Der Mann mit der Stahlkralle


‘Major Charles Rane Has Come Home To War!’


Originaltitel: Rolling Thunder (1977) Regie: John Flynn
Drehbuch: Heywood Gould & Paul Schrader
Darsteller: William Devane, Tommy Lee Jones, Linda Haynes FSK: ungeprüft


Dass Hollywood eine Abrechnung mit Vietnam nach der anderen inszeniert hat und dabei jede Menge Klasse, Schrott und Kult auswarf, ist nicht nur studierten Kriegsfilm-Fans im 13. Semester geläufig.

Menschliches Donnergrollen
im Anmarsch
’Rolling Thunder’ von 1977 ist eine der ersten Auseinandersetzungen mit dem Thema ’Kriegsheimkehrer’ und basiert auf einem (nachträglich verwässerten) Script des profilierten Drehbuchautoren Paul Schrader. Wie schon in Schraders ’Taxi Driver’ und später in ’Rambo’ geht es auch bei ’Rolling Thunder’ um einen Vietnam Veteran, der endlich nach Hause kommt und von schrecklichen Erinnerungen in einen Zustand der Rastlosigkeit und des inneren Unfriedens gedrängt wird.
Major Rane (William Devane) war fünf Jahre in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft und findet nach der Heimkehr eine entfremdete Ehefrau und einen Sohn vor, der ihn nicht kennt. Rane versucht sich so gut es geht mit der Situation zurechtzufinden, den neuen Mann der Frau zu akzeptieren, an Ehrenanlässen pflichtbewusst zu erscheinen und seine inneren Dämonen zu bezwingen.
Doch der honorable Gewinn von 2500 Silberdollern durch eine Veteranen-Vereinigung bringt dem guten Major das Unglück in Form von fünf ruchlosen Kriminellen ins traute Heim, die ihm auf der Suche nach den Talern nicht nur die Hand verstümmeln, sondern auch Frau und Kind kaltblütig über den Haufen schießen.
Rane überlebt den Anschlag und kann seine Gedanken endlich auf ein Ziel fokussieren. Gemeinsam mit einem alten Kameraden (Tommy Lee Jones) und einer nagelneuen Metallhaken-Hand am Stummel, begibt er sich auf einen eiskalten Rachefeldzug…

Fahren zwar kein Taxi, sehen aber rot: Devane & Jones

“Charlie, why didn’t you tell ’em?“
“I’ll tell you, lady. Cause he’s a macho motherfucker!“

Damn straight, he is! And he’s gonna bust yo asses!
Denn Major Rane ist ein harter Hund, der in Vietnam gelernt hat, den Schmerz zu lieben! Wenn dieser Ansatz (die Folter zu genießen, damit sie einem nichts anhaben kann) schließlich soweit geht, dass Rane selbst bei der Verstümmelung seiner Hand im Abfallzerkleinerer nur eine Grimasse zieht, werden Moralapostel und B-Movie-Fremde womöglich den guten alten Fragwürdigkeits-Wimpel schwenken.

Auf Kriegsfuß mit Major Rane
Ebenfalls zweifelhaft ist die anfängliche Motivation der Gangster. Fünf Mann rauben ein Haus für 2500 Silberdollar aus, zerhäckseln einem Kriegshelden den Arm und erschießen sein Famile? Aber naja, Judas hat nur 10 gebraucht und dies hier ist ein Rache-Actioner, das für ein Exploitation-Publikum und verbitterte Kriegsheimkehrer funktionieren soll. Doch auch das tut er nur bedingt, denn die Spannung wird vor allem in der zweiten Hälfte durch Ranes Zwischenmenschlichkeiten mit einer freundlichen Samariter-Dame allzu sehr ausgedehnt. Der charismatische William Devane, ganz klar das Herzstück dieses Films, reißt hier jedoch einiges raus, wenn er die Mörder methodisch ausspioniert und in einer der besten Szenen des Films, einen alten Kameraden (toll gespielt von einem jungen Tommy Lee Jones) vor einer Feier seiner hirntoten Familie rettet, um (in voller Parade-Montur und die Shotguns im Arm) gemeinsam mit ihm das Finale anzugehen.

Zitat: “What the fuck do you do?”
“I’m gonna kill a buncha people.”

Der Showdown in einem Hurenhaus haut schließlich grob in die Exploitation-Kerbe und verpasst ’Rolling Thunder’ einen verdammt blutigen Ausgang. Mehr Paul Kersey als Travis Bickle, ist ’Der Mann mit der Stahlkralle’ nicht der unantastbare Klassiker, den die eine oder andere Stimme daraus zaubern will, aber für Exploitation-Fans mit Vorliebe für Metallapplikationen und handfestes Scenery Chewing geht der Daumen mitsamt Klaue nach oben.


Hudson