The Loreley's Grasp

Die Bestie im Mädchen-Pensionat


‘You'll Never Sleep Alone Again!’


Originaltitel: Las garras de Lorelei (1976)
Regie & Drehbuch: Amando de Ossorio
Darsteller: Tony Kendall, Helga Liné, Silvia Tortosa FSK: ungeprüft


Willkommen am Rhein!

Spanischer Kunterbunt-Horror aus der Vintage-Schublade wächst mir in letzter Zeit immer mehr ans Herz. Mitschuld daran trägt Kollege Goatscythe, der den lieben langen Tag von Paul Naschy labert, ungefragt die ’Reitenden Leichen’ in meinem Regal parkt (Review folgt!) und zum Flausentreffen mit Vorliebe Streifen wie den vorliegenden kredenzt.
’The Loreleys Grasp’ von Hottehüh-Mumien-Peitscher Amando de Ossorio stammt aus dem Jahre 1976 und wurde erst im letzten Jahr von einem deutschen Verleih aus der Mottenkiste gefischt, mit einer ganz brauchbaren Synchro versehen und auf den hiesigen Genrefreund losgelassen.

Macht's euch bequem! Es wird schummerig.

Hintergrund des Streifens ist dann tatsächlich eine Variante der altehrwürdigen Loreley-Sage, wobei an dieser Stelle gleich vermerkt werden muss, dass hier
DICHTERISCHE FREIHEIT großgeschrieben wird. Will sagen: Packen wir ruhig noch das Rheingold, Walhalla und Wotan, Zwerg Riese Alberich, Draculas Bräute, ein Gummimonster und einen verrückten Wissenschaftler mit rein und verfrachten die Handlung in ein Mädchenpensionat am Rheinufer in den 70er Jahren. Es soll ja nicht langweilig werden.

La pensión de las abejas calientes

Gleich zu Beginn werden wir Zeuge der monströsen Aktivitäten, als eine Braut in spe am Fenschterl hockt und in die Nacht hinausseufzt. Ihr Geschmachte wird bald schon vom Titel inspirierenden Antagonisten erhört: Der Loreleyschen Grapsche. Mit fatalen Folgen. (Hint: Das Hochzeitsbuffet muss abbestellt werden.) Das kleine rheinische Dorf ist in Aufruhr, die ersten Schildbürger packen die Dreschflegel zum Putzen heraus und Elke Ackermann, die Leiterein des örtlichen Mädchenpensionats, ruft im Forsthaus Falkenau an, um den fähigsten Jäger im ganzen Land zum Schutz ihrer Hascherl zu engagieren.

That is Senor Sigurd...

Der fesche Weidmann heißt Sigurd, wird von ’Kommissar X’ Tony Kendall gespielt, hat eine aufgemalte Hose und sorgt mit seinem Auftreten gleich für einen der unzähligen bananenförmigen Dialoge des Filmes:

„Bitte entschuldigen Sie, aber ich nahm an, dass Sie etwas älter wären.“
„Ich bin Jäger geworden, da war ich elf. Seit jenen Tagen bin ich auf der Jagd und schieße wilde Tiere, die gefährlich sind. Ich hoffe, das reicht Ihnen.“
„Bestens! Aber seien Sie dabei bitte so unauffällig wie möglich!“

...and this is what he does.

Während Hunter S. nachts vor den Fenstern der Damen Wache hält und von ihnen zu Saxophon-Gebläse liebestolle Blicke zugeworfen bekommt, schleicht sich der Besitzer des gummierten Schuppengrapscherls erneut durch die Lokalitäten und prankt blutige Kerben in das Fußvolk. Was steckt hinter den Attacken, bei denen die Opfer ohne Herz im eigenen Saft liegengelassen werden? Spricht der blinde Lokalgeiger, der sich sein Zubrot mit dem Fideln des ‚Loreley Liedes’ verdient, die Wahrheit? Steckt die Legende um die sirenenhafte Felsenelse hinter den Bluttaten? Und was hat der verrückte Wissenschaftler Dr. Dingenskirchen damit zu tun?

Och, ihr wisst schon...

Na was wohl: Der rundet die wilde Mische aus Mythen, Monstern und Mädchenpensionaten nach Rezepten des gutgemeinten Genre-Overkills ab, darf kurz seine wilden Theorien in die Kamera keuchen und bekommt schließlich die Visage mit schwelender Säure neu modelliert.

Regisseur Amando de Ossorio hat definitiv ein großes Herz für rotes Blut, nackte Frauenbrüste und gummierte Extremitäten. Man erinnere sich nur an die legendär wabbelige Skelettklaue aus seinen ’Reitende Leichen’-Schinken! Ähnlich dieses Giganten des Ratzefummel-Horrors, sorgt auch die Pranke des Monsters für freudiges Genre-Amüsement. Im Ernst: Das Intro der Klaue wäre in jedem anderen Film als Fake-Fun-Scare benutzt worden. Ihr wisst schon, die Art von Szene, in der mit einer offensichtlich ungruseligen, weil überzogen/albernen Einstellung zu humoristischen Zwecken geteast wird, nur um kurz darauf eine „HAHA! Ist gar kein Monster, sondern nur ein Depp, der sich ne Gummipranke aufgestülpt hat! Nänänänä!“-Auflösung zu bringen. Nicht so hier: Die Pranke ist echt. Das Monster ist kein Witz. Das ist so. Und dafür liebe ich es.

The Creature From The Golden Lagoon That Ripped My Flesh (Gordon 2 into Pieces - Stunden des Wahnsinns)

Und wenn auch Loreleys Grapsche aus Gummis Schmiede stammt, besinnt sich de Ossorio bei ihren monströsen Übergriffen auf fieses Fleischgerupfe, bei dem selbst H.G. Lewis die Schulterklopfmaschine aus dem Keller geholt hätte. Das knallrote Kunstblut fließt in Strömen und die Gore-FX (wenn auch unterstützt durch ein wenig angestaubtes Make Up) sind so herzhaft grafisch, wie das Monsterkostüm ulkig ist.

Ey, Casanova, wir waren schon weiter!
Ist dieser Typ zu fassen?!
Fast genau so sehr amüsieren die mal einfach strunzigen, mal geradewegs sinnlosen Dialoge (vor allem zwischen Sigurd und Loreley), die der Film einem um die Ohren peitscht:

Er: „Sagen Sie mir Ihren Namen?“
Sie: „Er ist bedeutungslos.“
Er: „Habe ich Sie vielleicht beleidigt?“
Sie: „Mögen Sie den Namen Loreley?“
Er: „Loreley? Das kann nicht sein! Unmöglich.“
Sie: „Warum denn nicht?“
Er: „Weil mir dieser Tage jemand eine Geschichte erzählt hat, die furchtbar war.“
Sie: „Und wer?“
Er: „Es war nur dieser verrückte Professor…“

Ähm was? Ich hab mir das jetzt dreimal durchgelesen, aber es ergibt auch niedergeschrieben nicht mehr Sinn als aus den salbadernden Schnuten der Protagonisten.

Erklärung folgt.

Besagte Szene nimmt den Dreh ins Reich der lachhaften Legenden, wenn Sigurd sich endlich dazu durchgerungen hat, die Dame (jugendfrei) zu bespaßen, als diese plötzlich in eine Art Starre verfällt und lediglich zu unmotiviertem Stöhnen im Stande ist. Hereinspaziert kommt ein strammer, bärtiger Hüne (Loreleys Kutscher, Zwerg Alberich), sagt “Ich mach das schon.“, packt sich die Lore und schleppt sie von dannen (genauer gesagt, direkt in den Rhein hinein).

Ich kann unmöglich der einzige sein, der an dieser Stelle an ihn hier denken muss:



Und so schlingert sich ’The Loreleys Grasp’ vorbei an derbem Gore-Gerödel und mythologischem Firlefanz, durch den deutschen Schilderwald (“Achtung!“, “Bierkeller“, “Bratwurst“ etc.), entlang diverser Landschaftsaufnahmen vom Rhein (das ’malerisch’ klemm ich mir mal, dafür sind zu viele Industriekutter auf der Plörre unterwegs) und quer durch die musikalischen Gefilde waberiger Harfenklänge, obligatorischer Swing-Einlagen und unheimlicher Damenchöre, die nach alter Sandalenschinken-Begleitmusik klingen.

Und die Damen singen und singen und singen...

Neben den beiden rivalisierenden Hauptattraktionen aus dem besseren Geschlecht - Helga Liné (’Wenn Engel ihre Fäuste schwingen’) und Silvia Tortosa (’Horror-Express’) - macht Tony Kendall als Charme-Stecher eine gute Figur. Zumindest im Sinne seines Charakters, der mit engem Schritt und offenem Hemd die Damen um den Verstand bringt, das Jagen schon mit ölf erlernt hat und sich wacker durch die beklopptesten Konversationen schlägt.

Und weil ihr bis hierher alles brav und artig aufgelesen habt und ich’s noch über hab, gibt’s an dieser Stelle einen der feinsten Dialog-Ausschnitte des Filmes, aus seinem mythologisch betonten letzten Drittel, in denen Sigurd und Loreley über ihre Gefühle sprechen:

Wenn einer von euch Schlauspechten 'ne Ahnung hat
was das rote Ding auf ihrem Nachttisch sein könnte,
dann schreibt mir doch 'ne Mail unter dem Stichwort
DILDOFON!
„Lass doch endlich deine dummen, menschlichen Emotionen fahren. Du wirst mit mir durch Jahrhunderte gehen. Du lebst auf ewig, denn Wotan mein Vater wird dich nach Asgard holen und du herrscht über Walhalla.“
„Ich werde niemals vergessen, dass du Menschen ermordet hast, die dir nichts getan haben.“

Ja, da merkt man schon, die Prioritäten sind völlig unterschiedlich gelegt. Eine Beziehung mit Zukunft stellt man sich anders vor. Aber ich will nicht unterbrechen:

„Würdest du auch einen Vulkan oder Panther beschuldigen, nur weil sie töten müssen? Sie folgen ihrer Bestimmung.“
„Aus diesem Grund jagt man Panther.“

Okay, aber heute schon lange nicht mehr. Die stehen unter Naturschutz. Und einen Vulkan jagt auch niemand. Eins zu Null für die Felsenelse. Du solltest dir lieber nochmal die Walhalla-Option durch den Kopf gehen lassen.

„Du liebst mich.“
„Ja leider. Aber du lässt mir leider keine andere Wahl. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!“

Also ich weiß es grad auch nicht!

Pranke aufe Pumpe: ’The Loreleys Grasp’ ist nichts, was ich irgendjemandem ans Herz legen würde, der eben jenes nicht ohnehin schon an derlei Filme verloren hätte. Aber für uns Kraus- und Flausköppe, für Leute, die es kunterbunt und möglichst sinnlos mögen, denen eine extra Unterwasserszene nie zuviel ist und die auch die Verquirlung sämtlicher teutonischer und nordischer Sagen nicht anficht, ist dieser spanische Folkgore-Heuler ein wahrer Geheimtipp. Am Besten in launiger Runde mit Gleichgesindel, da kommt man auch nicht in die Verlegenheit, das soeben Gesehene allzu intensiv zu reflektieren. (In Gesellschaft meiner Flausenbrüder machte das Ding nochmal ’ne Schippe mehr Spaß.)



PS: Als kleine Randnotiz sei hier noch vermerkt, dass ’Die Bestie im Mädchenpensionat’ einer der seltenen Filme ist, in denen ein Mob (voll mit Dorfdeppen, die Fackeln, Forken und Frankenstein-Gerät vor sich hertragen) tatsächlich von einer Stimme der Vernunft zum Nachhausegehen oder zumindest zum Bis-auf-das-Tageslicht-warten überredet wird. Und nicht einer wirft ein, dass sie dann die tollen Fackeln ja gar nicht brauchen würden.

Das Rheinische Gemüt ist einfach viel zu sanft, um die grausamen Mob Rules durchzusetzen.


Hudson