Radio Days



Originaltitel: Radio Days Regie und Buch: Woody Allen
Darsteller: Mike Starr, Paul Herman, Martin Rosenblatt FSK: 12


Zwei Einbrecher durchwühlen eine Wohnung. Das Telefon klingelt. Einer der beiden nimmt den Hörer ab und am anderen Ende ist der Moderator eines Radio-Qizz’.
Der Dieb knackt den Jackpot und gewinnt eine Wagenladung Möbel, die den verdutzten Wohnungsinhabern am nächsten Morgen vor die Haustür geliefert wird.

Sie träumt von
einem Leben ohne
Laden vorm Bauch!
Es folgen weitere, ähnlich skurile Episoden aus der Zeit, als das Radio seinen Einzug in die Wohnzimmer der Welt hielt.
Im Mittelpunkt steht die Familie des 9jährigen Joe (Seth Green, den meisten wohl eher als Scott Evil aus „Austin Powers“ bekannt), der selbst ein begeisterter Radiohörer ist. Seine Lieblingssendung ist die des „Maskierten Rächers“ (Wallace Shawn, Vizzini aus der „Brautprinzessin“) und er würde alles für den „Maskierter-Rächer-Ring“ mit Geheimfach geben.
Außerdem befolgt er gewissenhaft die Ratschläge des Moderators Biff Bexter und als dieser die Zuhörer beauftragt, am Strand nach deutschen U-Booten Ausschau zu halten, sitzen Joe und seine Freunde pflichtbewusst mit einem Fernglas auf dem Dach. Schon bald entdecken sie in einem Fenster auf der anderen Straßenseite etwas viel interessanteres als ein U-Boot und einige Tage später stellen sie fest, dass es aus irgendeinem geheimnisvollen Grund ein wunderbares Gefühl ist, eine Lehrerin zu haben, die man nackt vor einem Spiegel hat tanzen sehen.
Dann lernen wir natürlich Joes Eltern kennen. Sie können sich über jedes Thema streiten und wenn es nur darum geht, ob der Atlantik oder der Pazifik der größere Ozean ist.
Und während die Mutter (Julie Kavner) liebend gern der Sendung "Frühstück mit Irene und Roger“ lauscht, in der ein vornehmes High-Society-Paar kultiviert über Orte und Personen des öffentlichen Lebens plaudert, versucht der Vater (Michael Tucker) ständig, seine Familie für neue Geschäftsideen zu begeistern und ist dabei peinlich darauf bedacht, seinen wahren Beruf vor seinem Sohn geheim zu halten.

Kein Barbershop, das hier ist
die glorreiche Zeit des Radio!
Wie Perlen auf einer Kette, reiht sich bei „Radio Days“ eine Geschichte an die nächste. So geht es munter weiter mit der etwas verrückten Tante Bea ( Dianne Wiest), die auf der verzweifelten Suche nach einem Ehemann ist („Ich meine auf einer Kreuzfahrt sind die Männer reicher, aber im Gebirge gibt es einfach mehr…“) und dabei ständig an den falschen gerät, dem kauzigen Onkel Abe (Josh Mostel), der jede Nörgelei seiner Frau mit der Bemerkung „Wenn’s dir nicht passt, dann dreh doch den Gashahn auf.“ kommentiert und Sally, dem Zigarettenmädchen (Mia Farrow, Woody Allens damalige Muse), die sich ihren Traum von einer großen Karriere als Radio-Star erfüllt.
Alle diese Figuren haben eine Gemeinsamkeit, sie sind durchweg liebenswert und irgendwie ein bisschen schräg (was sicher nicht zuletzt der Verdienst der sympatischen Darsteller ist). Diese Eigenschaften und die angenehme Stimme des Erzählers (im Original Woody Allen selbst) ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film (es gibt sogar einen menschenfreundlichen Killer) und verleihen ihm zusammen mit der wunderbaren Musik, die den Kauf des Soundtracks unvermeidlich macht, absolutes Lieblingsfilmpotential.
Urkomisch und zugleich melancholisch zeichnet Woody Allen mit „Radio Days“ das liebevolle Portrait einer vergangenen Epoche und man möchte am liebsten sofort in das nächste Antiquariat laufen und sich auch so ein knisterndes altes Dampfradio besorgen.

Immer weiter lächeln, ehehe.

Allen, die gerne in Erinnerungen schwelgen (in eigenen, sowie in fremden) sei „Radio Days“ wärmstens empfohlen.
Und allen anderen auch.
Außer vielleicht so herzlosen Gestalten, wie der Schneekönigin und dem Holländermichel.

Leone