Lady Dracula


‘Vom alten Grafen weiß man's ja,
doch was treibt Lady Dracula?’


Originaltitel: Lady Dracula (1978) Regie: Franz Josef Gottlieb
Drehbuch: Brad Harris & Redis Read
Darsteller: Evelyne Kraft, Brad Harris, Theo Lingen FSK: ungeprüft


„Glauben Sie an Vampire?“
„Nein, ich bin religionslos.“

Ja was’n hier? Deutsches Vampir-Gehotte aus den späten Siebzigern? Mit Brad Harris, Eddie Arent (R.I.P.) und Theo Lingen in den Haupt-, sowie Roberto Blanco und Rinaldo Talamonti in Nebenrollen (als Baggerfahrer und Bauarbeiter)? Und dann noch von F.J. Gottlieb, Regisseur meiner Lieblingsklamotte, ‘Zärtlich aber frech wie Oskar’. Ja, ich bitte schön!

Prädikat: Jugendgefährdend

Und auf seine ganz eigene klamottige Weise dankt es mir ’Lady Dracula’ dann auch.
Dabei beginnt der Streifen, abgesehen von des Grafens reichlich schrägen Grimassen und seinem hundeartigen Knurren kurz vor dem Biss recht unwitzig, fast schon bedrohlich, als Dracula ein Mädchen verschleppt und aussaugt und kurz darauf sein Sarg vom örtlichen Pfaffen-Commando mit dem Pflock im Namen Gottes penetriert wird. Andererseits haben wir da schon den Namen Roberto Blanco im Vorspann gelesen…
Vergessen wir das also mit der Bedrohligkeit und konzentrieren uns auf die amüsante Besetzung, die sich in der haarsträubenden Story nach einem Drehbuch von Hauptdarsteller Brad Harris (als Autor ist er als ’Bradford Harris’ in den Credits vermerkt, was die Beteiligung natürlich in einem ungleich seriöserem Licht erscheinen lässt) zum Affen macht.

Leichenflüssigkeit?
Sie baden gerade ihre Hände darin.
Die vom Grafen zu Beginn gebissene Internatsmieze wacht nämlich Jahrzehnte später auf und wird von den geldgeilen Sargfindern (Blanco und Talamonti) mitsamt des Holzkartons an ein Antiquariat verscherbelt, von wo aus die untote Lady ihren Durstmarathon durch die große Stadt beginnt.
Wem jetzt deucht, diese Story schon mal auf der heimischen Genre-Leinwand vernommen zu haben, der tauscht im Geiste mal kurz Geschlecht und Hautfarbe der Protagonistin und ist schon in L.A. bei ’Blacula’ angekommen, der mehr oder weniger nach genau dem gleichen Schema in den Siebzigern landete.
Es folgt eine Anstellung im Leichenschauhaus von Dr. Marmorstein (harhar), gespielt vom unsterblichen Theo Lingen, der eigentlich viel zu schade für solche Trash-Humpen ist, den Film aber unendlich bereichert. Das Etablissement versorgt die Lady Dracula zunächst mit einigen Blutkonserven und den Zuschauer mit ein paar blutleeren Konversationen (“Alkohol ist eine Prothese für Phantasielose.“), unter denen der Film hin und wieder zu leiden hat.

Der Theo. Der Lingen.
Der Star einer jeden Klamauk-Stunde.
Als die Dame sich dann in den männlichen Kommissar (sehr männlich, wenig kommissarisch, hat aber keinen anderen Rollennamen) verkuckt… hmja, normalerweise würde ich an dieser Stelle ein abgeschmacktes “geraten die Dinge ins Rollen“ oder auch “wird die Lage brenzlig“ einfügen, aber eigentlich kalauert der Streifen danach genau auf dem gleichen Flachköpper-Niveau weiter wie zuvor:
Macho-Sprüche par excellence („Wenn es nicht absurd wäre, würde ich sagen, der Täter ist eine Frau.“), Polizeiwillkür als Comedy-Futter und Eddi Arent spielt den ’Comic Relief’-Assistenten von Kommissar Kommissar Harris, der pikiert in der Gegend herumstolpert, sich den eigenen Gehstock mit Klingenende durch den Schuh jagt, tuffig an der Linse vorbeischaut und auf den Rollennamen Eddi hört… Man kennt das.

„Naaaa, was bist du denn für eine Maske?“
„Ich bin das Auge des Gesetzes, du Spulwurm.“
„Braha, ich dachte, du kommst von der Blindenanstalt.“
„Spul dich ab, Mann!“

Sehen Sie BRAD HARRIS in
'NACKT UNTER AFFEN II:
Bekleidet unter Vampiren'
Aber ich will beileibe nicht jammern. Es gibt viel zu viele wirklich schlechte, weil kein bisschen unterhaltsame Filme und zu jenen gehört ’Lady Dracula’ wahrlich nicht.
Wenn Eddie Arent Heinz Reincke mit den Worten „Benimm dich in Zukunft, du Weinbrandknecht“ ermahnt, der Kommissar beim ersten Date im Restaurant Knoblauchsuppe ordert und seiner Angebeteten später anstelle eines Brillies ein Schmuck-Kruzifix schenkt oder zu lustiger Zirkusmusik ein Sarg die Treppen herabfällt, wird es schwer, dem wohligen Vintage-Schmunzeln zu entkommen. Apropos musikalische Ausnahmezustände: Die tontechnische Untermalung des Filmes sucht ihres Gleichen und findet dieses womöglich nur in der Sammlung geistesgestörter Mixtape-Magier der Siebziger Jahre.
Wenn’s vampyrisch zur Sache geht, holt man den schrillen Beat aus dem Gitarrenkoffer, bei einer Leichenfahrt ertönt ein ulkiger Marsch mit anschließender Mozartorgel, Samba-Rhythmen auf der Faschingsparty, eine frühe Version des Traumschiff-Themas über präkoitalem Vorspiel, klimperige Lounge-Musik bei Verfolgungen, WahWah-Gitarren zu Liebeserklärungen und natürlich ruft man das örtliche Swing-Orchester, wenn Lady Dracula sich in der Leichenhalle versteckt, um sich an den Blutkonserven zu laben, die man den Verstorbenen abgezapft hat. Kerle, Kerle, Kerle, denkt denn niemand an die Ohren und das Nervenkostüm?

Ja, dieser Sarg macht Furzgeräusche.
Man mag sich fragen, warum die junge Dame ein knappes Jahrhundert später so gut mit aktuellen Gebräuchen, der Sprache, der Mode und der Allgemein-Attitüde der Siebziger zurechtkommt. Na schön, das mit der Mode könnte ich noch weiblicher Intuition zuschreiben, aber ein ’Fish-out-of-water’-Element, wie es beim ollen ’Blacula’ noch halbwegs angedacht war, sucht man hier vergebens.
Vielleicht hat der Umstand, dass das ursprüngliche Internats-Mädel erst durch orale Blutzufuhr in Sekundenschnelle und mit Hilfe der Magie damaliger Überblend-Tricktechnik zu einer jungen Frau “heranwächst“, etwas damit zu tun. Womöglich ist dies auch als Sinnbild für die Befreiung der Frau aus dem Joch des Patriarchats zu verstehen.
Auf der anderen Seite ist die Suche nach Sinnbildern bei einem Film, der keine greifbare Erklärung dafür bietet, dass das Öffnen und Schließen eines Sarges durch ein Furzgeräusch vertont wird, bestenfalls überflüssig. Wollen wir uns also diesbezüglich nicht aus dem Fenster lehnen und zitieren lieber meine Lieblingsszene, in der ein Zwerg (synchronisiert von Mr. Voice himself, Hartmut Neugebauer) unsere Lady Dracula (die sich mittlerweile als Empfangsdame in einem Hotel verdingt) ganz plump angräbt und dabei von Herbert Fux (HERBERT FUX, motherfuxers!) überrumpelt wird:

Dr. Kannoft und sein Nebenbuhler Prof. Fux

„Guten Abend.“
„Kannoft. Dr. Kannoft. Ich habe reservieren lassen.“
„Einen Augenblick, Herr Doktor…“
„…Kannoft.“
„Stimmt. Wenn Sie bitte unterschrieben wollen.“
„Gern.“
„Zimmer 411, Herr Doktor…“
„Kannoft. Wissen Sie, mein Fräulein, mein Name ist nicht nur ein Name. Er ist Realität: Ich KANN OFT!“
„411.“
„Noch etwas schüchtern, was? Sagen Sie, Fräulein, wollen wir später nicht noch einen Drink an der Bar nehmen, sozusagen als Vorspiel.“
„Bedaure, aber ich habe heute schon eine Verabredung.“
„Naja, muss ja nicht heute sein. Ich bin ja noch ein paar Tage hier. Wir werden noch viel Spaß miteinander haben.“

Cue Herbert Fux:

„Unglaublich, was? So klein und schon so aufdringlich. … Wo gehen wir denn hin?“
„Wie bitte?“
„Na, Sie haben doch gesagt, Sie haben heute eine Verabredung. Die haben Sie natürlich mit mir oder nicht?“

Ein Hoch auf Theo. Ein Fass auf den Rest.

’Lady Dracula’ entstammt jener Zeit schundiger Deutschploitation, als hier wie da (siehe auch ’Graf Dracula beißt jetzt in Oberbayern’) Genre mit etwas nackter Haut und einer handvoll (in Geldnot geratener) Stars wie geschnitten Brot in den Kinos konsumiert wurde. Angenehm schlüpfrig für Onkel Ottos Herrenzimmer-Videoabend mit Weinbrandbohnen und Herrengedeck und immer noch bieder genug, um Schwiegermama nicht vom Schaukelstuhl kippen zu lassen. Das Prinzip manifestiert sich im Film, wenn Theo Lingen (wohlgemerkt im Skelettkostüm – es ist ein Kostümfest) auf seine gewohnt charmante, zivilisiert-nasale Art mit seinen Gästen und den Worten „Prost, zum Wohle“ anstößt und von seinem krachledernen Rowdy-Gegenüber ein „Ja, lasst uns im Suff das Leben vergessen.“ als Antwort bekommt. Als würden Generationen aufeinander prallen. Aber scheiß auf den kulturhistorischen Kontext, hier herrscht der Kalauer mit kauziger Keule und warum auch nicht.

PS: Extra-Flausenpunkt hierfür!














Hudson