Glen or Glenda


‘What Was "His" Sex...?
A Daring Expose Of A Modern Problem...’


Originaltitel: Glen or Glenda (1953) Regie & Drehbuch: Edward D. Wood Jr.
Darsteller: Edward D. Wood Jr, Bela Lugosi, Lyle Talbot FSK: 16


“Pull the strings!”

Im Jahr 1953 berichteten die Tageszeitungen reißerisch über den Fall eines Mannes, der sich durch eine Operation in eine Frau umwandeln ließ.
Zur selben Zeit findet die Polizei ein Selbstmordopfer in seinem Apartment, bei dem es sich um einen Mann in Frauenkleidern handelt.
Aus seinem Abschiedsbrief geht hervor, dass er nur glücklich sei, wenn er Damenbekleidung trägt, was aber von der Gesellschaft nicht gern gesehen wird und ihm bereits einige Verhaftungen einbrachte, so dass er keinen anderen Ausweg aus seiner Misere sehe, als den Tod.
Dem Inspektor lässt dieser Fall keine Ruhe und er konsultiert den Psychologen Dr. Alton (Timothy Farrell), der ihm das Phänomen näher erläutern soll.
Die Frage ist, ob der Mann sich nicht umgebracht hätte, wenn auch er sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hätte und der Dr. hat gleich zwei Fallbeispiele zur Hand, an denen er die unterschiedlichen Formen des Transvestiten erklären kann.
Beim ersten Fall handelt es sich um Glen (Edward D. Wood Jr. selbst, unter dem Pseudonym Daniel Davis), der an sich “fully a man“ ist, nur eben sehr gern die viel schönere und bequemere Kleidung der Damen trägt, welche im Übrigen, wie Dr. Alton aus dem Off sehr anschaulich erläutert, auch die Gesundheit nicht im selben Maße beeinträchtigt wie die der Herren (besonders fatal: der Hut) und auch sonst dem Wohlergehen viel zuträglicher ist. Es folgt Archivmaterial, das den Stammestanz irgendwelcher Ureinwohner zeigt, um zu verdeutlichen, dass es doch viel ursprünglicher und natürlicher ist, wenn Männer sich auch mal schön bunt schmücken.

Figurenreichtum

Immer wieder sehen wir Glen als Glenda beim sehnsüchtigen Schaufensterbummel und erleben seine Seelenqualen, zum Ausdruck gebracht in einem mehr als absurden Alptraum, der im Nachhinein auch noch durch sich entkleidende und sich gegenseitig auf einem Sofa fesselnde Damen und eine vage als solche zu erkennende Vergewaltigungsszene erotisch aufgeppt wurde. Eine Aktion von Produzent George Weiss, der sich höchstwahrscheinlich den ganzen Film eher in dieser Machart vorgestellt hatte.
Alles führt zu dem Schluss, dass Glen seiner Verlobten Barbara (Woods damalige Freundin Dolores Fuller) reinen Wein einschenkt. Und Barbara, die Gute, verlässt ihn nicht etwa, wie er es befürchtet hatte, sondern erklärt nach kurzer Schrecksekunde, dass sie diese Sache mit viel Liebe gemeinsam durchstehen werden und überreicht ihm mit großer Geste ihren von ihm so heiß begehrten Angorapulli.
Danach geht’s natürlich gleich ab zu Seelenklempner Alton, der erklärt, dass Glen auch nur auf diese Weise, also mit der Liebe seiner Verlobten, von seinem, aus einer schrecklichen Kindheit ohne elterliche Zuneigung resultierendem Fehlverhalten geheilt werden kann.

Kulissenarmut

Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten Fall. Allen ('Tommy' Haynes) ist ein sogenannter Hermaphrodit, was heißt, dass er sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale hat. Als Mann aufgewachsen und erzogen, fühlte er sich trotzdem immer als Frau. Sogar als Soldat im 2. Weltkrieg hatte er seinen Koffer fürs Wochenende im Gepäck, in dem er das Nötigste an Röcken, Blusen und Strümpfen immer dabei hatte.
Da die körperlichen Vorraussetzungen gegeben sind, kann Allen mit Hilfe einer langwierigen Hormontherapie und einem fähigen Ärzteteam zu Anne werden. Jetzt muss er nur noch lernen, sich zu schminken, die Haare zu richten und sich elegant mit Hackenschuhen fortzubewegen und alles ist gut.

Alle, die aufgepasst haben, werden merken, dass bisher noch nicht ein Wort über Bela Lugosi gefallen ist. Das kommt daher, dass er eigentlich nicht wirklich etwas mit der Handlung zu tun hat. Zu alt für eine der Hauptrollen, zu berühmt für eine der Nebenrollen und trotzdem wegen des großen Namens dringend benötigt, um den Film an den Mann zu bringen, hat er die Aufgabe, als eine Art allwissender Obererzähler in einer Rumpelkammer zu sitzen, brodelnde Chemikalien zu mixen bis es dampft, in altbewehrter Dracula-Manier die Augenbrauen zu verziehen und immer eingeleitet von einem zuckenden Blitz möglichst theatralisch Sätze wie “Pull the string!!!!“, “A life is begun!“, “A life is ended!“, “Beware of the green dragon! Beware! Beware! Beware!” und den einen oder anderen Kindervers (“Oh snips and snails and puppy dog tails.”) zu skandieren.

Zitat: “It’s not a situation to be laughed at.“

Aber Lugosis Rolle ist nicht das einzig seltsame an ’Glen or Glenda’. Da wäre natürlich zuerst einmal die Frage, was für ein Film soll das sein? Ein Drama? Eine Dokumentation? Ein Aufklärungsfilm? Oder ein Versuch Ed Woods, von dem man spätestens seit Tim Burtons biographischem Film weiß, dass er selbst eine große Vorliebe für Angorapullover hatte, sich dem Publikum zu öffnen und zu erklären? Es ist eine eigenartige Mischung aus allem entstanden, die man nicht richtig einordnen kann. Ständige Einspieler von teilweise unpassendem Archivmaterial (eine Büffelherde rennt durch die Prärie, eine belebte Straßenszene, ein Stahlwerk) unterlegt mit bedeutungsschweren Dialogen aus dem Off, eine minutenlange Einstellung, die ein Kleid auf einem Kleiderständer zeigt und Sets, die einfach nur eine weiße Straßenlaterne vor einem schwarzen Hintergrund zeigen machen es dem Zuschauer auch nicht gerade leichter, einen Zugang zum Geschehen zu finden.

... naja ...

Tja und wie soll ich diesen Streifen nun bewerten? Ich bin nicht genug B-Movie-Anhänger, um Ed Wood den Regisseur-der-Herzen-Bonuspunkt zu geben. Langweilig war der Film nicht, hatte aber auch nichts, was ihn wirklich im Gedächtnis bleiben lässt. Er war nicht besonders tragisch und auch trotz der eigenartigen Skurilität nicht so absurd, dass er schon wieder gut ist. Ich wollte ihn nach Tim Burtons “Ed Wood“ mit Johnny Depp in der Hauptrolle gerne mal sehen, das hab ich jetzt, war auch okay, muss ich aber nicht nochmal. Ich wüsste auch ganz ehrlich nicht, wem ich ’Glen or Glenda’ empfehlen sollte. Ich rate aber auch niemandem ab.


Leone