Im Zeichen des roten Skorpions

aka

Die Rache des Dr. Kung

aka

Der Sarg bleibt heute zu


‘Der K.O.-Thriller im Sex-Rhythmus’


Originaltitel: Chinos y minifaldas (1967) Regie: Ramón Comas
Drehbuch: Max Cuff & Quinn Donoghue
Darsteller: Adrian Hoven, Gérard Landry, Barth Warren FSK: 18


„Kommandant Fernion? Hier ist Paul Riviera. Ich möchte Sie um eine diplomatische Protestnote bitten. Paris wimmelt von Chinesen!“

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Das Eurospy-Subgenre erschien mir bis dato immer zu gelackt, als dass ich meine kostbare Flausen-Quality-Time dafür verschwenden wollte. Als Kind der Achtziger, dieser mittlerweile unsäglich von allen Geek-Outlets (unserem inklusive) ausgelutschten Dekade (yet still my favorite!), standen mir explodierende Ninjas, fellbeschürzte Barbaren, klapprige Cyborgs, schwitzige Söldner und geifernde Gummi-Dämonen einfach immer näher, als in feinen Zwirn gepeitschte Lackaffen, die mit tuntigen Sixshootern aus der Hüfte schießen und preiswert-exotische Locations nach Bräuten und Gangstern abklappern.
Klar, die ’OSS 117’-Kracher mit Jean Dujardin hab ich gesehen und bei Oma mal Jerry Cotton, aber davon abgesehen? Komplette Fehlanzeige.
Das geht so nicht, dachte ich und griff in den Giftschrank, der vor ein paar Monaten von Foren-User und Flausenfreund Dick Cockboner mit einer Baggerladung voller VHS gefüllt wurde, deren Gros bislang eher flausenuntypischer Inhalt, nämlich europäische Exploitation-Schinken ausmachten.

Yup, you get that a lot.

Um das gleich vorwegzunehmen, na klar weiß (gerade) ich, dass man von einem Streifen nicht auf sein ganzes Genre schließen kann, aber wenn nur ein Viertel der restlichen Werke dieser Sparte auch nur annähernd so ähnlich sind wie ’Im Zeichen des roten Skorpions’, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Flausenfüller zu zücken und zu fragen „Wo soll ich unterschreiben?“

„Hier spricht Dr. Kung! Ihr werdet diesen Palast nicht lebend verlassen!”
„Die samtweiche Stimme Asiens mit hübschen Vorschlägen für ein neues Gesellschaftsspiel.“
„An dem ihr euch die Zähne ausbeißen werdet!"
„Na, da kennen Sie aber meinen Zahnarzt schlecht, Dr. Kung.“
„Ihr seid verloren!“
„Wir nehmen’s zur Kenntnis.“
„Ich werde euch eine Lektion erteilen, die ihr euer Leben lang nicht vergessen werdet!“
„Wahrscheinlich will er uns umbringen.“
„Worauf Sie sich verlassen können!“
„Stellen Sie mal ihre Lautsprecher auf Zimmerlautstärke! Ich hab schon Ohrenschmerzen.“

Djangos Urgroßneffe Tango

Der Film beschreibt die kunterbunten Abenteuer der beiden Geheimagenten Paul Riviere und Bruno Nussak (im Folgenden nur noch Riviera und Nusssack genannt, denn so, meine sehr verehrten Leser, stellen sie sich auch immer wieder im Laufe des Filmes vor), die in ein internationales Komplott von spektakulärem Ausmaß geraten. Jenes beinhaltet die niederträchtigen Ziele einer asiatischen Verbrecherorganisation, angeführt von Dr. Kung, die mithilfe einer extrahierten und mit Säure behandelten Gehirnsubstanz politische Schwergewichte zu ihren Gunsten manipulieren wollen.
Das klingt spannend, läuft aber plottechnisch beinahe ausschließlich darauf hinaus, dass Riviera und Nusssack einer Flasche Parfum über den halben Erdball hinterherjagen, dabei Schurken umhauen und Damen an die Wäsche gehen. Zugegeben, das ähnelt fast Punkt für Punkt meiner oben erwähnten Abfertigung des Subgenres (von dem ich natürlich gerade mal eine theoretische Ahnung habe), aber die flotte Art und Weise, mit der die Sause inszeniert ist, spricht ihre eigene Sprache. Vorausgesetzt, man ist mit der Idee von politischer Korrektheit nicht verheiratet.

Chinese Takeaway?
„Du hast dich doch nicht etwa in sie verleibt!”
„Oach, warte mal bis du sie siehst. Anschauen darfst du sie ja, aber nicht anfassen. Leila Wong, in Shanghai geboren, Vater Franzose, Mutter Chinesin. Ja, dieser Cocktail ist etwas Einmaliges. Oh Leila ist ein umwerfendes Mädchen, mit Haaren und Augen. Hmmm einem niedlichen Näschen, einem Mund und zwei Armen. Oh Junge, also wenn die dich umarmt, sag ich dir. Dann also eine Taille und… naja du weißt schon. Dann der Oberschenkel. Geimpft, mit Erfolg.“
„Und ansonsten fehlt ihr nichts?“
„Naja, kleine Verletzung am Zeh, aber das tut ihrer Schönheit keinen Abbruch.“
[…]
„Gibt’s hier Chinesen?“
„Ich hoffe nicht. Ich hab schon die Gelbsucht!“

Der eine oder andere aufmerksame Leser hat es möglicherweise schon anhand der subtilen Textbeispiele gemerkt, aber ’Der Sarg bleibt heute zu’ ist einer jener unbedarft lockeren Streifen, die es mit Gleichberechtigung und internationaler Toleranz nicht ganz so genau nehmen. Unsere beiden Helden sind Chauvi-Schweine und Rassisten wie sie im Buche stehen. Gut die Hälfte des Filmes sind die Herren Riviera und Nusssack damit beschäftigt, asiatische Gefolgsleute des niederträchtigen Dr. Kung zu verprügeln, zu erschießen und in die Luft zu jagen, nur um im Anschluss einen möglichst derben Spruch zu reißen.

Zitat: „Hätt' ich gewusst, dass das eine Spinner-Ausgabe des
Boxeraufstands wird, hätt' ich mehr Munition mitgebracht.“

Ich bin wohlerzogen genug, um zu wissen, dass sich das nicht gehört, aber auch ehrlich genug, um zuzugeben, dass mir der Streifen und seine Possen das breiteste Grinsen seit langem unter den Bart gezaubert haben.
Es ist kein Geheimnis, dass zu jener Zeit solcher Unfug Gang und Gäbe war. Kollege Goatscythe, ein viel belesener Mann und international-medialer Tausendsassa, erwähnte erst neulich, dass gerade die Bond-Romane von Ian Fleming sich pausenlos solcher Äußerungen bedienten. (Vergessen wir nicht, dass kürzlich noch OSS 117 himself Asiaten als “Zitronenneger“ titulierte.) Wollen wir an dieser Stelle also nicht päpstlicher sein, als der Papst.
Ich persönlich werde meinen Teil zur Völkerverständigung beitragen und beim nächsten Mal nicht mit den Augen rollen, wenn deutsche Bösewichter in einem schäbig-charmanten Genrefilm als Bockwurst essende, stramm marschierende Konsonanten-Spucker in Lederhosen und Pickelhelm dargestellt werden, hmkay?

„Teilt ihr immer alles brüderlich?“
„Nur die Schläge und die Frauen.“

"Are you trying to seduce me, ladies?"
Oh und bevor ich die holde Weiblichkeit vergesse: Ja, die zur Schau gestellten Damen sind wirklich nur zur Schau da. Selbst harte Nüsse mit einem gewollten Hauch von Feminismus werden schwach nach dem erstbesten Shootout zur Sicherstellung ihres Wohlbefindens, fallen den Agenten in die Arme, lassen sich von ihnen wohlwollend anbaggern, knutschen und angrapschen. Das ganze Programm und zwar am laufenden Band.
Höhepunkt der absurden Chauvi-Nummer ist ein Hijacking durch (natürlich asiatische) Terroristen, die sich die Kostüme zweier attraktiver Stewardessen zur Tarnung leihen. Nach Vereitlung der Tat entdecken unsere Helden die beiden bis auf die Unterwäsche entkleideten und gefesselten Damen hinter einem Vorhang. Doch anstatt sie zu befreien, glotzen sie die hilflosen Saftschubsen nur unverblümt triebhaft an und machen sich Sprüche klopfend auf den Weg.
Ja, ich kann darüber lachen, aber ich bin auch keine Frau und habe mich im Satz zuvor mit dem Begriff ’Saftschubsen’ wohl für eine ernsthafte Auseinandersetzung zum Thema disqualifiziert.

„Ich bin Kung und gehöre zur alten Sekte des roten Skorpion. Unsere Ziele sind weltweit. Man soll uns nicht unterschätzen.“

Fiendish Dr. Kung - Er wächst einem ans Herz
Die Überzeichnung ist Teil des Deals. ’Death on a rainy day’ (so der am wenigsten Sinn machende englischsprachige Alternativtitel) ist mehr ’Austin Powers’ als ’James Bond’.
Hier geht es holterdipolter durch alle klassischen Drehorte der globetrottenden Agenten-Innung: Flughafen, Puff, Kasino-Kneipe, Evil Secret Lair, Opiumhöhle, noch’n Puff, Manhattan.
Riviera und Nusssack haben den Vielflieger-Bonus, denn neben dem dicken Appel, stehen auch Paris und Hong Kong auf dem Reiseplan, was plottechnisch so hanebüchen wie möglich ausgenutzt wird. Das Abenteuer startet in Paris, wo man zunächst zwei nette Damen aufgabelt, die dann dem Schutz des Kommandanten unterstellt werden, während die Protagonisten nach Hong Kong reisen. Allerdings werden die Ladies noch am selben Tag entführt, glücklicherweise jedoch – na wer errät’s? Genau. – nach Hong Kong, wo sie kurz darauf aus der nächstbesten Opiumhöhle gerettet werden.

„Da ist eben ein ganzer Haufen Chinesen auf die Straße gefallen. Wo kommen die denn her?“
„Aus China.“

Selbstbedienung allerortens...
Sei’s drum. Das chaotische, referenzlastige („Selbst Bond lebt nur zweimal.“) Treiben wird nicht zwingend durch den Plot (Idee und Drehbuch: Keith Luger und Chris Chatterly *jokedrum*) getragen, sondern von der fast pausenlosen Action, gut eingestreuten Sight Gags und durch den kruden Charme der Darsteller. George Wang (’Superfly TNT’) wächst einem als souverän-pikierter Dr. Kung richtig ans Herz und der Deutsche Wolfgang Preiss (’Colonel von Ryans Express’), der in Hollywood zu Lebzeiten mehr als einmal den Standard-Nazi geben durfte, macht das Beste aus seiner kurzen Rolle als stoffeliger Doktor mit Mad-Scientist-Anleihen.
Den Vogel schießen natürlich die beiden Hauptdarsteller ab. Nusssack (nein, das wird mir nicht zu doof) wird von Barth Warren gespielt, einem amüsant unbegabten Schmalzlockenpapagallo mit grobschlächtiger Wulstschnute und viel zu eleganter Gert-Günther-Hoffmann-Synchro (u.a. Connerys Bond-Stammsprecher), dem die Verwirklichung einer Filmkarriere verwehrt blieb. Sein verbales und handfestes Zusammenspiel mit dem etwas stilsichereren Adrian Hoven (’Necronomicon - Geträumte Sünden’) wird, unterstützt von der herz- und hirnerweichenden Synchro, zum Anker des Films.
Hoven machte später übrigens als Co-Autor von ’Hexen, bis aufs Blut geschändet’ und späterer Regisseur des Sequels ’Hexen geschändet und zu Tode gequält’ auf sich aufmerksam. Nunja, ich sagte ja bereits: Es waren andere Zeiten.

"Ethan Hunt? I fucked him. Ooooh!"

„Darf ich euch Shantung vorstellen? Ganz Asien ist in ihr vereint. Das ist Leila, Sonja, Françoise und äh…“
„Nicole Monti.“
„Nicole Monti. Sie sind neu in seiner Sammlung hm?“
[…]
„Ich habe Anweisungen vom Kommandanten alle Damen in seine Residenz zu bringen.“
„WAS? Die Neue auch?“

Ja, die auch. Aber das soll euch beiden Brathähnen nicht den Abend verderben, wo ihr ihn mir gerade so versüßt habt. Und wenn ich mir euren Schnitt in den letzten 90 Minuten anschaue, dauert es keine zehn Sekunden, bis euch die nächste Dame auf den Leim geht. Anstand und Schicklichkeit bleiben draußen. Der Spaß bleibt drin, ist über Jahrzehnte hinweg konserviert worden, fühlt sich zwar hin und wieder etwas altmodisch an und auch die Auflösung ist etwas unspektakulär geraten, aber wer zwei dauergeile Sprücheklopfer auf Welttournee bei flotten Schießereien und Schlägereien zu herrlichen Swing-Tunes begleiten will, der bekommt hier El Dorado pur.
’Scorpions and Mini Skirts’ (einen hatten wir noch) ist zu albern, zu frivol und letztlich zu unterhaltsam, als dass irgendjemand an der dargestellten Herabsetzung Anstoß nehmen sollte.
Ihr wisst schon, die Art von Streifen, in denen der Oberschurke mit zwei Pistolero-Henchmen die Umkleide einer Nachtclubsängerin im Bagger-Clinch mit dem Helden stürmt, auf ein Mitbringsel deutet und sagt „Schluss jetzt mit den Scherzen! Das hier ist eine Handgranate. Und sie werden mich nicht in die Verlegenheit bringen, sie anzuwenden!“



PS: Natürlich wendet er sie an.


Hudson