Die Kunst des negativen Denkens



Originaltitel: Kunsten å tenke negativt (2006) Regie & Drehbuch: Bård Breien
Darsteller: Fridtjov Såheim, Kjersti Holmen, Henrik Mestad FSK: ungeprüft


Nach einem Unfall ist Geirr (Fridtjov Såheim ) an den Rollstuhl gefesselt. Ein normales Leben inklusive Sex mit der Ehefrau ist nicht mehr möglich und so zieht er sich grollend in sein abgedunkeltes Zimmer zurück, kifft, guckt Kriegsfilme, hört Johnny Cash und hadert mit seinem Schicksal.

Irrer Typ
Ingvild (Kirsti Eline Torhaug), seine Frau, weiß sich keinen Rat mehr und so lädt sie die ehrgeizige Therapeutin Tori (Kjersti Holmen ) mit ihrer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderung in ihr Haus ein. Tori hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Gruppenmitgliedern einen positiven Umgang mit ihrer Behinderung beizubringen und duldet weder Depression noch Zynismus.
Da ist einmal Asbjorn, der früher mal ein reicher Unternehmer war, nun aber nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, nicht spricht, von seinem Bruder hintergangen wurde und darum jetzt ohne Geld dasteht und in einem Obdachlosenheim wohnen muss, wo ihn die Junkies beklauen, wenn er schläft. Dann ist da noch Lillemor, eine ältere Dame mit Halskrause, die sich schrecklich einsam fühlt und deren größter Wunsch es ist, ihre Wohnung zu verschönern, was ihr aber leider körperlich unmöglich ist (ihr wisst schon, die Halskrause). Und zu guter Letzt Toris ganzer Stolz: Marte und Gard. Marte ist seit einem Kletterunfall vom Hals abwärts gelähmt und wird von ihrem Mann Gard, welcher Schuld an dem Unfall war, aufopferungsvoll umsorgt. Diese beiden haben Toris Lehren zum positiven Denken bereits vollständig verinnerlicht, was dazu führt, dass Marte mit ständigem Dauergrinsen an allem das Positive sucht und Gard so verständnissvoll und unterstützend ist, dass er sich nicht das kleinste Stirnrunzeln erlaubt. Dagegen müssen Lillemor und Asbjorn noch immer ab und zu Gebrauch vom ’Scheiße-Beutel’ machen, einem gehäkelten Säckchen, in das schlechte Gefühle und Gedanken gesprochen werden.

Noch mehr Irre
Diese wohlmeinende Truppe rückt nun zum Kaffetrinken an und Geirr ist alles andere als begeistert.
Rücksichtslos lässt er seinen Aggressionen und seinem Ärger freien Lauf und stürzt sich in den Kampf mit der Therapeutin.
Was als Trotzreaktion beginnt, wird nach und nach zu einer ganz neuen Art von Therapie für alle beteiligten. Denn auch der Rest der Gruppe, lässt sich anstecken von Geirrs Wut und seiner negativen Sichtweise. Da wird nicht mehr über Fortschritte gesprochen und jeder neue Schritt in die sowieso nie vollständig wiederkehrende Selbständigkeit beklatscht, sondern es wird ein Liste erstellt, wem es denn nun am schlechtesten geht und natürlich sieht jeder sich selbst verdientermaßen auf Platz eins.
Tori versucht immer wieder, alles zurück in die alten Bahnen zu lenken, was ihr aber nicht gelingt und als ihr die Feel-Good-Parolen ausgehen und sie zu allem Übel auch noch einen Kinnhaken kassiert, räumt sie resigniert das Feld.
Es folgt eine wilde Nacht mit Alkohol, Drogen, Sex und Waffen, die mit einer zünftigen Partie Russisch Roulette bendet wird.

So schwarze Komödien kommen fast immer aus dem Norden und auch diesmal ist es nicht anders. Der norwegische Regisseur Bård Breien schenkte uns dieses Filmerlebnis, das ganz im Stil von ’Adams Äpfel’ den gesunden Pessimismus zelebriert.

Mit dem Treppenlift ins Glück?
Die schrulligen Charaktere (dargestellt von einem großartigen Schauspiel-Ensemble), von denen jeder seine eigenen Macken hat, gehören genauso mit in den Topf, wie der lockere und unangepasste Umgang mit Themen wie Trauer, Krankheit und Zukunftsangst. Nicht immer politisch korrekt und darum so erfrischend, wird alles abgehandelt, was sonst lieber nicht angesprochen oder nur allzu gern im Kitsch ertränkt wird.
Am Ende steht die große Erleichterung nach dem kollektiven Dampfablassen und jeder hat gesehen, dass er nicht der einzige auf der Welt ist, der Probleme hat und fest davon überzeugt ist, dass es niemandem so schlecht geht, wie ihm selbst.
’Die Kunst des negativen Denkens’ ist ein großartiger Film, für alle, die verstanden haben, dass ein ordentliches Gewitter zur richtigen Zeit hilfreicher ist, als andauernder vorgetäuschter Sonnenschein.


Leone