Straße der Gewalt


‘Carrol Jo Hummer - A working man who's had enough!’


Originaltitel: White Line Fever (1975) Regie: Jonathan Kaplan
Drehbuch: Ken Friedman & Jonathan Kaplan
Darsteller: Jan-Michael Vincent, Kay Lenz, Slim Pickens FSK: 16


’Straße der Gewalt’ funktioniert nach einem uralten Konzept, das sich von Rechts wegen zum damaligen Zeitpunkt schon längst hätte totlaufen müssen, aber auch heute noch froh und munter über die Bildschirme flackert, weil es wohl fest im amerikanischen Geist verwurzelt ist:

Der Kreisverkehr der Gewalt -
Schritt 1: Gewalt gegen Carol Jo
Einem anständigen Mann (no offense, Ladies, es sind meist männliche Protagonisten) wird (durch eine scheinbar übermächtige, meist kriminelle Organisation) Unrecht getan, er lässt sich das nicht gefallen, die Antwort kommt mit Gewalt, es folgt Gegenwehr, die Dinge eskalieren.
Hier ist es Vietnam-Veteran Carol Jo Hummer (Jan Michael Vincent), der trotz seines Vornamens ein echter Kerl ist und sein Geld auf der Landstraße verdienen will.
Alles läuft gut: Seine Frau Jerri Kane (Kay Lenz) unterstützt ihn finanziell, mithilfe der Bank kann er sich seinen Wunschtruck finanzieren und der windige Duane (Slim Pickens), ein ehemaliger Freund seines Vaters, verschafft ihm den ersten Auftrag, da ziehen erste Schatten auf. Carol Jo soll Schmuggelware mit seinem Schlepper transportieren und weigert sich. Das gibt nicht nur Ärger mit Duane, sondern auch mit dessen Hintermännern von der korrumpierenden Glass House Corporation, die alle Fäden im Staat in den gierigen Fingern hält. Natürlich weigert sich Hummer und natürlich nimmt der von mir ein paar Zeilen weiter oben beschriebene Kreislauf von Aktion-Reaktion-Eskalation seinen Lauf.

Schritt 2: Carol Jo gewaltet zurück
Die plakative Schinderei des Helden kennt bei ’Straße der Gewalt’ keine Grenzen. Hummer wird verfolgt, eingeschüchtert, verhaftet und misshandelt, verdroschen, in Mist gewälzt, noch mal verhaftet und fälschlicherweise für den Tod eines Freundes zur Verantwortung gezogen. Später liegt eine Klapperschlange in der Führerkabine seines demolierten Trucks, sein Haus wird angezündet, nachdem seine Frau halbtot geschlagen wurde, was in einer Fehlgeburt resultiert. COME ON! Warum sprayt ihr nicht noch “Carol Jo is a girls name!’ auf seinen Brummi und lasst ein Piano auf seinen kranken Hund fallen?
Hummers Gegenwehr lässt nicht lange auf sich warten. Mit Shotgun im Arm erzwingt er sich seinen Auftrag, mit Einsatz jener Shotgun hält er sich unliebsame Drängler auf der Straße vom Leib, als wär er Max Rockatansky von der Main Force Patrol. Schließlich rast er seinen Truck durch das Logo der Glass House Corp. zu Tode. Ein toller Stunt, ein klares Statement, ein nett gemeintes Bildnis für den Kampf des kleinen Mannes gegen das System.

Schritt 3: Jeder gewaltet gegen jeden -
Menschen gegen Menschen, Menschen gegen Objekte, Menschen gegen Tiere, Autos gegen Straßenschilder, 'Stadt, Land, Fluss' gegen 'Ich sehe was, was du nicht siehst'.

Dieses ’Schnauze voll!’-Feeling traf ganz sicher den Nerv des Publikums. Mit einem Protagonisten wie Hummer konnten sich rechtschaffene Amerikaner identifizieren, sowohl hart knüppelnde Malocher, als auch Jungunternehmer, die sich eine eigene Existenz aufbauen wollen, wie es so schön heißt.
Jan Michael Vincent (’Big Wednesday’) verkörpert Hummer als aufrechten, sturen und hitzköpfigen Ehrenmann, der fest an den amerikanischen Traum glaubt und dessen Grundsätze mit allen Mitteln, gegen alle Chancen und zu beinahe jedem Preis durchsetzen zu versucht. Kay Lenz (’Stripped to kill’), deren Figur wohl den größten Preis zu zahlen hat, lässt an Vincents Seite als standhafte Partnerin, besorgte Ehefrau und engagierte Kameradin an der Sache diverse Facetten blitzen.

Gewalt ist doof!
Aber ein Dialog-Drama wollte auch keiner drehen...
Die Nebenrollen sind mit Slim Pickens, Dick Miller und Martin Kove genre-prominent besetzt. Kove (’Stahljustiz’) spielt die auf ihn oft abonnierte Rolle des üblen Schläger-Machos gewohnt großspurig, an seiner Seite erfreut uns Stunt-Haudegen Neil Summers*. Bonuspunkte gib es für die sleazig-fiese Darstellung des Schurken Buck durch L.Q. Jones, dem Regisseur von ’A boy and his dog’, der genau wie Pickens (’1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood’) schon in diversen Peckinpah-Streifen vor der Kamera stand.
Regisseur Jonathan Kaplan, der sich seine Sporen wie viele seiner Zunft bei Roger Corman verdiente, inszenierte hier einen handwerklich brauchbaren Actionthriller, der mit einer ordentlichen Prise Krawall in ein fragwürdiges Finale düst, das auf einer Einstellung endet, die schon dem sehr ähnlichen ’Walking Tall’ einen absurden finalen Touch verlieh.
Sicher, die Protagonisten beider Filme wollen bestenfalls etwas bewegen, dass mehr als sie persönlich betrifft. Aber hier wie da wirkt der finale Support ihrer Gemeinschaft mehr wie die Symbolisierung der Sympathie des Publikums, als wie eine nachvollziehbare Reaktion herumhängender Geigen. Momente wie dieser ’Am Ende halten sich alle an den Händen und zollen dem Helden, der im Auftrag von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen alle möglichen Gesetze verstoßen hat, Respekt’-Schlusspfiff sind es, die in etwas aufgeweckteren Zuschauern den blanken Zynismus wecken können. ’Aus Hackepeter wird Kacke später’ wäre die simplere, aber ehrlichere Botschaft gewesen.



* USELESS USEFUL FLAUSENTRIVIA # 3
Die einfachen Freuden des Flausenfuzzis sind (neben Barbaren, Ninjas und Cyborgs) immer wiederkehrende Gardefressen, die zur sogenannten "dritten Reihe" gehören. Darsteller, deren Präsenz (oft unterstützt durch markantes Äußeres) selbst im Hintergrund die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich ziehen. Case in point: Mein Freund Mausezahn, der mir schon als Dreikäsehoch in ’Mein Name ist Nobody' auffiel. Später glaubte ich, sein einmaliges Antlitz in dem Blaxploitation-Western ’Boss Nigger’ wiedererkannt zu haben, konnte aber keine Namensübereinstimmung innerhalb der Casts finden. Es dauerte bis zur Sichtung von ’Straße der Gewalt’, dass mir Mausis Gesicht wieder auf der Mattscheibe entgegengriente. Und mit dem Film kam dank der International Movie Database auch ein Name: Neil Summers.
Wie sich herausstellte, verdiente sich der aus London stammende Cowboy seine Sporen als Stuntman in etlichen Genre-Klassikern (’True Grit’, ’Der Texaner’, ’Der Typ mit dem irren Blick’, ’Wild at heart’, ’Mars Attacks’, ’Schneller als der Tod’) und war als Nebendarsteller in ’Dick Tracy’, ’RoboCop', ’Die Verurteilten’ und vielen anderen Filmen aus unseren Regalen zugegen. Wir haben ihn wahrscheinlich öfter von einem Pferd fallen sehen, als Sly und Arnie beim Bizeps flexen. Summers Karriere, die 1963 mit John Waynes ’McLintock!’ begann, ist immer noch am Laufen. Hut ab, für Leute wie ihn, die vom Hollywood-Ruhm so gut wie nichts abkriegen und dafür sorgen, dass die Hoschis aus der ersten Reihe stets wie waschechte Asskicker rüberkommen.

Ladies & Gents, Neil Summers:

Stuntman, Macho, Mausezahn
















Hudson