf und auch wenn '3:15 - Die Stunde der Cobras' ebenfalls mit diesem Siegel vom Werk ging, haben wir es hier nicht mit einem klar schubladisierten Subgenre-Reißer, wie beispielsweise 'Class of 1984', 'Young Warriors' oder 'Die gnadenlose Clique' zu tun, sondern mit einem kuriosen High-School-Gang-Drama, das rabiates Rabaukentum mit heute putzig wirkender Jugendsprache vermischt und dank einer sympathischen Hauptfigur damit durchkommt.

City-Schlangen in Freizeitmode
Adam Baldwin ('Firefly') spielt Jeff Hannah, der bei den Cobras der heißeste Hauer ist, wenn auch nur Mitläufer, aber guter Kumpel von Cheffe Cinco. Als letzterer bei einem Brawl gegen eine feindliche Gang auf heißem Pflaster im fremden Turf (der Supermarkt um die Ecke) einem Flüchtenden das Messer in den Rücken jagt, hat Jeff die Schnauze voll und schmeißt die Lederjacke hin (offensichtlich ein Zeichen dafür, dass man aus den Reihen austritt).
Ein Jahr später ist Jeff eine große Nummer im Basketballteam, hat eine nette Freundin und nichts mehr mit den Cobras zu tun. Die haben mittlerweile die komplette Schule dank Schutzgelderpressung und Drogenhandel im Griff und sind nicht gut auf den geläuterten Hünen zu sprechen. Als Jeff sich während einer Razzia weigert, Drogen von Cinco zu verstecken, ist er auf der Abschussliste der Gang und damit auch jeder, der ihm nahe steht.

"Hör auf, 'nen Breiten zu machen, darauf hab ich keinen Bock!"
"Du hast'n Knall, du Seuchenvogel!"

'3:15 - Die Stunde der Cobras' - Ein Titel, der Exploitation-Freunde aufhorchen lässt. Aber Fans von 'Die Stunde der Ratte', 'Die Stunde der Aasgeier' oder 'Die Stunde der grausamen Leichen' sollten ihre Erwartungen kalibrieren. Der vorliegende Film konzentriert sich nicht auf 60 Minuten Genre-Grauen, sondern auf die in der Realität der Achtziger Jahre viel greifbarere, populär aufgearbeitete Angst vieler Erwachsener vor Halbstarken.

Balduin - Die Nackenwelle
Als wir Adam Baldwin zum ersten Mal sehen, ist er beim Rumknutschen mit einer Braut, die er achtlos zur Seite schiebt, als seine Gang-Brüder an seiner Ecke vorüber streifen, als wären sie dem Video von Michael Jacksons 'Bad' entsprungen. Später wird Baldwins Charakter alle Verbindungen zu seiner ehemaligen Gang kappen, um sein Mädchen davon zu überzeugen, dass es ihm ernst mit ihr ist. Je nachdem aus welcher Ecke man kommt, kann das entweder als Schritt zum Erwachsenwerden (durch die verantwortungsbewusste Flucht aus dem Teufelskreis der Gewalt) oder als Verdammnis zur Pussifizierung (Jeff Hannah? More like Hannah Jeff, Dude!) verstanden werden. Ich tendiere zu Ersterem. Auch wenn ich nie in einer Gang war, abgesehen von FilmFlausen, was, bis auf die Aufnahmerituale, aber nicht dasselbe ist.
Apropos Gangs: Regisseur Larry Gross war bis dato "lediglich" als Autor von Walter-Hill-Streifen wie 'Streets on Fire' bekannt. Auch bei '3:15' gibt es ein paar illustre Gestalten, die sich in diversen Banden gruppieren. Da sind zum Beispiel die Karate-Gang, die den Schulhof als ihr Dojo nutzen und Blaxploiter/Black-Panther-Gang, deren Anführer (gespielt von Mario van Peebles) zwar gerne dummdreiste Sprüche reißt, letzten Endes aber den Schwanz einzieht, wenn es darum geht, einzugreifen. Was dann von Baldwin mit einem ähnlich dummdreisten "Warum sich schwarze Finger holen, wenn man schon welche hat." quittiert wird. Einem, von vielen dämlichen Sprüchen, die dieser Film, wie viele andere seiner Art in den 80ern nutzt, um das Gefühl einer eigenen Jugendkultur zu etablieren.

Da schallt "Nur Bares ist Wahres. Ohne Knete keine Käthe!" durch die Flure. Jugendliche werden ununterbrochen als "Seuchenvogel" oder "Weich geföhnte Süßwasserflasche" tituliert, sogar die Cops fordern Verdächtige mit den Worten "Los, du Typ! Mach 'nen Adler!" auf, ihren Anweisungen zu folgen.

Hachja, Halbstarke in den Achtzigern.
Man brachte sein Können noch vor die Tür.
(Heute hockt man ja nur noch in der Bude und prahlt damit im Internet.)

Der Titel '3:15' bezieht sich auf die Uhrzeit, zu der die Cobras und Cobrettes Jeff fettich machen wollen. Ein Jahr später verlegten Richard Tyson und Casey Siemaszko ihren nicht unähnlichen 'High-School-High-Noon'-Standoff in 'Three O'Clock High' eine Viertelstunde vor.
Im Gegensatz zu Siemaszko versucht sich Baldwin jedoch nicht rauszureden, freizukaufen oder absichtlich zum Nachsitzen zu müssen. Er hat's auch nicht nötig, er ist Adam Baldwin aka Animal Mother aka the hero called Jayne. An Baldwin hängt der Film und Baldwin packt's. Mit der richtigen Mischung aus Machismo, rechtschaffenem Rebellentum und einer charmanten "I-don't-give-a-shit-but-then-again-I-do"-Attitüde nimmt er es im Alleingang mit bezaubernd dargestelltem Abschaum auf. Hilfe kann er nicht erwarten. Selbst der Typ, der sich als sein bester Freund ausgibt, lässt sich von seiner Mutti am Telefon entschuldigen. Was fast so erbärmlich ist, wie die Knarre, die Schurke Cinco zum finalen Messerkampf mitbringt.
Neben einem verschwendeten Cameo von Wings Hauser ('Maniac City') sehen wir 'Odo' von der 'Deep Space Nine' als feigen Rektor im 'Nassen Handtuch'-Modus, Ed Lauter ('Death Wish 3') spielt einen Cop, der einen Football-Coach spielt und das spätere 'Showgirl' Gina Gershon zickt in einer kleinen Rolle als "Cobrette" rum. Jene sind die weiblichen Cobras, eine Gang die sowieso ihr ganz eigenes Verhältnis zur Grammatik hat ("Du bist ein Cobra! Vergiss das nicht!").

Wer Gina Gershon findet, darf sie behalten.

Fans von barbarischen Banden, die in speckigen Schulgebäuden grobe Gebärden üben, werden sich bei '3:15' ebenso gut aufgehoben fühlen wie Soziologie-Nostalgiker mit Stonewashed-Trauma. Hier treffen Switchblade-Lipsticks auf soziales Engagement, Asipalmen auf Attitüden und rivalisierende Rowdys auf Reifeprüfungen. Die Filmemacher wollten uns mit ihrem Werk sicher zeigen, dass Halbstarke es ernst meinen. Auf eine verspielte, aber überzeugende Art gelingt ihnen das tatsächlich und hätten sie nicht diesen beschissen schmalzigen Song ("You better make up your mind. No hesitation!") über das Finale gelegt, dann könnte ich das Gleiche eventuell auch über sie sagen.


Hudson