Sex, Lügen und Video



Originaltitel: Sex, Lies, and Videotape (1989)
Regie & Drehbuch: Steven Soderbergh
Darsteller: James Spader, Andie MacDowell, Peter Gallagher FSK: 16


Stephen Soderberghs Erstling besticht dank Andie MacDowell, Peter Gallagher und James Spader mit einer namhaften Cast, die zur Zeit von ’Sex, Lügen und Video’ noch nicht namhaft war. Ein Kammerspiel über genau das, was im Titel aufgezählt wird und die Menschen dabei, darin und darauf.

Ann hat Probleme.
Es ist Sommer in Baton Rouge, Louisiana. Ann (MacDowell) und John Mullany (Gallagher) sind das perfekte Vorstadtpärchen. Sie ist eine gute Hausfrau und in Therapie wegen verschiedener Zwangsneurosen, wie zum Beispiel der immer mehr werdende Müll um sie herum und allgemeiner Verklemmtheit. Er ist Anwalt in einer großen Kanzlei und Teilhaber in spe, dabei jedoch nicht sehr zielstrebig, da ihn eine Affäre mit der Schwester seiner Ehefrau, Cynthia (Laura San Giacomo), immer wieder von einem wichtigen Termin ablenkt. Die schöne Vorortruhe wird gestört, als sich ein alter College-Freund Johns zum Besuch anmeldet. Graham (Spader) wird zum Abendessen eingeladen und bereits beim ersten Zusammentreffen wird klar, dass John und Graham nicht mehr viel gemeinsam haben. Graham, der bisher in seinem Auto gewohnt hat, weil man dann nur auf einen Schlüssel acht geben muss, hat beschlossen in seiner alten Heimat, ganz in der Nähe der Mullanys sesshaft zu werden. Ihrem Therapeuten (Ron Vawter) gesteht Ann, dass sie Graham zuerst nicht im Haus haben wollte, ihn jedoch zunehmend interessanter findet. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander, sprechen über Liebe, Sex und Lügen zwischen den Geschlechtern. Ann wird misstrauisch ihrem Mann gegenüber und findet den Mut ihre Vermutung offen auszusprechen, die von John, ganz der Anwalt, mangels Beweisen abgeschmettert wird.

Ann und Graham sehen was,
was wir nicht sehen.
Als Ann Grahams Videosammlung entdeckt, bei der jede Kassette den Namen einer Frau trägt, wird's frostig zwischen den beiden. Sie beruhigt sich ein wenig, als sich herausstellt, dass es sich nicht um mitgefilmten Sex mit den Damen handelt, sondern lediglich um Gespräche über Sex, die Graham im ganzen Land mit den unterschiedlichsten Frauen geführt hat. Nur beim Schauen dieser Videos kann sich Graham sexuelle Befriedigung verschaffen. (Warum das so ist, soll nicht verraten werden.) Dies ist für Ann unvorstellbar, kann sie doch nicht mal mit ihrem Therapeuten vernünftig über Selbstbefriedigung, geschweige denn über Geschlechtsverkehr reden (Ihre Schwester liebt es, sie mit den Wort „Vögeln“ aus der Fassung zu bringen). Die heißblütige Cynthia hat Blut geleckt und besucht den Liebesinterviewer, und es kommt wie es kommen muss: Sie nimmt ein Video mit ihm auf. Ann ist schockiert. Übermütig geworden, verlangt Cynthia von John sich mit ihr im ehelichen Bett zu vergnügen, dabei kommt es zu einem Missgeschick: Cynthia verliert einen Perlenohrring, den Ann beim Staubsaugen findet. Ihr Verdacht ist bestätigt und um sich Luft zu machen, nimmt auch sie ein Video mit Graham auf, der nur widerwillig zustimmt. Als John davon erfährt, gibt’s Ärger und das Lügengeflecht zerreißt und zurück bleibt gereinigte Luft, wie sie nur ein Gewitter hinterlassen kann.

Die Stimmung des Films ist mit unaufgeregt am besten beschrieben. Das Erzähltempo ist langsam und getragen, jedoch an keiner Stelle langweilig. Es wird erfrischend offen über Beziehungen und Sex gesprochen, ohne jedoch zu viel zu zeigen und mir will bei der Beschreibung das Wort „erwachsen“ nicht aus dem Kopf. Das Erotischste ist meines Erachtens ein Kuss, obwohl ein-, zweimal Verhältnissex zwischen John und Cynthia zu sehen ist. Die Erotik ist spürbar, spielt sich aber eher im Kopf des Zuschauers als auf dem Bildschirm ab und wird durch die Hitze, die unablässig zu herrschen scheint und sich als ein ständiger Schimmer auf der Haut der Personen abzeichnet, unterstützt.

Cynthia hatte Sex...
Mit sechs Personen an sechs Schauplätzen bleibt die Handlung überschaubar, und so sind es die zwischenmenschlichen Begebenheiten, die den Reiz des Films ausmachen. MacDowell gibt die biedere Vorstadt-Frigide mit zwei Gesichtern. Bei Tag in Rock und Bluse, so verklemmt, dass sie sich selbst am Telefon über ihr Äußeres Gedanken macht, bei Nacht im Negligee und Wallemähne, so wunderschön wie man sie aus der Kosmetik-Werbung kennt. Allerdings musste sie sich durch zwei Casting-Runden boxen, bis sie die Rolle erhielt. Gallagher ist die perfekte Besetzung für den schmierigen, verlogenen Yuppie-Anwalt, wie er uns aus zahlreichen Filmen der 80er bekannt ist: Mein Haus, meine schöne Frau, meine verruchte Geliebte. Aber auch Gallagher war für Soderbergh nicht die erste Wahl und San Giacomo musste ihrer Agentur sogar drohen, sie zu verlassen, damit sie die Rolle bekam. Mit ihrer verdorben rauchigen Stimme und dem interessanten markanten Gesicht ist sie wie geschaffen für die extrovertierte Künstlerin, die sich ihren Lebensunterhalt in einer lausigen Bar verdient. Ein gelungenes stilistisches Mittel sind meiner Meinung nach die Szenen, in denen wir der einen Protagonistengruppe zuhören und während wir der anderen zusehen. Der Score stammt von 'Drive'-Soundtrack-Magier Cliff Martinez und unterstreicht die Handlung angenehm unaufdringlich und sparsam mit einer Spanne von Countrygitarre bis atmosphärischer Synthie-Klavier-Untermalung.

Der Film schlug ein wie eine Bombe und räumte zahlreiche Preise ab. Unter anderem die Goldene Palme in Cannes und den Publikumspreis beim Sundance Film Festival sowie eine Oscarnominierung für das Screenplay, das nach Aussagen Soderberghs innerhalb von acht Tagen entstand und dann über nur 30 Tage eingespielt wurde. Der Titel ‚Sex Lügen und Video’ (oder besser der Originaltitel ’Sex, Lies and Videotape’) ist in den Sprachgebrauch der Popkultur eingegangen und war und ist Vorbild für zahlreiche filmschaffende Nachahmer: Zum Beispiel diente er in leichter Abwandlung den Simpsons als Episodentitel (’Sex, Pies and Idiot Scrapes’, 1 Folge der 20. Staffel von 2008) und führte zu einer Inflation von Bezeichnungen nach dem Schema: Irgendwas, Irgendwas und Video (gern werden auch die anderen beiden Worte durch Reime derselben ersetzt). Man könnte dem Film natürlich auch 'False Advertising' vorwerfen: Er wurde bei Erscheinen in den größten Kinos Berlins zur Zeit des Mauerfalls gezeigt. Durch den Titel in Erwartung eines westlichen Pornos angelockt, strömten viele Ostdeutsche in die Kinos, die sie ob der Ernüchterung ziemlich enttäuscht verließen.

...die beiden haben schon lange keinen mehr.

Ein Film über Sex also, in dem fast nichts zu sehen ist und die ganze Zeit geredet wird: Das klingt so spannend wie ein französischer Krimi der 70er, könnte man denken. Stimmt aber nicht. Soderbergh schafft es hier, einen 139 Minuten erstklassig zu unterhalten, während sich Menschen unterhalten, dabei aus ihren verkrusteten Lebenslügen ausbrechen und merken, dass es befreiend ist, endlich wieder frei atmen zu können, ohne den stechenden Knoten in der Brust.


Frollein Müller