Street Trash


‘Just when you thought you had seen it all.’


Originaltitel: Street Trash (1987)
Regie: J. Michael Muro Drehbuch: Roy Frumkes
Darsteller: Mike Lackey, Bill Chepil, Vic Noto FSK: SPIO/JK


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Es gibt Filme, die sind einfach nicht für jedermann geeignet. Gemeint sind Nischenfilme, die nur für spezielle Zielgruppen brauchbar sind. Splatter-Filme für Hardcore-Horror-Fans, rumänische Kunstfilme für Nadelarbeitsstudenten oder Soft-Pornos für einsame Millionäre die Inspirationen brauchen. Und dann gibt es Filme, die sind so bizarr, so abseits jeglicher Konvention, dass die Macher scheinbar überhaupt keine Zielgruppe im Auge hatten. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal ’Street Trash’ sah, war ich hin und weg. Etwas vergleichbares hatte ich noch nie gesehen und das war schonmal ein guter Anfang.

Zur Story:

“Habe die Ehre!“
Tja… hier geht’s schon los. Denn ’Street Trash’ ist das Äquivalent zu einem Sandkasten. Eine riesige Spielwelt, in welcher der Zuschauer beinahe ausschließlich dem Alltag der Protagonisten beiwohnt. Nur, dass es ein Sandasten voller Scherben, Erbrochenem und Spritzen ist. Und einem 60 Jahre alten Suff namens ’Viper’, der die zentralen Ghetto-Bewohner bei Verzehr in eine brodelnde, schwammige Masse auflöst. Und genau das ist der rote Faden, der sich eher lose durch 90 Minuten Wahnsinn zieht.
Viel wichtiger, als dieser läppische Aufhänger, der sich für Splatter-Freaks auf den ersten Blick vielleicht lecker anhört, aber nicht wirklich der Kern des Films ist, sind die Protagonisten selber. Im Mittelpunt ist Freddy, ein Penner, der sich täglich auf’s Neue durch’s Leben schlagen muss. Freddy lebt mit seinem jüngeren Bruder Kevin auf dem Schrottplatz eines widerlichen Ghettos, unter einem riesigen Reifenhaufen.

“Habe die Olle!“
Dann ist da Bronson, der Ghettobösewicht und Bandenchef. Nur dass sich seine Gang aus drei Suffköppen und einer abgefuckten Cracknutte zusammensetzt. Bronson lebt auf seinem eigenen Schrottplatz unter der Motorhaube eines gewaltigen Trucks, den er als Thron benutzt. Im Gürtel ein Messer aus Menschenknochen und auf den Knien die besagte Cracknutte, die sich kaum mehr bewegen kann. Des Nachts träumt er von Vietnam, wo er einst war und etliche Opfer verstümmelte. Seine Handlanger unterwandern das Ghetto, ziehen den anderen Pennern Kohle und Suff ab, sehen aus wie wandelnde Lumpenhaufen und riechen wie Omas Schlüpper.
Desweiteren streift Polizist Bill durch die Gegend, auf den Plan gerufen durch die ersten Opfer des Killergebräus, deren Überreste er aufsammeln muss. Ein Serienkiller? Ritualmorde? Der Mann ist unschlüssig und greift erstmal durch.
Während Kevins Freundin sich gegen die Anmachen des widerlichen Schrottplatzbesitzers Mr. Schnizer (’Troma’-Fettsack Pat Ryan) wehren muss, schleppt Freddy die sturzbesoffene Privatschlampe (“Bist du so blöd geboren oder hast du das studiert?“) des örtlichen Gangsterbosses Duran ab, die nach dem One-Night-Stand von Schrottplatz-Zombies entführt wird. Als Duran davon erfährt, schickt er einen Killer ins Ghetto. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle Beteiligten entweder zerschmolzen im Straßengraben liegen oder sich zu einem Showdown der Absurditäten treffen…

“Du warst nicht da, als Dad aus Vietnam zurückkam und wir nicht mal einen ’Godzilla’-Film glotzen durften, ohne dass er nicht gleich ’Schlitzaugenalarm’ schrie.“

Like ice in the sunshine...

Penner schmelzen, Leichen werden geschändet, Penner philosophieren (“Hab grad meinen Sohn gesehn. Er versaut sich ds ganze Leben mit diesen verdammten Computern!“), Passanten werden belästigt, Penner rauben Supermärkte aus und einem urinierenden Strolch wird der Schwanz von Bronsons Knochenmesser abgetrennt und später zu klimpernder Barmusik als ’Ball’ beim Fangenspielen benutzt.
Ist euch langsam klar, was das für ein Film ist?
’Street Trash’ ist alles mögliche. Abstoßend aber faszinierend, widerwärtig und doch ein wenig liebenswert, hard-to-the-core und trotzdem albern.
Regisseur Jim Muro, der schon bei den grandiosen Horror-Trashern ’Elmer’ und ’Basket Case’ seine Finger im Spiel hatte, wurde später vor allem durch seine exzellente Arbeit als Steadycam-Operator in James Cameron-Filmen bekannt.

Street Art
Was er hier auf den Bildschirm zaubert, ist von technischer Brillanz geprägt (irre Kamera-Fahrten, die an Sam Raimis ’Tanz der Teufel’ erinnern) und mit einer dreckigen Optik versehen, die irgendwo zwischen Endzeit-Look und Ghetto-Eindrücken schwankt. Alles ist verkommen, abgehalftert, schmutzig, man kann den Dreck fast durch den Schirm hindurch riechen.
Die Schauspieler sind No-Names, deren durchaus gekonnte Performance von der unprofessionellen deutschen Synchro eine zusätzliche Authentizität verliehen bekommt. Diese Synchro sorgt mit ihren teilweise bescheuerten Sprüchen und Dialogen (“Hey Eddie! Wie geht’s deiner Tochter?“ “Das kann man nie wissen!“) mehr als einmal für Aufheiterung. Man könnte fast so weit gehen und behaupten, bei Street Trash’ handelte es sich um eine groteske ’Sozialstudie’. Das Leben eines New Yorker Penners ist höchstens in Terry Gilliams ’König der Fischer’ ähnlich beeindruckend umgesetzt worden.
Doch gab es da keinen Mordsschnaps, der die Ghetto-Ratten in brutzelnde Masse auflöste. Das Glotter-Design dürfte selbst dem abgebrühtesten Derberich die Klöten in den Strumpf hauen. Mit Make up und Masken schuf man absurd verzerrte Gebilde, die wohl dosiert über den Film gestreckt werden und dann mit voller Schmelz-Wucht losbrettern.
’Street Trash’ ist in der klitzkleinen Nische der ’Melt Movies’ ungekrönter König. Da kommt effekttechnisch auch sonst so schnell nichts heran.

"I'm yo pusher, baby!"

Kein Filmtitel war je passender als dieser. ’Street Trash’ ist genau das: Straßenmüll!
Und zwar die Sorte, die ihr mit nach Hause nehmt, um sie euren kaputten Kumpeln zu zeigen. Für normale … ach kommt, die würden den Film nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Der Rest weiß bescheid. Und falls es dem aufmerksamkeitsdefizitären Trashhasen nicht aufgefallen ist: Hier hat’s Gore & Glotter, Vietnam & Sprüche, Sex, Gewalt und abbe Pimmel! Schnaps holen, anschalten, abgehen!



PS: Nur noch mal kurz zur Erinnerung. Der Regiesseur von 'Street Trash' hat bei TITANIC hinter der Kamera gestanden... bei TITANIC! Das Leben ist echt verrückt..


Hudson