Die Nacht der Vampire


‘Things happen that have never been seen by human beings. The blood flows like vintage wine.’


Originaltitel: La noche de Walpurgis (1971) Regie: León Klimovsky
Drehbuch: Paul Naschy & Hans Munkel
Darsteller: Paul Naschy, Gaby Fuchs, Barbara Capell FSK: 18


Und jetzt alle: "Dieser Ort ist verfluuuuuuucht!"

Gebt mir blutbesudeltes Fell, gebt mir groovy Swing-Geklimper, aber vor allem: Gebt mir Jacindo Molinha aka Paul Nashy aka El Hombre Lobo!

Der spanische Genre-Zapfen spielte in mehr als 50 Filmen, in 10 davon als Waldemar Daninsky, jener spanische Edelmann mit Hang zu lykanthropischen Ausschweifungen, den viele Naschy-Fans als seine Paraderolle beschreiben würden.

Filterzeit: Day to Night
’Nacht der Vampire’ aka ’Blood Moon’ aka ’Die Orgie des Horrors’ aka ’Shadow of the Werewolf’ aka ’Walpurgis Night’ aka ’The Werewolf Versus the Vampire Woman’ aka ’La noche de Walpurgis’ ist der vierte Eintrag jener losen Reihe und bekommt an dieser Stelle mad props von mir dafür, der erste Film zu sein (zumindest der erste, bei dem es mir auffällt), welcher die mit Filtern geschwärzten Tagaufnahmen als Nachtszenen verkauft und das gleich im ersten Dialog zur Sprache bringt:

“Man hat das Gefühl, als wenn die Sonne scheinen würde. Ich hasse diesen Vollmond.“

Der Prolog beschreibt das Wiedererwachen Daninskys (zu Tage ein stattlicher Gentleman mit schönem Haar, eindringlichem Blick und ’Bud Spencer’-Synchro; zur Vollmond-Nacht ein keuchendes Wuschelwesen mit scharfem Zahn und Durst nach Blut), durch die Hand zweier tölpeliger Leichenhausangestellter, die ihre Irrelevanz für den Plot durch Gesellschaftskritik und Shakespeare-Zitate zu kompensieren versuchen.

Man nennt ihn nicht
umsonst den "Naschy"
“Vampire und Silberkugeln. Die Menschheit rottet sich aus. Großartig. Wir erobern den Mond, den Weltenraum und die Dummheit feiert Triumphe.“
“Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, wie Shakespeare sagt, es gibt Kräfte, die wir nie begreifen werden. Niemals.“

Wer Hamlet zitiert, liegt grundsätzlich nie falsch. Wer allerdings einer Werwolfleiche die Silberkugeln aus der Brust prökelt, liegt bald im Raum verteilt und kann zwei Wochen und eine Grundreinigung später als Yorick im Dorftheater mit dabei sein.

Da ich die Vorgänger nicht kenne, mir also eventuell wichtige Zusammenhänge fehlen, spekuliere ich einfach mal, dass Daninsky ohnehin aus der Gegend stammt und das Anwesen, in dem er fünf Minuten später wohnt, sein Familiensitz ist. Untermauert wird diese Theorie von der Tatsache, dass auch seine Schwester hier ... nun, mehr vegetiert als residiert.

Ein Werwolf und seine Schwella im Gruftischloss von Darkmoore Mitte machen noch keinen Film, also heißen wir herzlich Elvira und Genevieve willkommen, zwei eifrige Geschichtsstudentinnen auf Exkursion ins Reich der Mythen. Die beiden Schnecken (aus denen – Kenner von Naschys Oevre ahnen es bereits – bald Nacktschnecken werden) sind auf den Spuren der Sage um die Vampirfürstin Wandessa Darcula de Nandasky unterwegs und werden auf der Straße nach Süden vom Hombre Lobo aufgelesen und in seine Hütte abgeschleppt.

Aalglatt abgewürgt

Schon hier kommt es zu ersten Episoden ero-violenter Art (wenn ich das mal so nennen darf). Regisseur Klimovskys Vorliebe für den Mix aus Sex und Gewalt zeigt sich (noch recht harmlos), als Daninskys Schwester eine Pyjama-Party der Mädels crasht, mit monotoner Stimme salbadert “Sie müssen weggehen. Der Vampir, er bringt sie um. Bitte glauben Sie mir doch, Sie werden umgebracht. Der Werwolf!“ (ja wat denn nu?), nur um daraufhin einer der Damen die Hände um den Hals zu legen und diese danach in Richtung Busen wandern zu lassen.

Dieses Schema wiederholt sich in unterschiedlichen Versionen während des gesamten Filmes. Ungeniert schwenkt die Kamera zwischen Close-Ups von klaffenden (meist herrlich kunterbunten) Wunden und Zoom-Ins von Brüsten hin und her, als wolle man uns sagen: Ja, doch, Gewalt ist okay. Sex ist auch okay. Gewalt und Sex, wegen mir. Packen wir alles zusammen.

Na geht doch.

Die absurden Dialoge der beiden Damen setzen dem chauvinistischen Charakter, den ’Nacht der Vampire’ mit etlichen Genre-Filmen seiner Zeit (und - machen wir uns nichts vor- der Zeit davor) teilt, noch einen drauf.

“Es muss noch eine andere Frau hier im Haus sein. Denk doch nur ans Abendessen! Nur eine Frau deckt den Tisch auf diese Weise.“
“Jaja, der Tisch war schön gedeckt, aber das Essen bestand nur aus kalten Platten und das kann schließlich jeder zubereiten. Sogar ein Mann.“

Umso interessanter, dass mit Vampirfürstin Wandessa, die ganz offensichtlich auf der historischen Figur der alten Blutsichel-Tante Lady Bathory basiert, eine weibliche Gegenspielerin für Waldemar Daninsky ins Geschehen schlürft.
Die Grusel-Gudrun wird versehentlich von Elvira und Waldemar aus dem Grab beschworen, als die neugierige Studentin sich ausgerechnet über deren Sarg den Finger am frisch aus dem Brustkorb gezogenen Kreuz verletzt und ihr Blut direkt in den skelettierten Schlund der Gräfin tropft.

Man kennt das.

Um es auch für die Damen und Herren in der letzten Reihe zu verdeutlichen, lässt das Drehbuch Elvira in just jenem Moment folgenden Satz von der Lippe fallen:
“Die Vampirforschung hat festgestellt, dass sie wieder zum Leben erwacht, wenn man ihr das Kreuz aus der Brust zieht. Der Atem, der sie wieder lebendig macht, soll rot sein.“

Ja, und eins plus eins ist zwei. Selbst wenn man die Finger in die Steckdose packt.

Elviras Freundin Genivieve stellt sich kein bisschen genre-firmer an. Die Worte “Wenn ihr den Sargdeckel öffnet, möchte ich keinesfalls dabei sein. Ich warte in den Ruinen der Kapelle auf euch!“ sollen ihr noch im Halse stecken bleiben, als ein entfernter Verwandter der reitenden Leichen (höchstwahrscheinlich der Butler von Lady Wandessa) sie dort mit offenen Gummiarmen empfängt. Im Schatten der herannahenden Walpurgisnacht überschlagen sich die Ereignisse und Genivieve steht bald im Bann der wiedererweckten Vampirfürstin, während Elvira dem Charme El Hombre Lobos verfällt.

Und auch ihn hier kennt man...
Der Rest des Films ist gleichermaßen geprägt von leider allzu dösigen Dialogen und obskur-atmosphärischen Szenen, unterstützt durch effektive Zeitlupen und exquisite Keuch-, Schlurf-, Säusel- & Gong-Sounds, die ’Nacht der Vampire’ eine ganz eigene Note des Widersinnigen verpassen.
Während Naschys flauschige Transformierungen mit dem klapprigen, aber unterhaltsamen FX-Gerüst (Skelett-Glotter, Maden-Gewimmel und Verstümmelungen in Gore-Color) fugenlos verschmelzen und Gräfin Wandessa im Schock-Schleier wie eine Gespensternonne durch die Landschaft schwebt, hat der Film immer noch Muße, seine theatralische Natur durch Szenen belangloser Trivialität zu unterwandern.

“Ich bleib bei dir“, sagte Elvira leidenschaftlich entschlossen zu Waldemar. “Ich bleib immer bei dir. Das ist unser Schicksal!“ Dann setzte sie sich vor ihren Spiegel und bürstete sich gewissenhaft die Haare.

“Satan hat immer noch Gewalt. Die Menschen wollen einfach nicht mehr an seine Macht glauben. Wandessa ist wieder auf dieser Welt. Sie brachte diesen Mönch wieder zurück. Jeder Blutstropfen gibt ihr mehr Kraft und jetzt steht die Walpurgisnacht bevor. Die Schrecken werden wiederkehren!“

¡Viva el Hombre Lobo!

Selten mischten Dialoge Unsinn und Exposition auf derart elegante Weise. Zwar wabert die Story an reißerischen Einstellungen und faden Füllerszenen vorbei ins Nichts, aber Paul Naschys Schmiss, der knuddelige Charme der Materie und die allgegenwärtige Kunterbuntität machen diesen Genre-Mix unverzichtbar für wohlwollende Liebhaber erotisierter Gruselgeschichten im Pelzmantel. Mein erster Naschy und ganz sicher nicht mein letzter. Auf gute Zusammenarbeit!


Hudson