Leichen pflastern seinen Weg



Originaltitel: Grande silenzio, Il (1969) Regie: Sergio Corbucci Drehbuch: Mario Amendola, Vittoriano Petrilli, Bruno Corbucci & Sergio Corbucci
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff FSK: 18


Der Mann in Schwarz reitet auf seinem Gaul durch die Schneewüste. Die Stille wird nur von Krähengeschrei durchdrungen. Der Mann heißt Silence und Kopfgeldjäger sind ihm auf der Spur. Als sie ihm in einem Hinterhalt auflauern, kommt es zur Konfrontation. Silence ist schneller. Der letzte der Hunde kommt aus seinem Versteck gekrochen und fleht um Gnade. Silence gewährt sie ihm, schießt ihm nur beide Daumen ab… denn Silence tötet nur aus Notwehr.

Ein Stiller...
Doch andere Kopfgeldjäger sind schon unterwegs. Und andere, die vor dem Gesetz flüchten, weil sie aus Hunger zu Dieben wurden, haben nicht so viel Glück und Geschick wie Silence. Sie fallen vornehmlich dem widerlichsten aller Bounty-Hunter zum Opfer: Loco (Klaus Kinski, ’Nobody ist der Größte’) ist die personifizierte Gewissenlosigkeit. Ein Mann der selbst im Schnee seine Leichen vergraben hat, um sie für’s Kopfgeld frisch zu halten.
Als ein neuer Sheriff (Frank Wolff, ’Spiel mir das Lied vom Tod’) in die Stadt kommt, scheint für einen kurzen Augenblick tatsächlich die Moral in das triste und brutale Leben eingekehrt zu sein. Doch der Hoffnungsschimmer ist bald erloschen und auch Silence hat mit dem Redelsführer der Kopfgeldjäger eine uralte Rechnung zu begleichen, deren Ausstellung bis zur Entstehung seinem Namens zurückreicht.

’Django’ Regisseur Sergio Corbucci (der auch für einige quietsch-vergnügliche Spencer/Hill Klamotten verantwortlich war) ließ in diesem rauhen Western aus dem Jahre 1969 wirklich nichts anbrennen. Kein Wunder, bedeckt doch Schnee die Landschaft und nicht etwa trockener Staub, wie es sich für das Genre des Italo Western eigentlich gehört. Mittendrin ein Mann, der sich trotz eindeutiger Gesinnungs-Verwandtschaft zum ’Mann ohne Namen’ oder ’Harmonika’ vom Gros wortkarger Revolverhelden abhebt.

...ein Killer...
Jean-Louis Trintignant stattet seine Figur Silence (im Original ’Silencio’, daher auch der O-Titel ’Ill grande Silencio’, der natürlich mehrere Bedeutungen hat) mit menschlichen Nuancen aus, wirkt manchmal beinahe weich, ohne je schwach zu sein. Und ohne Stärke würde er auch kaum gegen einen Widersacher wie Loco bestehen.
Wer im Lexikon das Wort ’böse’ nachschlägt, sollte Klaus Kinskis Foto finden. Locos professionelle Mordlust macht vor nichts und niemandem halt und wird nur durch seine Gier nach Profit übertrumpft. Dass Kinski einer der Besten ist, wenn es um solche Rollen geht, hat er mehr als einmal bewiesen. Hier braucht es jedoch nur einen Blick, um ihm hier den kaltschnäuzigen Hund anzunehmen.
Posen wie bei Leones Klassikern findet man eher seltsam. Es wird schnell geschossen und blutig gestorben. Zimperlich geht es hier wahrlich nicht zu. Nur selten scheint ein Anflug von (meist bitterbösem) Humor durch die Mauern der Härte, welche durch die wunderschöne Musik von Genre-Maestro Ennio Morricone nicht nur perfekt ergänzt wird, sondern (wie so oft) um eine einzigartige Ebene erweitert wird.

...und das Gesetz.

’Leichen pflastern seinen Weg’ ist ein dreckiger, trostloser und (um es kurz zu machen) verdammt guter Spagehtti-Western, der in seiner Einfachheit und Gemeinheit bis zum bitteren Ende fesselt und unterhält. Also, bevor sie mir noch einer abschießt: Daumen hoch!

Hudson