Overkill


‘The body count is overwhelming’


Originaltitel: Overkill (1987) Regie: Ulli Lommel
Drehbuch: Ulli Lommel & David Scott Kroes
Darsteller: Steve Rally, John Nishio, Laura Burkett FSK: 18


Lookin' for some hokey bullshit?
In meiner unermüdlichen Suche nach Filmperlen aller Couleur, versuche ich das Augenmerk immer wieder gen Streifen zu lotsen, zu denen bislang (zumindest im Weltennetz) noch niemand seine zwei Cents hat klimpern lassen.

Das kann Vor- und Nachteile haben. Es ist einerseits möglich, dass der Film aufgrund qualitativer oder einfach nur unterhaltungstechnischer Defizite dermaßen untergegangen ist, dass niemand jemals auf die Idee kam, ausgerechnet dazu seinen Senf abzulassen. Auf der anderen Seite hab ich die Möglichkeit - wenn mir der Sinn danach stehen sollte, was ich hiermit weder bestätige, noch leugne - dazu zu schreiben, was ich will. Hat eh nie einer gesehen, wird nie einer sehen und kann keiner kontrollieren. Ich meine, schaut euch mal das Cover an! Ich hab quasi freie Hand.

„Er fürchtet, dass die ganze Westküste in die Hände der Yakuza fällt und das will er verhindern.“
„Die ganze Westküste? Was is’n das für’ne Rambo-Scheiße!?“
„Er denkt die Polizei macht den gleichen Mist wie damals mit der Mafia in den Zwanzigern.“

Moment! Lassen wir erst mal den Covertext sprechen, bevor hier voreilige Schlüsse gezogen werden:
”Little Tokyo in Los Angeles. Hier, mitten im Dschungel der Großstadt, gilt kein Gesetz. Es gibt noch ein Recht - das des Krieges. Und einen Mann, der die Spielregeln dieses gnadenlosen Krieges wie kein anderer beherrscht: Micky Delano, der härteste und schärfste Bulle in ganz L.A.“

Ähm... Veto! Widerruf!

Also das mit dem härtesten und schärfsten Bullen kann ich schon mal dementieren, denn vorgestellt wird uns Micky zunächst als Frauenklopper und Puffpreller*, der mit seinem Partner, dem ähnlich strammen Steiner, zu Recherche-Zwecken nach einem Mordfall in Lil’ Toki-yo erst mal das lokale Bordell aufsucht. In bester “gratuitous boob-shot“ Manier wird hier zunächst unter fadenscheinigem Vorwand an den Igelschnäuzchen einer der Angestellten herumgekaut (Partner in attendance, Nutte: „Langweilt sich dein Freund nicht?“), nur um fünf Minuten später den ganzen Schuppen (mitsamt der horizontal gewerblichen Insassinnen) zusammen zu hauen.
Als nach etlichem Yakuza-Rumgeheule („Wie immer Yakuza!“/„Mit Sicherheit warn’s die Yakuza!“/„Informationen sagen mir, wir haben’s mit der Yakuza zu tun.“) schließlich Spoiler, äh Steiner bei einer Razzia von fiesen Killer-Geishas hinterrücks erschossen wird, reicht es seinem Partner, dessen Zündschnur jetzt abgebrannt ist.

„Sayonara!“
„Sayonara? Ist das ne Automarke?“
„Nein, Reiswein!“

„Nehmt meine Finger, meine Ohren.
Zerschneidet mich von Kopf bis Fuß.
Ich habe keine Angst vor dem Tod!“
(Zitat)
Aber 'n bissel scharf issa schon, der Micky, der Delano. Kein Wunder, wird der martialische Macho-Molch doch von Ex-Playgirl-Centerfold Steve Rally gespielt (traut euch und googelt seinen Namen!). Und hätte ich das nicht in der einzig verfügbaren Sekundärliteratur (einem imdb-user review, cheers) recherchiert, ich wär auch von alleine drauf gekommen. Kein Witz, man sieht’s. Und nicht nur an dem aalglatt barbierten Oberlippenbart und der Frisur aus der Shampoo-Werbung, nein auch an Delanos Mode. Meist trägt er eine offene Bomberjacke über halb offenem Hoody und darunter nichts, bis auf die gebräunte Brust. Aber nur wenn er einigermaßen ruhig ist. Wenn ihn die Hitze des selbstgerechten Zornes packt, tut es auch eine knappe offene Weste. Und zornig ist Micky fast ununterbrochen, was sich vor allem in seinen Ermittlungsmethoden widerspiegelt. Diese sind für den gewillten Zuschauer mehr als amüsant, für die zu ermittelnden (sprich, zusammenzuschlagenden/ abzuknallenden/zu beleidigenden) Subjekte, die sich zu 99% aus dem asiatisch-stämmigen Teil der Cast rekrutieren, allerdings weniger. Die bekommen auch gerne mal ein paar Extremitätchen abgehobelt, wenn sie nicht spuren.

Um diese uralte Frage endlich mal zu klären:
Nein, es schneit nie in Kalifornien.
Um den wie ein Elefant durch den Raum polternden Rassismus-Vorwurf aus dem Weg zu schaffen und Delanos “character ark“ einen Schubs zu geben, wird ihm ein Partner asiatischer Abstammung zur Seite gestellt. Vom Drehbuch, wohlgemerkt. Nicht etwa von seinem Vorgesetzten. Nein, er findet den Mann namens Akashi einfach in einer Chop-Suey-Bude, die kurz vorher in seiner Anwesenheit von zwei Yakuza (natürlich) mit Uzis, aber ohne Oberkörperbekleidung (selbstverständlich) zusammengeschossen wurde.

Die nun folgende Wandlung vom ausländerfeindlichen Cop zum freiwilligen Ramen-Koch (lange Geschichte), ist so tölpelhaft, wie sie ulkig ist. Vor allem, wenn die beiden mal Pause machen und in Delanos Hütte herumgammeln, wo sie sich durch dusselige Dialoge wie folgendem allmählich annähern:

„[...] Pearl Harbor. Sie kamen im Morgengrauen aus dem Nichts. Er war gerade beim Frühstück. Sie fanden ihn mit einem Gemisch aus Rührei und Blut in seinem Mund. Japanische Kampfpiloten waren’s.[...]“
„[...] Nagasaki. Sie fanden ihn mit Atomstaub in der Lunge, vermischt mit Blut. Das heißt totale Zerstörung, gänzlich. Weißt du noch? Ein amerikanisches Flugzeug warf die Bombe.[...]“
„Sind sie verheiratet?“
„Nein, aber ich bin schon seit zehn Jahren in eine Frau verliebt und zwar sehr. Die Tragik ist nur, davon weiß die Gute nichts!“

"Zieh dir was an und nimm die Hand von der Frucht, dann können wir reden!"

Ein wenig fühlt man sich an das Bonding von David und Larry aus ‘Das Todesschwert der Ninja‘ erinnert. Nur wird hier weniger Salat gebraten und tatsächlich noch unmoralischer vorgegangen. Egal, ob der Comissioner aus Dialog eins das für Rambo-Scheiße hält oder nicht. Micky bekommt den Rücken von seinem Captain gedeckt („Sie werden sie kriegen, Mike! Unser Land braucht Männer wie sie!“), kann seine groben Methoden walten lassen und wird von seinem neuen Partner tatkräftig dabei unterstützt. Da wird auch schon mal überlegt, eine weibliche Geisel aus den Rängen der Yakuza (gekidnappt von den beiden Bullen höchstpersönlich!!!) als Regress-Maßnahme umzubringen.
Dass der herzzerreißend dämliche Film dabei immer ununterbrochen in dramaturgische Schlaglöcher purzelt, macht ihn zwar zur (erzähl)technischen Katastrophe, heben ihn aber auf ein quasi “so bad-it’s fun“-Level. Zum Beispiel die dämlichen Mob-Methoden der lokalen Yakuza: Sie packen einen Müllsack auf ihr Opfer, stellen ihn auf einen Bergweg, setzen mit ihrem Wagen 10 Meter zurück und überfahren die arme Sau mit 15 km/h.

Eieieiuiuiui...
In einer anderen Szene, verkleidet sich Delano als Male Stripper (hier machen sich Rallys Playgirl-Chops bezahlt), weil er gehört hat, dass die Yakuza den Laden übernommen haben. Kaum steht er auf der Bühne vor kreischenden Muttis, kommen auch schon die Gangster und überfallen den Laden, werden von Delano verfolgt und von hinten abgeknallt. Ende.
In jedem anderen Film dieses Kalibers wäre dieses Set-Piece ausgewalzt, und mit einer Montage eingeleitet worden. Hier wird die Szene selbst zur Montage. Ereignisse jener Art ziehen sich teilweise grotesk stümperhaft zusammengeleimt (der Schnitt ist de facto katastrophal) und ohne Sinn für Kohärenz durch den gesamten Film, gestützt vom beinahe schizophrenen Umgang mit dem Protagonisten.
Highlight von ‘Overkill‘ ist wahrscheinlich der/die/das im Action-Genre beliebte (aber zu der Zeit noch nicht dermaßen etablierte) “Mansion-Shootout“ (wie man ihn/sie/es beispielsweise aus ‘Phantom Kommando‘, ‘A Better Tomorrow 2‘ der ‘Bad Boys 2‘ kennt), der/die/das allerdings lediglich am Rande des Pools des besagten Anwesens stattfindet. Hier geben sich hanebüchene Twists und blutige Gewalt die Klinke in die Hand. Köppe rollen, es werden bereits kapitulierende Gegner von hinten mit dem Katana aus dem Swimmingpool erdolcht und der Zuschauer wird Zeuge jenes unvergesslichen Dialoges:

„Na schieß schon, du schießwütiges Arschloch!“
*BLAM*
„Selber Arschloch!“

Kapitulation ist so zwecklos wie
Widerstand. Er knallt doch jeden ab.
Natürlich muss man ein Faible für derlei Kappes haben und dummerweise entschied sich Regisseur Ulli Lommel, seinen unmöglichen Schnittkurs auch nach dem Finale fortzuführen und noch einen absolut überflüssigen Epilog draufzusetzen, der jegliche Luft aus dem bisherigen bisschen Polter-Spaß nimmt. Niemand muss wissen, was nach dem Spoiler von Spoiler passiert, niemand muss Delano als geläuterten Sushi-Jochen sehen, der Frieden mit den doofen Yakuza schließt. Das tut alles nichts zur Sache. Nicht in diesem Film.
Als dann noch ein riesiger Pterodaktylus vom Himmel kommt, Delano und seine Kollegin Carol Ann auffrisst und sie nach zwei Loopings über dem Capitol Records Building wieder ausscheidet, hatte der Film auch das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit eingebüßt.

„Hi, Micky.“
„Hi, Carol Ann, ich wollt dich gerade anrufen.“
„Brauchst du ’ne Putzfrau oder hast du sexuellen Notstand.“
„Nein, ich hab ‘nen neuen Partner.“
„Gratuliere! Wer ist sie?“
„’n japanischer Bulle.“
„Du machst Witze!“
„Mhm. Durch ihn krieg ich die Beweise. Die Yakuza ist für alles verantwortlich!“

Oh doch, das ist tatsächlich passiert!
(Ich konnte nur keinen Screenshot davon finden. Danke an Spoonie, für die detailgetreue Nachbildung.)

Okay, okay, schon klar. Yakuza nixe gut. Aber daran ist auch die Gesellschaft schuld! Nur, dass das hier mit keinem Wort erwähnt wird.
Auf den ersten Blick, ist ’Overkill’ also die filmgewordene Definition des wenig schmeichelnden Begriffes “Video-Trash“, auf den zweiten Blick übrigens auch. Ich weiß selber nicht, wohin ich diese Aussage jetzt noch manövrieren kann, aber aufgrund seiner abstrus holprigen Struktur und der bekloppten Dialoge, könnte der eine oder andere vielleicht… na ja, sagen wir einfach mal, wer mit Absicht auf diesen Link geklickt hat, Fan von Gurkensalat im Action-Milieu ist und eine bizarre Zuneigung für kontinuierlich kaputte Dramaturgie mit all ihren hanebüchenen Details hat, der kann Ulli Lommels Film einlegen, sollte aber präventiv auch alle Erwartungen ablegen. Für diese Meinung stehe ich mit meinem guten Namen und der gesamten Flausen-Portokasse von zwei Cent. Ihr habt eh keine Alternativen. Schließlich bin ich derzeit die einzige Expertisen-Quelle in Sachen ‘Overkill‘. Wollte halt kein anderer machen.




Hudson