Polyp - Die Bestie mit den Todesarmen


‘Each year 10,000 tourists visit Ocean Beach. This summer Ocean Beach has attracted SOMETHING ELSE!’


Originaltitel: Tentacoli (1977) Regie: Ovidio G. Assonitis
Drehbuch: Steven W. Carabatsos, Tito Carpi, Jerome Max & Sonia Molteni
Darsteller: John Huston, Shelley Winters, Bo Hopkins, Henry Fonda FSK: 12


Durchatmen!

Manchmal, aber nur manchmal, kommt es nicht unbedingt darauf an, welcher der beste Film seines Genres ist, sondern welchen seiner unzähligen Plagiate man zuerst konsumiert hat. So geschehen bei Klein Hudson und ’Polyp’.
Das Erlebnis ’Der weiße Hai’ sollte mir erst Jahre später widerfahren, doch ’Tentacoli’ (so der Originaltitel) gammelte schon seit einer halben Ewigkeit in unserem Video-Regal herrum. Wenn man es nicht besser weiß und ein allesfressender Hosenscheißer ist, dann, ja dann haut einen ein solcher Film um.
Selbstverständlich, doch dessen bin ich mir erst heute bewußt, ist Spielbergs ’Jaws’ der bessere Film, der bissige König des Genres, ein Film von tausenden, wahrscheinlich Millionen geliebt und etliche Male durchlebt. Ein Klassiker. Aber (und jetzt kommt’s!):
Hatte ’Jaws’ einen wildgewordenen Riesenkraken?
Nein!
Hatte ’Jaws’ zwei Killerwale, die sich mit besagtem Ungetüm um die Wette balgen?
Nein!
Hatte ’Jaws’ Cameos von Henry Fonda und Sheriff Lobo?
Nein!
Hatte ’Jaws’ Shelley Winters als männerhungrige Fettel-Blondine mit dem größten Hut der Filmgeschichte?
Nein!
Und (was am aller-aller-aller-allerwichtigsten ist!) hatte ’Jaws’ John Huston (JA John Huston, Regisseur der Kinoklassiker ’Moby Dick’, ’African Queen’, ’Die Spur des Falken’ , JA John Huston!) als zauseligen Journaille-Opi im Nachthemd?
VERDAMMT NOCH MAL NEIN!

"Solange du nicht auch meine Dessous drunter hast,
kannst du meine Nachtgewänder ruhig auftragen."

Story:
Journalist Ned Turner (Huston), dessen liebestolle Schwester (Winters) ihm mit ihren Affairen regelmäßig auf die Klötzer geht, recherchiert seit neuestem eine Reihe von ungeklärten und unerklärlichen Mordfällen.
“Völlige Skeletierung. Abgenagt bis auf die Knochen.“ Lautet das ähm forensische Gutachten. Der Sherriff (Claude Akins) gestattet Turner, den Meeresbiologen und Orca-Dompteur Gleason (Bo Hopkins, ’American Graffiti’) einzuschalten. Als auch zwei seiner Taucher ins Seegras beißen, treibt es Gleason selbst in die Tiefe. Seine Ehefrau hält überhaupt nichts davon, deren Schwester macht hingegen erst mal einen Boots-Ausflug mit ihrer Party-Clique... natürlich genau dorthin, wo das Unheil wartet. Und zwar in Form eines riesigen Killer-Kraken, der sich einen nach dem anderen schnappt. Was kein Wunder ist, da diese Deppen mit Schuhen baden. Währenddessen entdeckt Gleason, dass viele Fische durch seismische Aktivitäten unter Wasser verreckt sind (aha). Hinter der Übelei steckt natürlich ein Konzern, der unter dem gewissenlosen Whitehead (Henry Fonda, ’Mein Name ist Nobody’) in der Gegend einen Tunnel baut. Und genau dieser Bau hat auch das Seeungetüm 'erweckt', dass sich bald sogar über eine ganze Regatta hermacht. Jetzt helfen nur noch drastische Maßnahmen!

Köpfchen in das Wasser
Schwänzchen in die Höh!

“Was meinst du mit Süßigkeiten? Das sind keine Süßigkeiten, das ist Leidenschaft.“
“Und wen hast du heute wieder vernascht?“

Ja ja ja ja. Der Film suppt und fluppt an allen Ecken und Enden, ist teilweise albern, teilweise über-dramatisch und fraglos ein schamloser Abklatsch des berühmten Vorbildes. Mir völlig schnuppe. Ich mag das Teil nämlich nach wie vor. Das liegt nicht nur daran, dass es ein paar wirklich fiese Szenen gibt, ich riesenhafte Oktopusse schauriger finde, als alle anderen Unterwasser-Bedrohungen und die unglaubliche Besetzungsliste mag, sondern auch (und spätestens jetzt geht meine Credibility mit den italienischen Laiendarstellern über Bord) den Soundtrack. Seien es die loungelike Sounds in den ruhigen Momenten, das lustvole Gequäke während der Regatta oder das recht simple, aber einprägsame Hauptthema, das mal lediglich von einem Cembalo gespielt, mal auch von Streichern und Bläsern begleitet wird. Aber das bin nur ich! Bei normalen Menschen dürfte das Gequietsche bald auf zugedrückte Ohren stoßen (beim Abspann wurde es dann selbst mir zu viel!).
Winters, Huston und Fonda (alle drei übrigens Oskarpreisträger) verbanden wahrscheinlich ihren Italien-Urlaub mit den Dreharbeiten und sind auch auf die eine oder andere Art und Weise sehenswert (alleine John Huston im Nachthemd zu sehen, ist ein Erlebnis).

"Ihr Buben nennt mich nicht zweimal Segelohr!"

Bo Hopkins schnutet sich durch seine Szenen und übernimmt am Ende dann sogar das Steuer, indem er mit einem Kollegen das letzte (eher schwache) Drittel vom ’Weißen Hai’ nachspielt. Den ’Quint’-Part übernehmen seine beiden Killerwale, vor denen er kurz zuvor eine philosophiosche Ansprache hält, was die beiden dann tatsächlich bewegt, dem Kraken Paroli zu bieten.
Das Biest selbst wird mittels echten Tintenfischen und leidlich gelungener Animatronik dargestellt. Highlight ist hier die ’Kraken-Kopp-Kamera’, eine Art Third-Person-Perspective, durch welche wir das Biest bei einigen seiner Attacken beobachten können. Das elchige Geröhre des Viechs ist übrigens genau so hanebüchen, wie die Anzahl von angeblich vier Drehbuchautoren, oder uns vorgaukeln zu wollen, das Ganze spiele in Los Angeles und nicht an einer x-beliebigen Küstenstadt der Adria.

Battle of the Killer-Thingies

Fazit: Meine persönliche Vorliebe für diesen quietschig-glitschigen ’Jaws’-Verschnitt mal zur Seite gepackt, sage ich: Ach, ich kann einfach nicht. Entscheidet selbst!

Hudson