Todesgöttin des Liebescamps



Originaltitel: Die Todesgöttin des Liebescamps (1981)
Regie: Christian Anders & Ilias Mylonakos Drehbuch: Christian Anders
Darsteller: Laura Gemser, Christian Anders, Simone Brahmann FSK: ungeprüft


"Sagt euch von dieser verlorenen Welt los. Folgt mir zur Göttin des Lichts! Die Auserwählte. Ihr werdet alle Ängste und Sorgen vergessen. Die Göttliche wird sie von euch nehmen in unserem Liebescamp. Dort herrscht Frieden, Eintracht und Harmonie. Wir lieben einander und kennen weder Neid, Hass, Furcht oder Egoismus."

Obviously.

Glaubt man dem schnöseligen Akquise-Clown Dorian (Christian Anders), wird im Liebescamp der Todesgöttin für den Weltfrieden kopuliert. Allerdings ist Prostitution ein lukratives Geschäft und so schickt man die größtenteils weiblichen Mitglieder der debilen Sex-Sekte auf den Strich, um die Betriebskosten abzudecken (die Männer müssen höchstwahrscheinlich Handwerkarbeiten verrichten und das Klo putzen). Dummerweise sitzt der Campleitung (nämlich Dorian und der geheimnisvollen Göttlichen, gespielt von Genre-Luder Laura Gemser) die örtliche Gendarmerie im Nacken, was die Herrschaften einen baldigen Umzug in Betracht ziehen lässt. Dafür reicht die knappe Hustle-Kohle leider nicht, also macht sich Dorian an die Tochter eines wohlhabenden US-Politikers im Wahlkampf ran, der just hierzulande (im schönen Griechenland) gerade seinen Urlaub genießt. Dem Charme des weißen Gewandes, der wallenden Mähne und des trüben Blickes kann das Blondchen nicht lange widerstehen. Sie spricht von Liebe und ihretwegen auch im Love Camp der Göttlichen.

"500 Drachmen, wenn du’s französisch machst."
"Sagen wir 1000!"
"Na schön. Komm, ich muss in ’ner halben Stunde wieder im Büro sein."

Dass Dorian hinter den Kulissen mit eiserner Hand ("Ein Griff wie ein Schraubstock!") den Pimp für ihm hilflos verfallene Damen spielt (er lässt ihnen eine Quasi-Wahl: "Wenn du nicht mehr für mich bumst, darfst du MICH nicht mehr bumsen!"), weiß das dumme Blondchen nicht. Selbst als der Leinengewand-Lude ihren Vater vor ihren Augen erpresst steht zu ihm. Doch Schatten fallen auf das junge Glück, als Todesgöttin Laura, die den martialischen Namen nicht von ungefähr hat (sie lässt jeden Aussteiger von ihrer eingeölten Breitkreuz-Musklor-Garde exekutieren), aufgrund der aufkeimenden Schwierigkeiten die Existenz im Allgemeinen in Frage stellt und einen gewaltigen Sprengsatz unter ihrem Thron aktivieren lässt...

Poetische Gedanken eines Leibwächters:
"Die Gemser ist schwer angepisst
ihr Brustumfang die Hälfte misst"

Göttin Gemser: "Lasst uns feiern, meine Kinder."
Spieverderber-Uschi: "Einen Moment noch, Göttliche. Ein Verstoß gegen unsere Gesetze muss erst noch geahndet werden."
Göttin Gemser: "Sprich!"
Spieverderber-Uschi: "Helen hat seit mehreren Tagen jeden zurückgewiesen, der mit ihr schlafen möchte. Außer Richard. Und er hat sich geweigert, mit anderen Mädchen zu schlafen."
Göttin Gemser: "Nun, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Helen?"
Helen: "Wir lieben uns!"
Sekte: "Murmel. Murmel. Das GEHT doch nicht! Murmel. Murmel!"
Göttin Gemser: "Es scheint, als hättet ihr meine Lehren nicht verstanden. Ihr solltet euch zumindest etwas mehr bemühen. Ich werde es noch einmal erklären. Kein geringerer als Mahatma Ghandi sagte: Wer nur einen Menschen liebt, kann nicht die ganze Menschheit lieben. Ist das so schwer zu verstehen? Liebe zu einem einzelnen Menschen ist Egoismus. Sie macht euch taub und blind gegen die Probleme der anderen. Wenn zwei Menschen sich egoistisch lieben, betrügen sie alle anderen und das muss bestraft werden."
Helen: "Bestrafe uns, so hart du willst, Göttliche, aber schicke uns nicht fort von hier."
Göttin Gemser: "Wenn ihr bleiben wollt, muss ich euch auspeitschen, seid ihr euch darüber klar?"
Helen: "Ja, Göttliche."
Göttin Gemser: "Nun gut, so sei es. Ich verurteile euch wegen Ungehorsamkeit zu je zehn Peitschenhieben. Tanga, Veronica, ihr führt die Strafe aus!"

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Dass Tanga, der eingeölte Rasierklingenschmuggler mit Hartmut Neugebauer-Synchro, die Frau auspeitscht und Veronica, die lesbische Cornrow-Bitch der Göttin, den Mann, hielt Regisseur, Autor, Hauptdarsteller, Schlagerbarde und Medien-Krauskopf Christian Anders (’Brut des Bösen’) vielleicht für eine Metapher des immerwährenden Geschlechter-Konflikts. Dass Tanga (er heißt wirklich so) später bei einem Entjungferungsritual ("Wird es sehr weh tun?" "Ja, aber es ist gleich vorbei.") das unschuldige Opfer nach vollzogenem Akt in die Luft stemmt wie ein Gewichtheber die Langhantel und dabei "Es ist vollbracht!" grunzt, würden Moralapostel, ja selbst Trash-Aficionados womöglich als spekulativen Sleaze abschreiben. Aber Leute, ihr müsst tiiieeefer schauen, hmkay?
Ich bin mir fast sicher: Anders sah es anders. Klar hat er sich ein paar ordentliche Sexszenen mit Laura Gemser ins Script geschrieben. Klar lässt er sich im (den sprichwörtlichen Vogel abschießenden) Finale ("Ihr beide dürft den Tod der Auserwählten sterben. Ich werde euch mit diesem goldenen Schwert enthaupten. Das ist eine Ehre für euch. Ich hoffe, ihr wisst sie zu schätzen!") als Fist Fighter-Superman dastehen, der selbst mit Protein-Bronko Sascha Borysenko fertig wird. Und klar nimmt das Publikum ihm die Wandlung vom widerlichen Zuhälter-Schnösel zum ehrlich liebenden Gutmenschen innerhalb der letzten zehn Minuten ab. Klar. Aber schauen wir doch mal unter die Oberfläche:

Text:
Debil grinsende Sekten-Hoschis sitzen wippend vor der Liebesgöttin auf dem Boden und singen "Love Love Love".
Subtext:
Wie bereits im Dialog weiter oben verdeutlicht, sucht die Gemeinschaft nach einer übergreifenden, allgemeinen Liebe (frei nach keinem geringeren als Ghandi selbst). Sie scheuen sich nicht, das Bedürfnis nach diesem großen Ideal musikalisch miteinander auszudrücken und sich auf diesem Weg dem eventuellen Spott eines eventuellen Publikums auszusetzen.

Text:
Die Göttin peitscht sich selbst aus, verlangt dann schreiend nach ihrer Garde ("Tanga Veronica, kommt her. Tanga, Veronica kommt sofort her!") und lässt sich von beiden oral befriedigen.
Subtext:
Selbstgeißelung als Schritt auf dem Weg zur Reinigung der Seele wurde schon im christlichen Glauben betrieben, von dem die Sekte den einen oder anderen Ansatz leiht. Der flotte Dreier verdeutlicht noch einmal den Gemeinschaftsgeist der Beteiligten (Ghandi wäre begeistert) und die orale Fixierung pointiert auch noch die Abhängigkeitsproblematik.

Erklärung folgt...

Text:
Ein halbnackter Schwarzer tanzt/singt in einer Windel zu schrillen Disco-Tunes direkt in die Kamera und wird derweil von einer komplett nackten Blondine im Spagat angetanzt.
Subtext:
Wenn es um die Liebe zur ganzen Menschheit geht, sind Grenzen zwischen Nationalitäten, Völkern und Farben aufgehoben oder um es mit Jeffrey Lebowski zu sagen, man ist hier "Rassentechnisch locker drauf." Die Windel ist als Symbol der totalen Sicherheit innerhalb der Gemeinde zu verstehen. Womöglich war dies auch die Geburtstunde des in der HipHop-Kultur zelebrierten ’Hype Man’.

Text:
Zwei Schwuppis streiten sich darüber, wer hübscher ist ("Du, bist hübscher!" "Nein du bist hübscher!" "Jetzt werd ich aber böse, DU bist hübscher!")
Subtext:
Homosexualität mag in der spießigen Außenwelt immer noch als Tabu gelten, im Liebescamp ist man sich jedoch bewusst, dass gleichgeschlechtliche Liebe nur ein weiterer Ausdruck des ’großen Ganzen’ ist, dass Schönheit für das Individuum unwichtig ist, vielleicht sogar ’Zeichen des Egoismus’, als spielerisches Kompliment jedoch gerne auf andere projiziert wird.

Text:
Zwei Männer ringen um eine Frau, die zur Anfeuerung dem einen ihren blanken, gewaltigen Busen herausstreckt, was diesen tatsächlich zum Sieg animiert.
Subtext:
Kacke, Alter! Titten sind geil! Je größer, desto besser!

Mittels emotionaler Konflikte, freizügiger Sexual-Darstellungen die den Konventionen spotten und Anreicherung griechischen Lokalkolorits (Marktplatz, zahnlose Greise, Fladenbrot) versucht Anders Drama, Erotik und esoterisches Lebensgefühl unter einen cineastischen Flicken-Sombrero zu bekommen und scheitert dabei so gnadenlos, dass es eine Freude ist. Deshalb, liebe Leser, tut diesen Film nicht als komplett sinnfreies Exploitation-Werk ab, sondern versucht, die durch den Wust von Körperlotion, Fickelszenen und Sleaze-Romantik schimmernden Ambitionen zu entdecken!

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"Ach, versteh ich nicht. Wenn sie unbedingt bumsen wollen, warum gehen sie dann nicht in ihre Hütte?"
"Im Moment müssen wir etwas großzügig sein, unsere Finanzlage ist nicht besonders rosig."

Wer wissen möchte, was die Finanzlage der Sekte mit den Outdoor-Bumsgewohnheiten ihrer Mitglieder zu tun hat, der muss sich ‘Todesgöttin des Liebescamps’ einfach selbst anschauen. Das Ding lief vor kurzem im Rahmen der Trashreihe auf ARTE und ich kann den Programmverantwortlichen nur applaudieren. Mehr davon! Echter Trash ist selten unterhaltsamer als diese in Unfassbarkeit geölte Infantilo-Schote aus dem Sex-Sekten-Sektor.


Hudson