Straßen in Flammen


‘Tonight is what it means to be young.’


Originaltitel: Streets of Fire (1984) Regie: Walter Hill
Drehbuch: Walter Hill & Larry Gross
Darsteller: Michael Paré, Diane Lane, Rick Moranis FSK: 16


A Rock & Roll Fable

Another Time Another Place…

It's so much better goin' nowhere fast.




Und hier setzen wir ein. Denn obwohl ’Streets of Fire’ zu großen Teilen von Komponisten-Legende Ry Cooder (’Southern Comfort’) musikalisch begleitet wurde, ist das Spotlight heute auf ’Ellen Aim & the Attackers’, die von unseren Lesern zum Sieger des “Battle of the fictional 80s bands“ gewählt wurden und zwar gegen gewaltige Konkurrenz wie ’Spinal Tap’, ’The Blues Brothers’ und ’The Wyld Stallyns’.

Ellen (Rockerbraut mit Band)
Wer sind ’Ellen Aim & the Attackers’ (und wen greifen sie an)? Nun, diese Frage hat mehrere Antworten. Wenn wir auf die Leinwand schauen, sehen wir die reizende (damals 18-jährige) Diane Lane als Ellen Aim. Wenn wir unsere Lauschlappen zur Unterstützung hinzuziehen, hören wir jedoch nicht nur eine, sondern zwei andere Damen, nämlich Laurie Sargent und Holly Sherwood, die von Komponist Jim Steinman zu einer gewaltigen Powerstimme kombiniert wurden. Sargent war Sängerin der New-Wave-Kombo ’Face to Face’, dessen übrige Bandmitglieder auch die ’Attackers’ darstellen. (Sie greifen übrigens niemanden an. Sie werden angegriffen, aber dazu später mehr.) Holly Sherwoods Stimme dürfte vor allem Liebhabern klassischen Schmetterrocks als Backgroundsängerin aus Songs wie ’Total Eclipse of the Heart’, ebenfalls aus der Feder des ehrenwerten Jim Steinman, noch herzhaft im Ohr klingeln.

Cody (Held mit Bike)
Wenn ihr nicht wisst, wer Jim Steinman ist, liebe Kinder, dann kramt mal im Schallplattenschrank eurer Eltern. Schallplatten sind diese großen, runden, schwarzen Scheiben in bunten Papphüllen, die zwischen dem CD-Regal und der Minibar im Herrenzimmer verstauben. Schaut speziell nach Meat Loaf und Bonnie Tyler, zieht euch beide nacheinander rein (oder synchron, wenn eure Eltern reiche Ärsche mit Doppeldecker-Vinylmaschine sind), bedient euch großzügig an der Minibar, ridert in das nächste Neon-Viertel, provoziert eine Schlägerei mit der lokalen Rockerbande, um einem Mädchen zu imponieren, während ihr lauthals “The sirens are screaming and the fires are howling way down in the alley tonight“ grölt* und ihr habt eine ungefähre Idee von der Stimmung, die in ’Streets of Fire’ angepeilt wird.

Der Film verbindet seinen granatenstarken Sound mit einer optischen und thematischen Orientierung an Bodennebel & Straßenfeuer, Lollipos & Zigaretten, Pomade & Hairspray, Fifties-Trachten & Neonlicht, Vintage-Hobeln & schweren Zweirädern. Regisseur Walter Hill (’Nur 48 Stunden’) wollte laut Produktionsnotizen den Geist seiner eigenen Teenager-Phantasien heraufbeschwören und eine Welt schaffen, in der “…custom cars, kissing in the rain, neon, trains in the night, high-speed pursuit, rumbles, rock stars, motorcycles, jokes in tough situations, leather jackets and questions of honor…“ zentral sind. Die Jugend beherrscht die Straßen. Keiner der Protagonisten scheint die Dreißig überschritten zu haben. Tonight is what it means to be young. It's so much better goin' nowhere fast.
Dementsprechend erinnert auch die Schnitttechnik, die Hill und seine Cutter (drei an der Zahl) anwenden, an den Stil damaliger MTV-Dynamik und war (was auch immer man von dieser Assoziation heutzutage halten mag) ihrer Zeit voraus.

"Let the revels begin. Let the fire be started."

Die Story ist recht schnell erzählt: Böse Bikerbande entführt Rockdiva Ellen, deren Ex-Macker (und Kriegsheimkehrer) Cody von ihrem neuen Macker (und schmierigen Agenten) Billy angeheuert wird, sie zu retten. Unterwegs werden amüsante Gestalten aufgelesen, verprügelt oder geknutscht. Es regnet, Neonschilder blinken, Gitarren rödeln. Am Ende verkloppen sich Michael Paré und Willem Dafoe mit Vorschlaghämmern.
Dass das jetzt erzähltechnisch nicht unbedingt nach der Creme de la Creme klingt, ist mein Verschulden. Was Genre-Eminenz Walter Hill daraus macht, ist nämlich viel besser, als jede gesalbte Synopsis erläutern könnte. Im Grunde genommen ist es die altbewährte ’Gut gegen Böse’-Kiste.

Raven (Schurke mit Brandschutz)
Sobald sich Willem Dafoes bleich-sinistre Visage zum ersten Mal aus den Schatten schält, wissen wir, dass wir es mit einem waschechten Halunken, einem Biker-Mephistopheles in S&M-Kluft zu tun haben. Raven (Dafoe) und seine ’Bomber’ benehmen sich wie Schurken, die man normalerweise zu Beginn eines zünftigen Barbaren-Filmes erwarten würde. Man ridert in voller Montur ins Dorfzentrum, holzt alles nieder und entführt die Prinzessin.
Also schön, in Anbetracht der Bikes und Lederklamotten könnte es auch ein Endzeit-Streifen sein. Ja, gut, viel eher noch ein Bikerfilm, aber das ist verdammt noch mal nicht der Punkt. Wichtig ist: Die Macher schaffen es, Genre-Konventionen in relativ frisch wirkendes Terrain zu verpflanzen. Dass es in diesem unverbrauchten Setting (nennen wir es Neontropolis) nie langweilig wird, liegt nicht nur am straffen Abarbeiten des Plots, der stuntreichen Action und einigen feschen Sprüchen in der deutschen Synchro, sondern vor allem an den tollen Darstellern und ihren zuweilen urigen Charakteren.

“Ich heiß McCoy. Ich bin Soldat. Das war ich jedenfalls, bis mir vor ein paar Jahren die Kriege ausgegangen sind.“ Solche Sprüche passen zu den hartärschigsten Typen diesseits von Plissken City. Bei ’Streets of Fire’ kommen sie aus dem Mund jener Dame:

McCoy (Sidekick mit Bindungsangst)

Zugegeben, die Kleine (Amy Madigan) macht äußerlich nicht viel her, aber sie kann eine 1A-Schnute ziehen, haut Bill Paxton mit einem Hieb aus den Latschen und hat die rauchige Synchronstimme von Marty McFlys Mama, damit die Zuschauer wissen, wie verrucht und räudig sie sein kann. Hypothetisch.

Hypothetisch lässt sich anhand der Figur auch eine herrlich prätentiöse Homosexualitäts-Debatte vom Zaun reißen. Die Lady kleidet sich wie ein Automechaniker, raucht Zigarren, lässt sich als Söldnerin anheuern, hat für Männer nur Abscheu übrig und dann ist da folgender Dialog:

“Ich war nämlich auch mal verliebt, Cody. Da ist nur nichts draus geworden“
“Du gehörst zu denen, die sich immer die Falschen aussuchen, stimmt’s?“
“Der Typ war der Schlimmste. Hat mich nur belogen und beschissen […] Natürlich war das, bevor ich Soldat wurde.“

Hmmm. “Bevor ich Soldat…“, aber lassen wir das! Letzten Endes tut die sexuelle Orientierung der Arschtreterin McCoy nichts zur Sache. Amy Madigan verkauft sie exzellent und laut offizieller Quellen war die Rolle ohnehin ursprünglich für einen männlichen Söldner geschrieben. Take that, pretentious movie critics!

Clyde (Bartender mit Fresse zum Dreinschlagen)

Die Frauen in ’Streets of Fire’ sind insgesamt keine Mimöschen. Deborah Van Valkenburgh (’The Warriors’) gibt Miachel Paré als dessen Leinwandschwester emotionale Unterstützung und Kontra zugleich und wenn die junge Diane Lane auf der Bühne steht, kann von ’Damsel in Distress’ keine Rede sein.
Vor allem letztere hat eine phantastische Chemie mit Hauptdarsteller Paré. Zwischen den beiden gibt es jede Menge unausgesprochene Gefühle und eine fast greifbare sexuelle Spannung. Vielleicht sogar Liebe. Aber auf jeden Fall sexuelle Spannung. Sex. Coitus. Geschlechtsverkehr. Greifbar. Fast.

Billy (Schleimer mit Brille)
Da erscheint es extra amüsant, dass ausgerechnet Rick Moranis den neuen Freund der Trällermieze mimt. Moranis kennt man eigentlich nur als hundertprozentigen Sympathieträger mit Schusselfaktor 10, aus Kultstreifen wie ’Ghostbusters’ und ’Little Shop of Horrors’. Normalerweise würden ’Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft’-Fans, Schwiegermütter und senile Omis an dieser Stelle Moranis lobpreisen und etwas von “Oach, der ist doch soooo niedlich!“ murmeln, aber der kurze, brillantinebescheitelte, sich am ’tough talk’ probierende, Hornbrille, Fliege und Ärmelflicken tragende Giftzwerg, den der Gute hier gibt, ist dermaßen ätzend, anmaßend und widerlich, dass man ihm recht bald das Öl auf der Fontanelle anzünden möchte. Kein Wunder, dass Ellen letzten Endes doch in Codys Armen landet (Spoiler). Er mag zwar nicht der gesprächige Typ sein**, der bodenständige Hausmann, der ihr die Gitarre rumträgt, aber er hat einen Dreitagebart, eine kesse Matte und kuckt trotzdem unschuldig, wie der junge Elvis vom Plattencover. Michael Paré ist der richtige Mann für diese Rolle. Und da ich etwas Derartiges in all den Reviews seiner Filme noch nie über ihn gesagt habe, könnt ihr darauf vertrauen, dass dies keine hastig daher geschriebene Absolution ist. Viel mehr eine ehrlich gemeinte, wohldurchdachte und anhand intensiver Beobachtung belegte Reaktion auf seine Leistung.

Knutschfilm-Alarm!
Es gibt viel mehr zu entdecken bei ’Streets of Fire’. Wer sich erst einmal in die stimmigen Sets eingepasst hat und von der grandiosen Musik getrieben wird, der versäumt im Taumel des Headbangings und Fistpumpings vielleicht kultige Auftritte bekannter Genre-Gesichter wie Grand L. Bush, Mykelti Williamson, Rick Rossovich, Peter Jason und Ed Begley Jr. oder des Lichtdoubles von Peter Kraus, das in einem verrauchten Diner einen weiteren schmissigen Rocksong bringt. Und die Jungs und Mädels vom ’The Warriors’-Fanclub werden schon beim Anblick der Neonlichter, die sich in nächtlichen Straßenpfützen unter rostigen Metro-Brücken spiegeln, feuchte Augen bekommen.
’Streets of Fire’ war ursprünglich als Trilogie konzipiert, fiel allerdings beim amerikanischen Publikum durch. Ausgerechnet Regie-Atze Albert Pyun (’Nemesis’) schnappte sich (den mittlerweile für jeden Scheiß verfügbaren) Paré und Deborah Van Valkenburgh, um 2008 ein inoffizielles Sequel namens ’Road to Hell’ zu verzapfen, das wohl aus rechtlichen Gründen bislang noch keinen Release erhalten hat. Bedenkt man die Qualität der letzten Pyun-Vehikel (vor allem die seines ’The Sword & the Sorcerer’-Sequels ’Tales from the ancient empire’), kann man diesbezüglich nur drei Kreuze machen.

Entgegen Ford Fairlanes Ratschlag kämpfen
echte Kerle immer noch Mano-a-mano.

Was uns bleiben wird, ist das Original. Ein Film für Leute, die sich “rock strong“ auf die knuckles tätowieren lassen (Daumen inklusive) und in ihren Träumen auf dicken Maschinen durch dünne Gassen heizen, während Blues-Gitarristen und Rock-Pianisten von den Balustraden musizieren. It’s my kinda movie. In diesem Sinne… Tonight is what it means to be young.***



Und das hat nicht unbedingt etwas mit eurem Alter zu tun. Macht was draus!



* Nicht wirklich, Kinder. Ihr solltet nichts dergleichen tun. Dieses Review ist nur an Personen ab 18 gerichtet. Jene sollten sich allerdings exakt an meine Anweisungen halten.
** Ausnahmen, wie folgende Dialog-Glanztat, bestätigen die Regel:
“Niemand hat bisher soviel Macht über mich gehabt, wie du. Ich hätte wirklich alles für dich getan. Vor langer Zeit dachte ich auch, dass du’s wert bist. Nun nicht mehr, Baby.“
*** Der Song wurde übrigens von der japanischen Popmieze Megumi Shiina gecovert und von Steinman nochmal für das Musical... pardon GRUSICAL 'Tanz der Vampire' verwertet.



Hudson