Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse


‘He's going to make somebody out of every BODY he meets!’


Originaltitel: Scream and Scream Again (1970) Regie: Gordon Hessler
Drehbuch: Christopher Wicking & Peter Saxon
Darsteller: Alfred Marks, Michael Gothard, Vincent Price FSK: 16


Ein Mann kippt beim Joggen um und wacht mit amputiertem Bein im Krankenhaus des Grauens auf. Shocker um 10 Uhr!
Ein junger Mann mit übernatürlichen Fähigkeiten und schönen Haaren tötet junge Frauen, bringt die Pathologie ins Schwitzen und hat offensichtlich etwas mit Mad Scientist Dr. Mabuse zu tun. Party um 12 Uhr!
Ein Polit-Maulwurf eines diktatorischen Systems wird wegen zu harscher Foltermethoden seines Ranges enthoben und zettelt auf eigene Faust (und mit Spocks Griff im Repertoire) ein Komplott an. Skandal um 11 Uhr!

Drei zum Preis von Einem.

Wer jetzt meint, soeben die Inhaltsangabe eines Episodenfilms aus dem Hause Hammer gelesen zu haben, der irrt. ’Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse’ (es darf gekichert werden, der Originaltitel lautet ’Scream and scream again’) hat die Ambition, diese drei Handlungsstreifen (und diverse Extra-Subplots) zu einem großen Ganzen zu verweben. Das Cover wirbt dick mit Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing, doch diese Crème de la Crème des Gothic-Horrors finden wir lediglich in Nebenrollen. Der Film versteht sich am Ehesten als Ensemble-Stück, hat jedoch mit dem schnodderigen Bullen Bellaver (köstlich: Alfred Marks) und dem schnutigen Serienkiller Keith (Michael Gothard) zwei interessante Frontsäue, die das nur sporadische Auftreten der Genre-Helden verschmerzen lassen.

“Sagen sie mal, wie lange liegen die Sandwiches hier schon rum? Sehen ja aus wie Charlie Chaplins Schuhe. […] Ausgesprochen suspekt diese Dinger. Riecht wie Käse, sieht aus wie Schinken… na was hab ich gesagt, ist Huhn!“

Schnittchen-Check auf der Wache
Bellaver führt souverän und mit kesser Lippe durch den Krimiteil des Filmes, der seltsamerweise – und das würde ich ’Scream & scream again’ wohl am Ehesten ankreiden – scheinbar keinerlei nachvollziehbare Verknüpfungen mit dem kommunistischen Regime vorweist. Es gibt kaum Querverweise, die Bullen unterstehen scheinbar keiner höheren Macht und sind “einfach nur“ auf der Suche nach dem Killer, der in den letzten Tagen eine Frauenleiche nach der anderen auf den Seziertisch ihrer Pathologen (u.a. Christopher ’Dracula – Nächte des Entsetzens’ Matthews) schickt.
Man erahnt (in Kombination mit dem deutschen Titel) bald das Geheimnis um Killer Keith, der von Gothard (’Lifeforce’) gleichermaßen als Schmollmund-Schmierlapp und scheinbar unaufhaltsame Mordmaschine mit Blutdurst (wortwörtlich zu verstehen, er zutschelt ihnen die Soße direkt aus dem Handgelenk) dargestellt wird. Dieser Rambo unter den lebenden Leichen (er huscht sogar durch einen Steinbruch und wird von den Cops durch den Mischwald gejagt) ist ein Stehaufmännchen par excellence. Nichts stoppt ihn. Selbst nachdem er (bzw. sein Stuntman mit einer überdimensionalen Wuschel-Perücke) von einem Kreidefelsen purzelt, ist er nur leicht benommen. Mit Handschellen an die Stoßstange gefesselt? Ach was, wer braucht zwei Hände?

Ab mit dem Ding!

“Sie wissen, ich habe immer mit dem militärischen Konzept der Machtausübung sympathisiert, aber…“
“Hmja. Deswegen sind sie auch weiterhin in unserer Regierung.“
“Zum Besten aller!“

Während der Krimiplot mit den Mad-Scientist-Einlagen und einer feschen Autoverfolgung den Zuschauer bei Laune hält und dank einiger im Raum stehender Fragen die Spannung treibt, bleibt die Frage bezüglich des Plots um das diktatorische Regime während eben jenem zuweilen das einzige im Raum.
Uniformierte Zentralkomitanten (u.a. Peter Cushing als “Nazi-Moff Tarkin“) schwadronieren “Wir haben nur eine Partei bei uns. Und jene, die anderer Meinung sind, werden eventuell bekehrt. Dank Leuten wie uns und unserer Methoden. Aber Militärregime werden immer schief angesehen.“ und schaffen es tatsächlich dabei ein ernstes Gesicht zu bewahren. Dazu plumpe an den Nationalsozialismus angelehnte Symbolik, Häscher-Schergen mit MG im Jeep, die Ausreißer (in Lederhosen) an der Grenze abfangen/knallen und dann ist man tatsächlich besorgt, was die ausländische Presse über sie berichtet.

Phoning it in: Christopher Lee

Immerhin sorgt dieser Handlungsstrang hin und wieder für einige der amüsantesten Szenen im Film. Da ist zum Beispiel jene Verhör-Sequenz, in der Marshall Jones (’Mord in der Rue Morgue’) als ebenfalls übernatürlicher (in diesem Film hat jeder zweite zu viel Tinte auf’m Füller) Nazi-Grobian in Gegenwart einer hungrigen, übermüdeten, aber immer noch ungebrochenen Gefangenen genüsslich an einem Hühnerbein knabbert. Als sie immer noch nicht gesprächsbereit ist, langt er in Richtung Adjutant (als würde er um Salz und Pfeffer bitten) und bekommt eine gewaltige Kneifzange gereicht, mit der er die Keule zerschneidet, um der Dame seine Methoden zu verdeutlichen. Bevor sie es sich überlegen kann (die Augen immer noch auf dem Fleisch), hat er schon ihre Hand in der Mangel und macht sich mit der Zange an einem Finger zu schaffen. Das Opfer schreit und wir blenden um auf das Trällern einer Nachtclubsängerin. Scream and scream again, indeed.
Der Film wartet mit einigen solcher Einstellungen auf, in denen Horror und Humor kombiniert werden, aber die (schlussendlich nur schwammig ins Konzept hineinerklärte) Einfügung der Diktatutut-Thematik macht das nicht wieder wett.

Getting Spocked: Peter Cushing
Selbst Vincent Price behauptete (laut imdb.com) in einem Interview Jahre später, das Drehbuch nie wirklich verstanden zu haben. Dieses basierte übrigens auf einem Buch, das Außerirdische anstelle der Kommunisten als Bösewichter hatte. Was letztlich genau so viel Sinn macht. Nämlich gar keinen.
Und wenn wir schon kleinlich sind, dann muss ich an an dieser Stelle auch Fans des deutschen expressionistischen Filmes enttäuschen und aufdecken, dass der von Vincent Price famos gespielte und mit fabulös quartzschigen Sprechogrammen (“Und das hier ist mein Aktivator und mein Fabrikator. Science-Fiction-Namen, ich weiß. Aber sie sind wirklich wissenschaftlich!“) ausgestattete Dr. Mabuse im englischen Original eigentlich ’Dr. Browning’ heißt.

“Wir sind ein, ein langsam wachsender Organismus, unbedeutend noch, aber die Zeit ist auf unserer Seite.“
“Eine Superrasse.“
“Bitte, ja. Aber keine negative Superrasse. In der Zukunft jedoch wird es bestimmt keinen Raum für unperfektes geben.“

Hamming it up: Vincent Price

Mad-Scientist-Manege, Krimi-Karussel, Regime-Roulette - ’Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse’ wandern thematisch querbeet, größtenteils unterhaltsam zwar schnurstracks am Klassiker-Kornfeld vorbei, nisten sich aber in der nicht weniger charmanten Ecke des obskuren Kauz-Kinos ein, wo sie ganz sicher ihre Fans finden werden. Vielleicht bin ich vom frühen Seventies-Charme, den Darstellern und dem herrlich swingigen Soundtrack geblendet, aber Film ist und bleibt nun mal ’make-believe’. And, well, it made me believe in a silly detective, hunting a murderous bloodsucking gigolo-henchman of a mad-scientist, who may or may not be working for a fascist government.


Hudson