Radioactive Dreams


‘Just your typical action-adventure-science-fiction-musical-fantasy in the post-nuclear world’


Originaltitel: Radioactive Dreams (1985)
Regie & Drehbuch: Albert Pyun
Darsteller: John Stockwell, Michael Dudikoff, Lisa Blount FSK: 16


’Stellen sie sich vor, sie sind Mitte 20 und leben im Jahr 2001!’

Na Mensch, dafür brauche ich nun wirklich keinen übermäßigen Schub von Fantasie, denn es entsprach damals ganz einfach der Wahrheit. Für Menschen des Jahres 1985 war allerdings 2001 so weit weg, wie Kubricks Monolith und Musiker ohne Spray im Haar, will sagen: Verdammt utopisch.

So weit, so klar, nich wahr?
Albert Pyun, der mit ’Talon im Kampf gegen das Imperium’ einen astreinen Barbaren-Kanten hingelegt hatte, war noch ein junger, aufstrebender Regisseur, und ahnte womöglich nicht, dass er selbst in besagtem Jahr einen beschissenen Trash-Actioner mit Steven Seagal fabrizieren würde und seinen ’Zenit’ längst überdauert haben sollte.
In ’Radioactive Dreams’ sieht die Zukunft ähnlich düster aus. 15 Jahre zuvor ging die Bombe hoch, das nukleare Chaos war gekommen und was das bedeutet, haben wir hier schon mehr als einmal ausführlich ausgeplaudert.
Zwei Väter hatten im Angesicht der Explosion gerade noch schnell genug geschaltet und sich und ihre beiden Jungs in einen Fallout-Schutzraum verfrachtet, wo sie von nun an einen Großteil ihrer Zeit damit verbrachten, den beiden Steppkes Detektiv-Romae der 40er Jahre vorzulesen. Ihre Sympathie für das Thema wurde von den Kids bald adaptiert, schließlich hießen die Jungs auch Phillipe Chandler und Marlowe Hammet (ja, hier hat der Originalitäts-Hammer zweimal zugeschlagen). Nachdem ihre Väter eines Tages verschwanden und sich nie wieder blicken ließen, wurde es den mittlerweile jungen Männern zuviel und sie verließen den Bunker im Zwirn und mit den Mannerismen zweier echter Hard-Boiled-Detectives.
Mit dem Caddy gehts in die Wüste, zwei Kakteen weiter wartete schon ihr erster Fall. Und der hatte alles, was gute Fälle brauchen: Femme Fatales, schmierige Gangster, noch schmierigere Informanten, Tanzschuppen, Bikerbanden, in Leder geschmissene Freaks, radioaktiv verseuchte Mutanten und eine exorbitante Riesenratte…

Probleme mit Frauen
…nee Moment, letztere vier gehörten eher ins Genre des Endzeitfilms, aber genau einen solchen, und das sollte der Clou sein, inszenierte unser Freund Albert Pyun ja.
Als ich zum ersten Mal die Synopsis für diesen Film las, hielt ich die Idee für eine der schlichtweg geilsten seit Erfindung des Genre-Mix’. Als ich dann aber beim Namen Pyun angekommen war, schrumpfte meine Erwartung sogleich auf überschaubare Größe.
Nun hab ich den Film endlich gesehen und meine ’Great turned Small Expectations’ haben sich irgendwie bewahrheitet. Um diese olle Kamelle wieder einmal zu benutzen: Der Film ist keineswegs schlecht, aber gut würde ich ihn auch nicht nennen. Nun muss ein Film nicht im herkömmlichen Sinne gut sein, damit er meine Geschmacksnerven auf die richtige Art und Weise trifft. Und tatsächlich verfügt ’Radioactive Dreams’ über eine so enorme Portion von Trash, dumme Sprüchen und absurde Action. Man könnte meinen, er sei gemacht worden, um für immer als Kultfilm dazustehen. Doch fehlen dem Vehikel zwei wichtige Sachen, um in solchen hochgelobten Gefilden zu überleben.

Frau mit Problemen
1. Manpower: Wer auch immer John Stockwell ist (außer der Regisseur von ’Blue Crush’ ahem), das Zeug zum Leading Man hat er in ’Radioactive Dreams’ nicht unter Beweis stellen können. Möglicherweise liegt das auch an seiner Rolle, einem stoischen, ruhigen Typ, der weder so richtig aus sich herauskommt, noch eine gültige Präsenz ausstrahlt. Gar nicht so unähnlich der Figur, die Michael Dudikoff in ’American Fighter’ (besser) spielte. Zu dumm, dass man dem Martial-Arts-Löckchen hier die Rolle des ober-albernen Possen-Dussel überließ, der gerne Frauenheld und Tänzer wäre, aber einfach nur nervtötend ist. Die restliche Besetzung gibt sich ähnlich dürftig, verfällt in antike Rollenklischees, ohne ihren Figuren den nötigen Witz und Charakter zu verleihen. Seltsam, dass ausgerechnet zwei Dreikäsehochs (die sogenannten Disco-Mutanten!) hier den Höhepunkt darstellen.
2. Stringenz: Der Film verliert sich so sehr in seiner quirligen, nicht aber unbedingt gekonnten Optik und dem 80er Soundtrack, bis die Birne pink, neon und metallic zugleich leuchtet (das hier ist überhaupt einer der ’Eighties-Movies’ schlechthin, mehr Eighties geht fast gar nicht mehr...), dass vor allem das potentiell grandiose ’Private Dick’-Element hier größtenteils vernachlässigt wird. Stattdessen gibt’s mehr quirligen Humbug von Dudikoff, Endzeit-Klischees und Lückenfüller.

“Wir sind auf’m Sprung, Schwester. Es ist Zeit, das Feld abzuräumen und das Spiel zu gewinnen. Die Kammer ist geladen und der Hammer ist gespannt. Und unsere Finger jucken wie das Fell einer Katze mit Flohverseuchung.“

Ach ja, George Kennedy spielt auch mit!

Würde ’Radioactive Dreams’ nicht eine theoretisch geniale Idee zugrunde liegen, hätte ich mich wahrscheinlich weitaus unbeschwerter über den Film geäußert, mich auf die schön blöden Dialoge verbissen (“Sie hat mich einen Ätzlurch genannt.“ “Ätzlurch, was ist das?“ “Keine Ahnung, hört sich wie ein sehr starkes postnukleares Kompliment an!“) und über Kohlrüben-Mutanten abgefeiert. Aber ’Radioactive Dreams’ hatte wirklich das Zeug zum Kult. Irgendwann im Film wird eine neonbunte Rock-Hymne mit dem Titel ’Guilty Pleasures’ aufgeführt. Hier trifft es der Film am besten. Aber scheiße noch eins, er hätte echt viel mehr sein können!


Hudson