Sinbad – Herr der Sieben Meere


‘Die Mächte der Dunkelheit sind ein übermächtiger Gegner…’


Originaltitel: Sinbad of the Seven Seas (1989)
Regie: Enzo G. Castellari & Luigi Cozzi
Drehbuch: Tito Carpi & Enzo G. Castellari
Darsteller: Lou Ferrigno, John Steiner & Cork Hubbert FSK: 12


Aus Mangel an Alternativen, für den vorliegenden Film eine passende Einleitung zu finden, versuche ich mein Glück wie folgt:

Wenn ich (aus welchem Grund auch immer) in die Wüste fliehen müsste, dann würde ich ohne zu zögern diesen Film mitnehmen. Warum? Nun, der prozentuale Wasseranteil einer Gurke beträgt ca. 90%. Und eine größere, eine gewaltigere Gurke, als ’Sinbad’ habe ich mein Lebtag nicht gesehen.

Das geht schon los, als im Vorspann doch tatsächlich eine Kurzbio von Edgar Allen Poe runtergeleiert wird, nur weil der Film auf dessen Werk: ’1001 Nacht’ lose basiert (so lose wie der letzte Zahn einer toten Oma), und dazu der heißeste Synthie-Score aller Zeiten anstimmt (das Teil hab ich seit anno ’92 im Ohr und krieg’s einfach nicht mehr raus).

Die blühende Hafenstadt Basra (ja genau das Basra) wird von Kalif Pal regiert, der (wie sein Name schon andeutet) ein freundlicher und gütiger Mann ist und zauselig obendrein. Weil er so ein gemütlicher Opi mit Rauschebart, Schmerbauch und Feder-Fächer ist, liebt ihn sein Volk natürlich abgöttisch. Mit Ausnahme des (Surprise, Surprise) bösen Großwesirs Jaffar (John ’God of Over-Acting’ Steiner, ’Einer gegen das Imperium’), der in seinem Todes-Atelier (sehr schick) die Übernahme des Landes plant. Bald hat er auch den passenden Fluch dafür aus dem Turban gezaubert, welcher den Himmel verdunkelt und das glückliche Volk in ein unglückliches verwandelt. (Wie? Sagte ich doch bereits: Er verdunkelt den Himmel, worauf hin alle ausrasten, wild umher rennen und ihre Döner-Stände umschmeißen. Unglücklich halt!) Der gute Kalif wird flugs hypnotisiert (blaues Licht!) und zum willenlosen Sklaven degradiert. Jetzt steht Jaffar nichts mehr im Wege, seine teuflischen Pläne zu verwirklichen und Prinzessin Alina (Alessandra Martines, ja, ’Prinzessin Fantaghiro’, Mädels!) vom Fleck weg zu eheleichen.
Doch Moment mal! Da gibt es doch noch die sagenumwobene Gestalt des Sinbad! Ja Sinbad, der Seefahrer (Lou Ferrigno) ist auf dem Weg nach Basra und er kommt nicht allein. Mit ihm reisen:

Meet the Gang!
Prinz Ali, ein Boy-Group Schmierlapp und der eigentliche Verlobte von Prinzessin Alina. Der Chinese Kantu (Al Yamanouchi, ’2020: Texas Gladiators’), ein androgyner, Konfuzius-zitierender Kung Fu Mann, sowie der griechische Koch Tiropolis, der Zwerg Poochie (Yeah POOCHIE!!!) und der Wikinger (hat keinen Namen, aber einen dicken Hammer, ein dümmliches Lachen und würde optisch gut in ein kleines gallisches Dorf passen).
Diese ganzen Männer (gut, außer Ali) staunen nicht schlecht, als ihr Schiff am Hafen anlegt (tatsächlich ist es… nee, dazu komm ich später *) und niemand da ist, der sie mit Blumen-Kränzen und Jubelschreien begrüßt (“Hey, wo sind die Leute geblieben? Es ist niemand hier!“ “Es ist niemand hier!“ “Wenn ich einen Papagei haben will, dann kauf ich mir einen!... Also wißt ihr, irgendwas stinkt hier.“ “ Aber diesmal ist es nicht mein Essen.“ “Nein, obwohl’s normal wäre!“)
Da die Jungs nicht blöd sind (gut, außer dem Wikinger), kommen sie schnell hinter Jaffars Komplott (gut, der Bösewicht selbst plaudert alles aus) doch es ist schon zu spät.
Jaffar hat Prinzessin Alina entführt und die 4 magischen Steine der Stadt in alle 4 Himmelsrichtungen (aka die Totenkopp-Insel, die Insel der Amazonen, die Geister-Insel und Monster Island) verbannt. Jetzt bleibt unseren tapferen Recken natürlich nur eine Option: Abenteuer voraus! Und so machen sie sich in Windeseile davon, bevor auch noch Hans Harz hinter dem nächsten Minarett hervorspringt und ein röhrendes ’Sail Away’ anstimmt.

"Wenn du immer brav alles tust, was Onkel Jaffar dir befiehlt,
dann verspreche ich auch, nicht plötzlich LOSZUSCHREIEN HAAA!!!"

Leute, kratzt den Mörtel aus den Lachfalten: Hier kommt Sinbad.
Kein galanter Haudegen wie Kerwin Matthews (’Sindbads 7. Reise’), kein abendländischer Charmeur wie John Phillip Law (’Sindbads gefährliche Abenteuer’), nein es ist Italo-Brombeere Lou Ferrigno (’Desert Warrior’), der ja bekanntlich nicht nur den Hulk im Nacken hatte, sondern auch den Herkules im Oberarm.
Zusammen mit seinen feuchtfröhlichen Kumpanen macht er sich daran, Aufzuräumen im Staate Irak. Lassen wir einfach mal jeglichen politischen Kommentar beiseite (kuckt lieber ’Aspekte’, liebe Kinder!) und zerkauen wir den Rest dieses Opus genüsslich zwischen den Zahnrädern der Gutachten-Maschinerie.
Lou Ferrigno versucht mal wieder verzweifelt, nicht existierende Schauspiel-Qualitäten durch den Klumpen Muskelmasse hindurch zu projezieren. Das eine oder andere Mal will es ihm fast gelingen. Wie zum Beispiel bei einem völlig hirnrissigen, aber irgendwie doch charmanten Gespräch, das er mit einem Haufen Schlangen in Jaffars Kerker führt, die er doch tatsächlich dazu überredet, aus ihnen ein Seil knoten zu dürfen:
“Du könntest mir helfen. Komm her! Nervös, hm? Ich weiß wo du her kommst. Die Menschen hassen dich, nicht wahr? Weißt du, du hättest dir die Sache mit Adam und Eva verkneifen müssen!“ (Einen eher widerwilligen Schlangen-Nachzügler begrüßt er übrigens mit den Worten: “Hey, komm her. Komm her! Ey, du bist neu!“)

Gute Kür!
Ansonsten gibt’s vom Meister des Brustkorb-Stretchen übliche Kost. Das heißt: Grinsen, böse Kucken und das ’gute alte’ Schema: Bizeps flexen, Faust ballen, Daumen raus schieben und Arm mit Daumen gegen Brust pressen. Alles in allem ist diese Goofy-Performance zum Schießen und schafft es auch beim 100sten Ansehen, mich vom Sofa plumpsen zu lassen. Einer der besten Gags des Films ist übrigens Sinbads Angewohnheit, vor einigen Kämpfen seinen Säbel zu ziehen UND… ihn weit von sich zu werfen, um dem Gegner mit bloßen Pranken die Knochen zu zerbröseln.
Dann ist da natürlich John Steiner. Man kann über den Mann sagen was man will, aber an Euphorie mangelte es ihm während dieser Produktion nicht. Keine Ahnung, welchen Krebs man ihm ihn die Gewänder gesteckt hat, welches Aufputschmittel man ihm in den morgentlichen Einlauf träufelte oder welcher Acting-Coach vom Planeten ’Hysteria’ hier am Werke war… eins steht fest: Seinen Out-of-Nowhere Kreisch-Attacken (“HAAA!“), seine konvulsierenden Gebärden, krampfhaften Gesten, seine Gummi-Mimik (von der Jim Carey nicht nur Nachts träumt) und sein Kajal-umrandeter Psycho-Blick ergänzen sich zu einer Figur, die in der Filmgschichte einmalig ist. Insofern hatte der Gute wohl recht, als er wie wild trompetete: “Iiiiich gewiiiinnneeee!“
Jaffars Komplizen sind zwar nicht vom selben Kaliber, reihen sich aber fast fugenlos in die Kette aus Blech & Blödsinn ein. Von der Kraftfutter-Blondine im Bondage-Dress, über eine ’Black Beauty’ Amazonen-Queen, die sich von einer ’Heißen Hexe’ in eine ’Scheiße Hexe’ verwandelt, bis hin zum schelmischen Kerkermeister (“Die Glatze ist was für die Piranhas. Die haben nämlich nicht so gerne Haare zwischen den Zähnen. Harharhar!“) ist alles dabei, was erlaubt und bescheuert ist.
Sinbads Gefährten sind kurz gesagt ’ 'ne Schau’.

POOCHIE!
Vor allem Zwerg Poochie (der leider 2003 verstorbene Cork Hubbert, ’Legende’) hat es mir angetan und kann sich eines sicheren Platzes in meiner Gedächtnis-Kartei für ’irrwitzige Sidekicks’ wähnen. Poochie hat sogar sein eigenes kleines musikalischen ’Sidekick-Thema’, wie es manchmal auch in Disnsy-Filmen zu finden ist (nur dass bei Disney meist richtige Musiker am Werk sind und nicht etwa die Katze des Aufnahmeleiters, die mal kurz über über die Tasten des Keyboards huscht). Der Rest der Crew ist ebenso charmant, wie infantil. Gerade so, dass ihre Stereotypen auch für Kinder, Haustiere und Außerirdische verständlich sind. Nur der olle Prinz Ali ist ein kleiner, feiger Kümmerling, der nicht nur unverschämterweise Prinzessin Fanthagiro mit nach Hause nehmen darf, sondern auch gerne mal mit den Worten: “Ich danke dir, mein Freund!“ seine Hand auf Sinbads nackte Schulter legt.
Unterwegs treffen die Helden auf allerlei Gesocks und Getier. Da ist zu allererst eine Rotte Untoter Pappkamraden, deren schlecht bemalte Gipsköppe ihnen Ferrigno gleich vom Hals drischt. (Eine Szene von so epischen Ausmaßen, dass man sie später fast 1 zu 1 für das Videospiel: ’Prince of Persia: Warrior Within’ übernommen hat).
Dann führt es Sinbad auf die Totenkopp-Insel. Dazu muss er jedoch einen weiten, weiten Weg schwimmen (rauhe Klippen etc.). Leider hatte man kein Geld mehr (dazu später mehr… hey, ich sagte doch, das wird ein langes Gutachten!) für Schwimm-Szenen mit Star Ferrigno. Was tun wenn’s brennt? Ganz einfach, man nimmt bereits existierende Szenen aus Ferrignos ’Herkules’, in welcher der Held ebenfalls durch’s Meer paddelt. Alles paletti, gelle? Hmja, nicht ganz. Für Nichtkenner des betreffeneden ’Herkules’ sei hier nämlich kurz erwähnt, dass jener griechische Sagen-Held in seiner 80er Italo-Version mit einem dichten Vollbart ausgestattet war, den man dann auch (bei genauem Hinsehen) eindeutig an ’Sinbads’ Kinn erspähen kann.

Direkt aus 'nem Metal
Video geschnitten!
Schwamm drüber, das folgende Monster (ein riesiger Stein-Golem, der den 1. Stein am Kopp zu kleben hat) wird mit ein paar Push-ups zerbröselt und auf geht’s zu Insel der (bockspringenden) Amazonen.
“Ich muss euch warnen. Wir gehen ein großes Risiko ein. Die Amazonen-Königin ist ein Gehirn-Vampir. Sie kann einem Mann das Gehrirn aussaugen. Das kann für uns gefährlich werden… außer für den Wikinger.“
Dann führt die Reise zum Gerichtshof des Geisterkönigs (eine alte Kulisse, die schon in ’Die Sieben Glorreichen Gladiatoren’ Verwendung fand) und in die alten Katakomben des ’Monsters’ (eine schleimige Version des Stein-Golems), in welchen es von eitrigen Hüpf-Zombies nur so wimmelt. Dort trifft Sinbad auch sein ’Love Interest’ (’ne Pimperella, für alle Anti-Anglisten) Kyra, eine fesche Rothaarige und ihren Vater Nadir, einen Fisch-Cous-Cous kochenden Zauberer, der nicht nur in fremden Zungen spricht, sondern auch ordentlich einen an der Schüssel hat (“Stricky Mani, Stricky Braus Und der Biggy Biggy Flows“). Letzterer hat glücklicherweise einen Heißluftballon gebaut, den Sinbad zwar erst mit seinen Power Lungen aufblasen muss, der sie dann aber mit allen 4 Steinen nach Basra zurück bringt.
Warum Jaffar, nachdem Sinbad die Steine letztlich wieder in ihre ursprünglichen Fassungen gestülpft hat, diese nicht einfach wieder verschwinden läßt; wie Sinbad gußeiserne Ketten mit bloßer Hand (und mit Hilfe von Zeitlupe) zerreißen kann; wie menschliche Hände in das Rektum gefräßiger Socken-Piranhas gelangen und warum Ferrigno auch noch die Scheide seines Schwertes zückt und weit von sich schleudert, müsst ihr selber herausfinden. Antworten dazu gibt der Film leider nicht.
* Achso, da war ja noch was. Genau! Als das ’Schiff’ der Gefährten im Hafen Basras ’vor Anker geht’, sieht man ganz klar, dass es sich dabei um einen dekorierten Lastwagen handelt, der hinter einer Kulisse einfährt. Zum Schießen auch, dass man im Dämmerlicht hinter den Türmen und Minaretten (dieses Wort habe ich übrigens als Kind von diesem Film gelernt!) Basras auch klar und deutlich die Umrisse moderner Hochhäuser sieht.
Solche und ähnliche Patzer & Unzulänglichkeiten gibt es zu Hauf.
So befiehlt Sinbad Nadir (“Stricky Mani… alles Arschlöcher!“) und dem Griechen: “Die anderen übernehmen die Soldaten und du kümmerst dich um das Monster!“… nur dass es überhaupt kein Monster gibt.
Eine mögliche Erklärung für den ganzens Schnitt-Schmarren ist die Tatsache, dass (wie bereits erwähnt) der Produktions-Firma das nötige Kleingeld ausging und das halbfertige Produkt einige Zeit vor sich her schimmelte. Italo-Directore Luigi Cozzi (hat auch einen ’Story’ Credit unter seinem Synonym Lewis Coates) übernahm dann irgendwann das Ruder von Regisseur Castellari (’Keoma’) und verpasste dem Werk seinen ’Feinsschliff’. Cozzi (der schon Ferrignos ’Herkules’ Abenteuer, das Horror-Ei ’Astaron’ und die güldene Sci-Fi Bohne ’Star Crash’ inszenierte) ist es dann auch zu verdanken, dass der von Castellari gedrehte, ausführliche Prolog durch eine hust’Rahmenhandlung’hust ersetzt wurde. Diese ’handelt’ von einer Frau die ihrer Tochter (im wahren Leben Cozzis Tochter, die mit ohrenfeindlichem Gequäke: “Und was war dann? Und was war dann?“ einfach nur nervt!) eine gute Nacht Geschichte ins Ohr drückt. Eine Methode, die nicht unbedingt zu den erzähl-technisch vorteilhaftesten gehört (es sei denn man hat hat gute Darsteller zur Hand, wie es besipielsweise im welt-besten Märchenfilm aller Zeiten, ’Die Braut des Prinzen’ zu sehen war.) Auch war Cozzi für die Effekte/Nachbearbeitung verantwortlich und kürzte den Film (Castellaris Version lief angeblich 3 ½ Stunden und war als Zweiteiler konzipiert) auf knappe 90 Minuten herunter.

Diese Szene hat es leider nicht in den 'fertigen' Film geschafft!

Fazit:
’Sinbad – Herr der Sieben Meere’ ist ein Fest der Spinner-Sinne, eine frische Brise in der stickigen Enge der Vernunft, ein Sargnagel des guten Geschmacks, gefertigt von den begabtesten Handwerkern italienischer Schund-Schmiede-Kunst.
Die Ausstattung ist bunt aber planlos, die Darsteller hauchen ihren Figuren das Leben ein, das sprücheklopfende Einzeller zur Zeit von ’1001 Nach’ so oder so ähnlich durchaus geführt haben könnten und die Handlung zieht dermaßen Nebenluft, dass man damit locker zehn Heißluft Ballons füllen könnte. ’Sinbad’ (nimmt man den Begrif aus dem Englischen) heißt wörtlich übersetzt ’Sündschlecht’. Und genau das ist er auch. Schlecht wie die Sünde und doch so gut und verdammt liebenswert.
Wenn ihr euch je dazu entscheiden solltet, mutwillig nur einen einzigen schlechten Film zu sehen, dann schaut euch diesen hier an. Vielleicht kommt ihr ja dann zur Vernunft.

Hudson