Gamera gegen Gaos


‘Frankensteins Kampf der Ungeheuer’


Originaltitel: Daikaijû kûchûsen: Gamera tai Gyaosu (1967) Regie: Noriaki Yuasa
Drehbuch: Niisan Takahashi
Darsteller: Kôjirô Hongô, Kichijirô Ueda, Reiko Kasahara FSK: 12


"Wir befinden uns auf dem International Airport Haneda, sozusagen im Brennpunkt des Geschehens! In wenigen Minuten wird eine Forschergruppe zum Fuji-Massiv aufbrechen, um festzustellen, ob das schildkrötenartige Monster mit dem Namen Gamera tatsächlich die Eruptionen verursacht hat. Und wenn eine Katastrophe verhindert werden soll, muss Gamera schnellstens gefunden werden. Diese Männer starten zu einem der größten Abenteuer der Menschheitsgeschichte."

Und wir haben das große Glück, das vor bunten Schirmen miterleben zu dürfen!

And then this happened...

Doch was ist das?! Ein knallgelber Laser-Strahl schießt aus den Tiefen des Vulkans gen Forschungs-Chopper und entzweit den Schrauber so sauber, als hätte man ihn mit der elaboriertesten Sollbruchstelle seit Rittersport Rotorspaß versehen. Der Strahlen-speiende Übeltäter ist Gaos, eine überdimensionale Kautschuk-Gestalt, irgendwo zwischen Gappa und einem Klappspaten.

Derweil im Dorf am Fuße des Vulkans seufzt der kleine Eiichi "Ach wenn doch Gamera jetzt hier wäre!" Es soll das Mantra des vorliegenden Filmes werden.

Plattkopf am Fuji
Aber zunächst zu eher irdischen Problemen, denn im besagten Dorf hängt der Ortsfrieden schief. Eine Straße soll hier gebaut werden, aber die ollen Bauern wollen ihr Land nicht einfach abtreten, auch wenn ihre Frauen eine neue Straße für eine gute Idee halten. Ein ablenkendes Tohuwabohu entsteht, das im Laufe des Films sicherlich eine Botschaft bezüglich Ausbeutung und Gier transportieren sollte, jedoch immer wieder von Situationskomik und plötzlich auftauchenden Riesenmonstern torpediert wird. Die Konzentration des menschlichen Elements auf diesen Konflikt sorgt allerdings auch dafür, dass es hier kaum zu den für Kaiju-Streifen typischen langweiligen Laberei-Sitzungen und Militär-Diskussionen kommen kann. Zumindest nicht, ohne den Zuschauer dank uriger Dialoge immer wieder zum Lachen zu bringen.

"Der böse Gaos hat so ‘ne Art Strahlen ausgeschossen. Und Gamera hat sich gar nicht dagegen wehren können!"
"Hör mal zu, mein Junge! Warum nennst du das andere Tier Gaos, kannst du uns das sagen?"
"Hmh, aber natürlich kann ich das. Ich hab es so getauft, weil seine Stimme so klingt."

Gamera auf Kneippkur
Während Daieis™ erste beiden Gamera-Streifen noch halbwegs als ernsthafte Versuche des Riesenmonster-Films angedacht waren (und ja, ich bin mir bewusst, wie absurd diese Behauptung in Anbetracht von Regenbogen-speienden Rhino-Sauriern ist), macht man bei ‘Gamera gegen Gaos‘ (wie auch in den nachfolgenden Teilen) von Vornherein keinen Hehl daraus, dass hier ein jugendliches Publikum ins Visier genommen wird. Im Mittelpunkt steht der kleine Eiichi, jener neunmalkluge Besserwisser-Hosenschisser, der auf Gamera reiten, Kabinett-Sitzungen crashen, und dem bösen Titelmonster dessen Namen geben darf.

"Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht über den Löffel balbiert werden!"

Eiichi macht Quietschi
Kinder an die Macht, während sich die doofen Erwachsenen über landwirtschaftliche Infrastrukturen und Militär-Strategien in die Haare kriegen. Und doch gibt es hier teilweise erstaunlich “düstere“ Elemente. Gaos hat offensichtlich vampirische Wurzeln, verträgt kein Sonnenlicht und giert nach menschlichem Blut. Man sieht ihn zwar lediglich auf seinen Opfern herumkauen (die kegelförmigen Beißer der Riesenfledermaus sind nicht dazu geeignet Blut auszusaugen), aber die Tatsache allein, dass es hier menschliche Opfer zu beklagen gibt, welche direkt von einem Riesenmonster gefressen werden, schiebt ‘Gamera vs. Gaos‘ in eine ganz spezielle Ecke des Kaiju-Eiga-Films. Hinzu kommen blutige Monster-Fights, in denen sich die beiden Titelmonster gegenseitig ganze Steaks aus den Schuppenkleidern reißen, bis rosa Blutsprudel den Bildschirm zieren.

"Mit diesem Springbrunnen locken wir ihn aus seinem Versteck. Das medizinische Labor ist dabei eine Flüssigkeit zu entwickeln, die nach menschlichem Blut riecht... und schmeckt! Damit wollen wir Gaos anlocken!"
"Da fällt mir ein, ich habe auch Appetit!"

In The Rhythm, I Believe
Is The Pooower Of Wiiings
Mit Gaos bekam Daieis Godzilla-Verschnitt sein eigenes Rodan-Derivat verpasst, welches wie Tohos überdimensionaler Gummi-Adler seine gewaltigen Flügel für Orkan-Orgien nutzen kann und zudem einen Lilalaune-Laser im Arsenal hat, der Ziele (Flugzeuge, Autos, Gameras Bizeps, sein eigenes Sprunggelenk) chirurgisch präzise halbieren kann. Später im Film entfleuchen zudem unappetitliche Gaswolken aus unsichtbaren Frontöffnungen, die später garantiert einen eigenen Paragraphen im Kyoto Umweltabkommen spendiert bekamen und hier zu weiteren der unzähligen albernen Dialoge führen.

"Riechst du auch was?"
"Äh, Moment! Also ich war's nicht!"
"Stinken tut's hier wie in hundert Kuhställen, aber außer dir ist kein Rindvieh zu sehen!"

Epic Eiga

Die Monster-Fights und Cityscape-Zerstörungen im Modellbau-Modus sind das Highlight des Films und können trotz des einfältigen Kaiju-Designs mit denen der Konkurrenz mithalten. Wenn Gamera und Gaos im Synchron-Sturzflug miteinander wetteifern oder die Riesenschildkröte den Todesstrahlen der Riesenfledermaus ausweicht (Ausfallschritt, nach links wegducken, Kopf komplett einziehen) bleibt kein Auge trocken.

Let me see you stripped down to the bone
Hinzu gesellen sich kauzige Figuren (zum Beispiel Dr. Aoki, ein Wissenschaftler mit Hornbrille und Spitzbart, wie man es sonst nur aus der KFC-Werbung kennt), die immer wieder zu hanebüchenen Einsichten kommen, die auf keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, sondern kackfrech behauptet werden. So wird beispielsweise nach Gaos erster Sichtung flugs ein Model samt Querschnitt angefertigt, anhand dessen spekuliert wird, dass das Monster a.) eine geteilte Wirbelsäule, b.) zwei Kehlen und c.) einen toten Winkel hat, sowie d.) seine Empfindungen mittels grünem Dämmerlicht äußert.

Geschlechterspezifisch werden hier ganz *hust*klassische*hust* Strukturen bedient. So ergreift Eiichis beherzte Schwester (die einzige Dame im Film mit relevanter Sprechrolle) schließlich das Wort, um dem pöbelnden Mob etwas Verständnis in die Birnen zu soufflieren, nur um ihr durchaus sinnvolles Plädoyer mit den Worten "Bitte entschuldigt meine Einmischung!" zu beenden. Lady, you almost had them!

Sing my song, puff all night long
As I take hits from the bong
Warum eine Straße in der unmittelbaren Umgebung eines aktiven Vulkans durch fruchtbares Farmland (das von Menschen in unmittelbarer Nähe eines aktiven Vulkans kultiviert wurde) gebaut werden soll? Nun… Bitte konzentrieren wir uns doch auf das Wesentliche: Gamera vs. Gaos!
Gigantische Gummi-Schildkröte vs. Gargantuan Guano-Beast! Oder um es mit einem der anwesenden Befehlshaber zu sagen: "Der Ausbruch eines Vulkans entschuldigt nicht ihr Verhalten!"

An dieser Stelle möchte ich Euch nicht folgenden Dialog vorenthalten, in dem die Strategie fürs Finale von Nutella-Fratz Eiichi in einer Kinderschnapslaue ausbaldowert und prompt an den Generalsstab weitergetragen wird:

Eiichis Schwester: "Und wie können wir Gamera zu Hilfe rufen?"
Eiichi: "Wir müssen nur einen Waldbrand legen!"
Eiichis Schwester: "Waldbrand sagst du?!"
Eiichi: "Hmh, klar! Kannst du mir wirklich glauben! Nur so können wir Gamera zu uns holen. Na, wollen wir wetten?!"
Szenenwechsel, zwei Minuten später im Besprechungsraum der Großkopferten:
Vorarbeiter: "Einen Waldbrand legen?"
Bürgermeister: "Ganz richtig!"
Vorarbeiter: "Ich muss schon sagen, dass mir diese Idee etwas unwahrscheinlich vorkommt. Glauben sie, dass Gaos sich davon abschrecken lässt?"
Bürgermeister: "[...] Ich würde viel eher sagen, Gaos wird in dem Feuer verbrennen."
Vorarbeiter: "Das könnte sein. Aber der Wald dort ist meiner Schätzung nach rund äh 200.000.000 Yen wert."
Bürgermeister: "Selbst wenn es so wäre. Was sind denn schon 200 Millionen im Vergleich zu dem, was Gaos anrichtet? [...] Die Waldbrand-Idee stammt übrigens von Eiichi. Er hat mir erklärt, dass er fest davon überzeugt ist, dass Gamera uns zu Hilfe kommt, wenn der Wald erstmal brennt."
Wissenschaftler: "Naja, es wäre durchaus möglich."
General: "Meine Herren, es ist die letzte Möglichkeit für uns. Wir zünden den Wald an!"

Ich wünschte nur, ich müsste bei dem Gequatsche nicht automatisch an einen orangen Mann in einem weißen Haus denken.

❤ ❤ ❤

Wenn ich mir diese binäre Herangehensweise mal erlauben darf, lässt sich die Reaktion auf diese Art von Film auf zwei Extreme runterbrechen: Entweder seid Ihr an Bord mit den spinnerten, kunterbunten, japanischen Riesenmonster-Streifen oder Ihr sitzt am Ufer und schüttelt den Kopf. Ja, es gibt auch hier Nuancen; manche sind pfiffig produziert, andere sorglos hingeschludert, aber machen wir uns nix vor: (Mindestens zwei) Riesenmonster + Modellbau-Städte/fingerwedelnde Protagonisten x gelassene Unbedarftheit beim Zuschauer + FIGHT! = Fun.
Wer das nicht so unterschreiben kann, der darf gerne noch mal den Abakus rauskramen und diese Rechnung nachprüfen, während Fans des Genres ihr Vergnügen quietschen lassen.


Hudson