Monster des Grauens greifen an



Originaltitel: Gezora, Ganime, Kameba: Kessen! Nankai no daikaijû (1970)
Regie: Ishirô Honda Drehbuch: Ei Ogawa
Darsteller: Akira Kubo, Atsuko Takahashi, Yukiko Kobayashi FSK: 12


Ladies & Gentleman:
GEZORAAAAAAAAAAAA!

Ich erinnere mich, als wäre es letzten Monat gewesen (das kann allerdings auch etwas mit meinem allgemeinen Aufmerksamkeits-Defizit zu tun haben): Irgendwann Ende der Achtziger. 4. Klasse, Dienstag. 4. Stunde Ausfall. Ab nach Hause, Glotze an. Da läuft ein Film namens ’Monster des Grauens greifen an’ um 11 Uhr früh und ich bin allein zu Haus. Leute, genau so werden filmverrückte Irre konditioniert!

Zur Story dieses unglaublichen Films:
Die unbemannte Raumkapsel Helios 7 wird ins All geschossen, um dort all jene Sachen zu machen, die unbemannte Raumkapseln im All tun. Dazu gehören allerlei Angelegenheiten, von denen ich weder damals, noch heute eine Ahnung habe, aber eines gewiss nicht: Das Aufsammeln eines außerirdischen Amöben-Schwarms und ein abschließender Absturz zurück auf die gute alte Mutter Erde. Doch genau so passiert es.

Kaiju Safari Deluxe
Wie es der Zufall will, beobachtet Foto-Reporter Kudo (Akira Kubo) den Absturz der Sonde, was ihm natürlich niemand glaubt. Wie es ein weiterer Zufall will, wird Kudo kurze Zeit später auf eine Insel ganz in der Nähe des Absturzortes geschickt, die bald zu einem Ferienparadies umfunktioniert werden soll, womit die ortsansässigen Insulaner gar nicht einverstanden sind. Die Jungs und Mädels haben mittlerweile auch schon ganz andere Probleme. Dank der Alien-Amöben ist ein simpler Kopffüßer zum Riesenmonster gewachsen, das von einigen völlig verquerten Insulanern als Götze angebetet wird.
Nachdem das Vieh zum ersten Mal aus den Fluten steigt und dabei einen Fischer verspeist, erläutert dessen Angel-Genosse ganz aufgelöst einer zufällig vorbeischauenden Gruppe weiser Ur-Insulaner das Ereignis (solche weisen Ur-Insulaner sind immer zur Stelle, wenn irgendwo in der Nähe irgendwelche Riesenmonster erscheinen), worauf der Opa unter den Weisen (quasi der weiseste) nur meint, dass Gezora nun wohl wütend sei und man ihm unverzüglich ein Opfer bringen sollte. Die Tatsache, das Gezora soeben ein Opfer höchstpersönlich eingefordert und abgegrast hat, scheint den alten Zausel nicht zu scheren. Als Kudo mit einer handvoll Expeditions-Teilnehmer auf der Insel angelangt, müssen sich die feinen Damen und Herren aus der Zivilisation nicht nur mit Anfeindungen der Ureinwohner, sondern bald auch mit Begegnungen der unnatürlich gigantomanischen Art auseinander setzen. Selbst als Gezora mit Feuer getötet und besiegt werden kann, hat der Spuk kein Ende. Die außerirdischen Biester amöbilisieren sich in anderer Form und schlagen erneut zu…

Diese Amöben können sprechen:

“Du hast als erster Mensch der Erde die Ehre, ein echtes Wesen aus dem All zu werden!“

Ishirô Honda hat’s mal wieder geschafft. Der Vater von Godzilla, Mothra, King Gidorah und etlichen anderen Kultmonstern mit ’a’-Endung nahm inmitten seiner populärsten Reihe eine Auszeit, um diesen extra cremigen Eintrag ins Kaiju-Klassenbuch zu fabrizieren.
’Gezora, Ganime, Kameba: Kessen! Nankai no daikaijû’, so der Originaltitel dieses herrlich quietschbunten Werkes wunderbarer Monster-Action hat all die Merkmale, die Hondas Filme groß machten: Sympathische Charaktere, tolle Trampel-Sets, Exotik-Flair, ein wenig Drama und vor allem ein paar grandiose Riesenmonster. Eine ökologische Botschaft findet sich hier genau so wieder, wie Hondas Vorliebe für außerirdische Invasoren. Ein Original halt und ein unglaublich unterhaltsames noch dazu.

“Wir haben auch die Möglichkeit, den Körper jedes beliebigen Tieres zu benutzen und ihn zu gigantischen Ausmaßen zu vergrößern!“

Ohne Worte... oder?

Kleingeister würden ganz sicher Anstoß an der holprigen Tricktechnik und der cheese-o-matischen Stimmung nehmen, aber Kleingeister würden an dieser Stelle auch behaupten, dass es das Wort ’cheese-o-matisch’ gar nicht gibt und bekommen bei Kaiju Eiga ohnehin einen Platzverweis erteilt.
Klar sind die Tricks - um es vorsichtig auszudrücken - angestaubt, aber als Elfjährigen haben sie mich aus den Socken gehauen und auch heute fallen mir noch fast die Augen aus dem Kopf, wenn Gezora (umflattert von einem Schwarm an Fäden hängender Plastik-Fledermäuse) zur glorreichen Musik von Akira Ifukube über den Bildschirm gewackelt kommt und ganze Eingeborenen-Siedlungen platt walzt.
Der Riesenkrake sieht aus, als hätten die FX-Fachleute einem Elefanten eine riesige graue Beanie-Strickmütze aufgesetzt, vorne zwei farbige Frisbee-Scheiben als Augen, und an den Seiten ein paar zusätzliche Rüssel unlängst verstorbener Artgenossen als Tentakel drangepappt. Kurz gesagt: Ich liebe Gezora!!! (Und kreische seinen Namen gelegentlich wie einen Kampfschrei hinaus, wenn ich bergab mit meinem Drahtesel rase. Aber das nur am Rande.)
Die menschlichen Protagonisten sind bewährte Honda-Regulars, wie Dauer-Symphat Akira Kubo (’Matango’) Finsterling Kenji Sahara (ebenfalls ’Matango’) und Yoshio Tsuchiya (schon wieder ’Matango’, aber auch ’Die Sieben Samurai’). Zwar hält hier einmal mehr die Hälft der japanischen Cast als eingeborene Insulaner her (immer rauf mit der Bräunungs-Creme!), jedoch kann man nicht anders, als den Gestalten voller Begeisterung zu lauschen, wenn sie fachsimplen, sich streiten oder Überlegungen ob des Verbleibes der Weltraumkapsel anstellen: “Unter normalen Bedingungen hätte sie jahrelang schwimmen müssen. Es müssen außerirdische Kräfte auf sie eingewirkt haben!“

Der deutsche Titel komt nicht von ungefähr!

Freunde, hier lacht das Herz. Das Hirn hat Pause. ’Monster des Grauens greifen an’ ist ein Kaiju-Vergnügen ganz nach meinem Gusto, ein persönliches Highlight in der Entdeckung des B-Films und ein Werk, von dem ich behaupten möchte, dass es jedem Flauskopf, Monster-Liebhaber und B-Moviefan eine Unze Glück ins Herz böllern wird.


Hudson