Ruckus


‘Dank der US-Armee lernte er mit bloßen Händen in nur 6 Sekunden zu töten… Und es könnte sein, dass er es muss… ’


Originaltitel: Ruckus (1981) Regie & Drehbuch: Max Kleven
Darsteller: Dirk Benedict, Linda Blair, Richard Farnsworth FSK: 18


Ein Mann fällt in den Backwoods vom Pickup, läuft verloren im Parka durch die Straßen und alle blicken ihm misstrauisch nach. Spätestens, als er sich in der örtlichen Frittenbude mit kratziger Stimme einen rohen Hamburger bestellt, wissen wir, dass es sich nicht um John Rambo handeln kann. Rambo aß nur gebratenen Eber. Rambo war auch rasiert, hatte nicht die Fresse voller Dreck und mehr Fleisch unter der Haube, als Kyle Hanson (Dirk Benedict). Was beide gemeinsam haben, ist eine handfeste Traumatisierung durch den Vietnamkrieg, eine Spezialausbildung zur Killermaschine und eine stoische Art und Weise, die ihre Mitmenschen früh genug auf die Palme bringt.

It's a looong roooaaad...
And it's full of raw meat.
Von dort oben hagelt’s dann auch bald den ersten Ärger hinab. Die lokalen Yokel sind nicht gut auf schmuddelige Parka-Träger zu sprechen. Wahrscheinlich hat der Spinner das Ding aus dem Army-Shop und versucht hier, einen auf gewichtigen Kriegsheimkehrer zu machen. Die Hybris bleibt den Rednecks unterm Hut stecken, als sie bei einer unprovozierten Handgreiflichkeit die Wildsau in Hanson wecken. Fortan versteckt er sich im Unterholz, bekämpft Kugeln mit Pfeilen und zeigt den formidablen Hillbillies, die auf formidable Hillbilly-Namen wie ’Jethro’, ’Bubba’, ’Cheech’ und ’Homer’ hören, dass mit hauptberuflichen Vietnam-Veteranen im Shellshock-Modus nicht gut Piemont-Kirschen-Ernten ist. Nur Jenny (Linda Blair), die nette Tochter des Sheriffs, nimmt sich des verlorenen Kriegsheimkehrers an und entdeckt unter den Dreckschichten und der Schizo-Attitüde eine sanfte Seite…

“Die Kommunisten haben ihn umgekrempelt.“
“Ey Mann, halt die Schnauze!“
“Die Kommunisten haben ihn auf uns angesetzt, die machen solche Schweinereien. Das ist Gehirnwäsche! Die haben ihn hergeschickt. Die wollen uns hier nämlich alle foltern!“
“Cheech, wenn du jetzt nicht die Schnauze hältst, tret ich dir die Zähne ein!“
“Du willst mir die Zähne eintreten? Du bist genau so ’ne Kommunisten-Sau. Komm her, ich reiß dir die Gedärme raus!“

"Wir sind hier nich in Seattle, Dirk.
Dusch dich erstmal und dann finden
wir schon eine passende Rolle für
dich und dein hübsches Schnütchen."
"Sagt die Gulaschkanone aus'm Exorzist!"
’Ruckus’ ist von 1981, ’Rambo’ von 1982. Dieser Fakt wird hin und wieder als interessante Erkenntnis unters filmfreudige Volk geschmuggelt. Man könnte aber auch spekulieren, dass Regisseur und Autor Max Kleven einfach die Story von David Morells populärem Roman ’First Blood’ mopste und von Roger Corman (der schon immer eine gute Nase für zukünftige Hits und den Profit durch voreilige Trittbrettfahrer hatte) durch seine ’New World Pictures’-Distro rechtzeitig in die Kinos katapultieren ließ. Kann sein, muss nicht. Die Story vom geschundenen Kriegsheimkehrer, der volle Kanne Grobes austeilt, ist ja auch nicht unbedingt ’Inception’.
Kleven, welcher Jahre später beim bekloppt-amüsanten ’Wings of Freedom – Hasselhoff haut drauf’ (mit David Hasselhoff) auf dem Regiestuhl saß, kommt eigentlich aus dem Stuntfach und sorgte schon bei ’Rollerball’, ’Zurück in die Zukunft’ und ’Blinde Wut’ für Ramba-Zamba. Das erklärt eventuell, warum ’Ruckus’ vor allem durch ein paar gekonnte Stunt-Einlagen, und nicht etwa durch ausgearbeitete Dramaturgie oder Charakter-Entwicklung punktet.
Wenn Dirk Benedict von Linda Blair schließlich vom Hobo zum Face-Man zurechtgemacht wird, kann man förmlich das “Haaach!“ des weiblichen Publikums in den Kinosälen anno 1981 hören. Keine allzu absurde Vorstellung, denn obwohl die ’Ruckus’-Filmrollen von Rechts wegen eigentlich schmierige Bahnhofskinos frequentieren sollten, ist das hier eher Familienunterhaltung mit Schmiss.
Mit der Transformation des Protagonisten zum schnöselig hergemachten Schönling in Blue Jeans und Karohemd, fein frisiert, glatt rasiert und auch psychisch plötzlich knitterfrei, schleicht sich eine unbefriedigende Liebesgeschichte ein, die auch noch den ohnehin holprigen Fluss des Filmes stoppt.

"Schnauze voll hier! Wir Rednecks,
Hicks und Hillbillies sollten wirklich
unsere Einstellung überdenken, y'all!"
Dirk Benedict, der vom ’Kampfstern Galactica’ bis zum ’A-Team’ goldene Zeiten erlebte und Linda Blair, die damals immer noch versuchte, vom Karussell-Kopp-Image wegzukommen, als ’nettes Pärchen unter absurden Umständen’ zu beschreiben, ist fast schon zu großzügig. Aus unerfindlichen Gründen habe ich eine Schwäche für beide Darsteller (vor allem für Benedict, der in Peter Thorwarths letztem Teil der Unna-Trilogie seinen Status als “unlikely action hero“ gekonnt auf die Schippe nahm), die Chemie zwischen ihnen bleibt leider im Reagenzglas.
Aber wie könnte eine Romanze auch jemals jener Szene gerecht werden, die ihre Essenz im wohl absurdesten und amüsantesten Moment des Films darstellt. Diese wird kredenzt, als Benedict und Blair in etwas, das ich auch Mangel an Nachvollziehbarem als Traum-Sequenz oder expressives Wunschdenken bezeichnen muss, auf Dirtbikes durch den Morast im Hinterland düsen, Stunt-Sprünge absolvieren, im Kreis rasen und sich angrinsen. Zu einem klimperigen Countrysong aus der Feder von Willie Nelson. In Zeitlupe.
Man kann nur ahnen, was den Machern beim Dreh bzw. im Schneideraum durch den Kopf ging. Vielleicht war das Klevens ganz eigene Handhabung von emotionaler Resonanz. Etwas Derartiges bekommt man jedenfalls nicht alle Tage im Hicksploitation-Fach zu sehen.

“Der ganze Tag ist im Arsch wegen dem Idioten. Als hätt ich nichts besseres zu tun!“

Beep! Beep!

An dieser Stelle sei mir die unweigerlich aufkeimende Frage gestattet, “Was habt ihr degenerierten Redneck-Hicks eigentlich den ganzen Tag zu tun?“
Abgesehen vom Sheriff und der Tankstellen-Bedienung, scheint hier niemand einen Job zu haben. Die Mais-Ernte ist wohl noch ein paar Wochen hin und in der Schnapsbrenne ist sicher grad der Auspuff verklebt. Kein Wunder, dass die Honkies auf dumme Gedanken kommen und den lieben langen Tag in solchen Streifen herumstänkern müssen.
’Ruckus’ klingt auf Anhieb nach Rambo-Zamba, stellt sich aber bald als die inkonsequente Weichspül-Version des Themas heraus. Natürlich gibt’s auch in diesem Bereich weitaus schlimmeres, langweiligeres Material. Aber das gibt es immer. Und wir wollen uns doch lieber nach oben orientieren, gelle?


Hudson