King Kong


’The eighth wonder of the world.’


Originaltitel: King Kong (2005) Regie: Peter Jackson
Drehbuch: Fran Walsh, Phillipa Boyens & Peter Jackson
Darsteller: Naomi Watts, Adrien Brody, Jack Black FSK: 12


Wie wohl mittlerweile jeder Filmliebhaber weiss, hat Peter Jackson als Neunjähriger mit ’King Kong’ (dem ’33er Original) seine Leidenschaft für den Film entdeckt. Der Riesenaffe, der sich auf einer Monsterinsel, voller wilder, prähistorischer Wesen in eine weiße Frau verliebte und in der Zivilisation sein tragisches Ende fand, ist eine der populärsten Kreaturen der Filmgeschichte und wurde dementsprechend in etlichen Versionen wiederbelebt. Eine ganz eigene Darstellung der Geschichte wollte Peter Jackson schon vor seinem Mega-Epos, der ’Herr der Ringe’ Trilogie verwirklichen, wurde von den Studios die über das nötige Kleingeld verfügten jedoch abgewiesen. Nach dem riesigen, internationalen Erfolg der Fantasy-Saga stand seinem Traum nun nichts mehr im Weg. ’Kong’ sollte auf die Leinwand zurückkehren. Größer, epischer, dramatischer und technisch beeindruckender als alles bisher Dagewesene (der Monsterfilmgeschichte).

Um es vorweg zu nehmen: Ja, es ist ihm gelungen…jedoch nicht ohne gewisse Makel. Aber fangen wir bei der Story an. Oder doch nicht? Mal ehrlich, wer kennt die Geschichte nicht? Hand hoch! Oh, doch ein paar Meldungen. Ihr seid wohl vom Mars? Gute Güte, manche Leute. Na schön…

Junge Liebe auf dem
Weg in die Hölle.
New York, die frühen 30er Jahre. Armut und Arbeitslosigkeit bestimmen den Alltag im ’Big Apple’. Auch den der jungen Schauspielerin Ann Darrow (Naomi Watts, ’The Ring’), deren Theater geschlossen wird und die nun ohne Einkommen ist. Auch der Film-Regisseur Carl Denham (Jack Black, ’School of Rock’) hat Probleme. Seine Investoren wollen ihm die Gelder für sein aktuelles Filmprojekt streichen. Denham ist aber im Besitz einer Karte, die zu einer geheimnisvollen Insel führt, die bisher noch völlig unerforscht sein soll. Der ideale Drehort für Denhams Film. Als er durch Zufall Ann Darrow trifft, weiß er sofort: ’Die ist es!’ und will sie für die Hauptrolle, die Ann nach erstem Zögern auch annimmt. Zusammen mit ihr, dem anerkannten Drehbuchautoren Jack Driscoll (Adrian Brody, ’Der Pianist’) und seiner Filmcrew (u.a. Colin Hanks, ’Nix wie raus aus Orange County’) heuert Denham die ’Venture’ an, einen Frachter unter dem Befehl Captain Engelhorns (Thomas Kretschmann, ’Blade 2’). Die Reise geht nach ’Skull Island’, jener geheimnisvollen Insel auf Denhams Karte. Auf der Insel angekommen, soll die Besatzung der ’Venture’ und deren Passagiere die größte Überraschung ihres Lebens widerfahren. Grimmige Eingeborene nehmen Ann (inzwischen verliebt in Jack) gefangen und opfern sie ihrer Gottheit ’Kong’, einem 8 Meter großen Riesenaffen, der in dem gefährlichen Urwald auf ’Skull Island’ haust. Während Denham einzig seinen Film im Kopf hat und die Gefahren der Insel skrupellos für sein Projekt ausnutzt, hat Jack nur Ann im Kopf und eilt zu ihrer Rettung…

Das muss reichen, meine Damen und Herren. Viele dramatische Plotpunkte kann man ja wohl kaum verraten, meinen die Kenner des Ur ’Kong’? Weit gefehlt!
Denn was Peter Jackson aus der simplen Monstergeschichte von einst gemacht hat, ist schier unbeschreiblich, manchmal leider aber ein bisschen zu viel des Guten.

Und hinter Tor eins haben wir:
Doch eins nach dem anderen. Die Schauspieler sind ausnahmslos grandios. Wie viele andere hatte ich meine Probleme mit der Besetzung von Kasperkopp Jack Black als Carl Denham und der Änderung des Rauhbein-Charakters Jack Driscoll in einen sensiblen Schriftsteller, den dann auch noch Klappergestell Adrien Brody verkörpern sollte. Au weiha, lag ich falsch. Black und Brody sind so hervorragend in ihren Rollen, dass ich behaupten möchte, Jackson hätte hier eindeutig das Original übertroffen. Black ist mehr als nur überzeugend, als besessener Filmschaffender, der nur seine Vision im Kopf hat, für die er auch über Leichen geht. Die Wandlung vom Enthusiasten zum gierigen Sturkopf ist Black ausnahmslos gelungen und macht Denham zur interessantesten Figur des Ensembles. Brody beweist mit dürrem Leib und besinnlichem Charakter, dass Heldenmut von innen kommt und steht so im herrlichen Kontrast zur Figur des Bruce Baxter (Kyle Chandler, ’Allein gegen die Zukunft’), der im Film (im Film) Anns Helden spielen soll, sich aber als Püppchen entpuppt (ausser in einer Szene!).
Dass PJ ein Herz für seine Nebendarsteller hat, wissen Fans des neuseeländischen Knuddel-Genies seit langem. Und so räumt er auch in ’King Kong’ scheinbar unwichtigen Charakteren mehr Raum zum Entfalten ein, als es ein anderer Direktor eines solchen Monsterzirkus getan hätte. Colin Hanks, Jamie Bell, Evan Parke und natürlich Andy Serkis (der auch unter dem ’Motion Capturing’ Kostüm des ’Titelhelden’ steckt) sind bis in die Spitzen in die Materie involviert und scheinen (trotz offensichtlich massiger Green-Screen Arbeit) mit Spass und Eifer bei der Sache zu sein.

Eine Bronto-Stampede
Vor allem Rauhbein Engelhorn, der hier als eine Art Amalgamat aus Frank Reichers und Bruce Cabots Rollen aus dem Original daher kommt, hat es mir angetan. Allerdings möchte ich Thomas Kretschmann erneut empfehlen, sich doch bitte eine andere Synchronstimme zu besorgen. Seine eigene Vertonung klingt wie eine heisere Parodie auf Clint Eastwood und warf mich zuweilen fast aus dem Geschehen. Kommen wir zu Naomi Watts und ihrer Version von Fay Wrays Ann Darrow. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mich Frauen selten in Genre-Filmen beeindrucken. In dieser Beziehung bin ich vielleicht ein hoffnungsloser Chauvinist, doch die weiblichen Rollen (wenn es sich nicht gerade um eine zentrale oder extrem gut ausgearbeitete Figur handelt) kommen mir in meinem verquerten Oberstübchen meist wie attraktiver Zierrat vor. Niemand ist weiter von dieser Beschreibung entfernt als Naomi Watts. Sie ist das wahre Herz des Films und ihre Darstellung der ’weißen Frau’ zeigt das erfrischendste, emotionalste und anteilnehmendste Schauspiel, das mir in diesem Jahr (in einem Genre-Film) untergekommen ist. Egal, ob in Tränen aufgelöst, lachend, tanzend oder mit einem (imaginären) Riesenaffen interagierend…
A propos Riesenaffe…
’King Kong’ ist (im Kern) ein Monsterfilm, in dem ein riesiger Affe mit einer Frau in der Hand rumläuft, in die er sich verliebt hat. Es ist ein exzelenter Monsterfilm mit einem exzellenten Affen, einer exzellenten Frau und einer exzellenten Hand (wenn ihr’s genau wissen wollt). Vielleicht ist ’King Kong’ sogar der beste Monsterfilm aller Zeiten. Aber ’King Kong ist immer noch ein Monsterfilm.
Wer etwas anderes erwartet, wird vielleicht eine Enttäschung erleben, aber so ist es. Und die Erwartungen sind hoch, oh ja!

Mr. V-Rex
& seine Brüder
So hat sich PJ bei der Verwirklichung seines Traumes so mächtig ins Zeug gelegt, dass er zuweilen ein wenig über’s Ziel hinausschießt. Der exzessive Einsatz seiner ’Trademark-Schüttel-Kamera’ ist seltsam unpassend und wirkt im Film fehl am Platze, kann aber noch verschmerzt werden (auch wenn die Szene in der Denham und Jack den Namen ’Skull Island’ erfinden sowas von grotesk/albern war, das jeder einzelne im Kino seinen Nachbarn strinrunzelnd anstierte).
Mein größter Kritikpunkt ist jedoch die allzu rührselige und zuweilen dick aufgetragene emotionale Bindung zwischen Ann und Kong. Mag PJ seine 3 Stunden bekommen, mag er sich Zeit nehmen und sein Monster von Film an allen Ecken und Enden mit Zitaten, Hommagen und Anspielungen ausschmücken und dem Zuschauer seine Liebe für das Material („Für den Preis einer Eintrittskarte!“) verkaufen.
Bei der Beziehung zwischen dem ’riesigen Affen’ und der ’weißen Frau’ geht er mir aber ein Stückchen zu weit. Nicht in die sexuell anzügliche Richtung, die Jackson völlig ausspart (Gott sei dank!). Jedoch ist mir nach gemeinsamen Sonnenuntergängen, Schlittern im Centralpark und dem rührseligen Ende, dann das (im Original herrlich passende) ’It was beauty that killed the beast!’ wirklich zu viel. ’Kong’ ist ein wildes Biest und das bleibt er auch bis zum Schluss, selbst wenn ab und zu mal mit Ms. Darrow geknuddelt wird! Nicht, dass Naomi Watts oder ihr digitaler Weggefährte diese Szenen nicht wundervoll realisieren würden, ich empfand sie nur leider als zu kitschig.
(Und um die Frage gleich zu beantworten: Nein, ich musste nicht weinen!)

und den König der Insel: KONG!
Die Effektarbeit, die erneut von Peter Jacksons hauseigener Trickschmiede WETA auf die Leinwand gezaubert wurde, sucht mittlerweile ihres Gleichen. Ob das New York der 30er Jahre, die Dschungelwelten von ’Skull Island’, die ’Venture’ inmitten der Klippen vor der Insel, riesige Saurierherden, die alles kurz und klein trampeln, und Monstren aller Art (die Neuauflage der legendären und verschollenen ’Spider Pit Sequence’ des Originals, ist ein effektgeladener Horrorhammer, bei dem sich eure Nackenhaare gleich von selbst rausrupfen werden), alles ist mit so viel Liebe zum Detail und solch handwerklicher Professionalität in den Film gewoben, dass einem der Atem stockt. ’Kong’ selber ist natürlich der unbestreitbare Star des Films. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wieviel Arbeit in ihn gesteckt werden musste, um dieses überzeugende Resultat auf das Publikum loszulassen. Ihn zu beschreiben wäre sinnlos. Diese Urgewalt von einem Filmmonster und seine diversen Gefühlsausbrüche, Kämpfe mit ebenbürtigen Gegnern (gerne mal mit mehreren zugleich) und Zerstörungsorgien, muss man einfach selbst erleben. Wie schon bei ’Gollum’ haben die Magier von WETA und Andy Serkis eine wundervolles Synthese aus Technik und Schauspiel geschaffen. Klar, ’Kong’ ist ein Effekt, aber er ist ein Effekt mit Effekt!
Die frühen Unkenrufe, der gesamte Film sei lediglich ein Effektfeuerwerk, will ich auf der einen Seite abschmettern, muss auf der anderen aber gestehen, dass Jackson im Script anscheinend ein dickes ’Over the Top’ vor jede CGI-betonte Actionsequenz geschrieben haben muss. Hier kracht es gewaltig, beinahe zu gewaltig. Die ’Crowdpleaser’, die in der ’Herr der Ringe’ Trilogie noch wohldosiert präsentiert wurden, gibt es bei ’King Kongs’ Action fast nonstop. Dadurch kann es passieren, dass dem einen oder anderen evt. das packende Gefühl der Hochspannung abhanden kommt und er sich nur noch nickend, grinsend und ’coooool’ rufend vor dem überwältigenden Bilderrausch des Films wiederfindet. Auch hier sieht man, dass PJ alles gegeben hat, vielleicht aber doch zu viel.
Die Filmmusik von James Newton Howard (der aus mir unbekannten Gründen 2 Monate vor Produktionsende ’Herr der Ringe’ Komponist Howard Shore ersetzte) lässt zwar ein einprägsames Thema vermissen, ist sonst aber durchweg gelungen.

Leider hat er für unsere Welt wenig übrig!

King Kong’ ist ein opulentes Werk, das seinen 'Monsterfilm' Wurzeln auf der einen Seite huldigt, sie auf der anderen Seite aber durch viel Drumherum verschleiert. Eine traumhafte Besetzung, visueller Zauber und viel Liebe zum Detail vervollständigen ein einmaliges Kinoerlebnis, das jedoch gelegentlich in den Sparten Optik, Action und Gefühl zu dick aufträgt. Aber selbst wenn die Kinosäle leer bleiben sollten (und nebenbei die Hölle gefriert), gibt es immer noch einen, dessen Traum erfüllt wurde. Nämlich Peter Jackson. Gönnen wir’s ihm!

Hudson