A Fistfull of Talons



Originaltitel: Hu ying (1983) Regie: Chung Sun
Drehbuch: Barry Wong
Darsteller: Billy Chong, Hao-yi Liu, Ing-Sik Whang FSK: unbekannt


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UNDRESS FU


Es war einmal im Land der umfallenden Reissäcke, strohigen Riesenhüte und unser aller ökonomischen Zukunft…
Die altehrwürdigen Gentlemen der Mandschu Dynastie sind mit der aktuellen republikanischen Regierung ganz und gar nicht zufrieden. Sie wünschen sich die alte Ordnung zurück und da dies ein Kung Fu Streifen aus den Achtzigern ist, wird das nicht etwa durch Diplomatie und Stellungskriege ausgefochten, sondern mit blanker Faust und hartem Fuß.

Der Barbier von Phuc Yu
Beide Seiten werden genregemäß durch einen hartärschigen Kung Fuzius repräsentiert und easternfremde Zuschauer könnten Gefahr laufen, dem bösen „Sehen doch alle gleich aus!“-Klischee zum Opfer zu fallen. Aber eigentlich ist es ganz einfach, die beiden Kontrahenten auseinander zu halten:
Ding, der Gute, ist ein geläutertes Ex-Mitglied des Mandschu treuen Ching-Clans. Er ist weise, erzählt gerne Geschichten, gibt sich gelassen, hat aber trotzdem noch genug Feuer, um mit seinem zukünftigen Schüler den Boden aufzuwischen. Wenn man so will, präsentiert er den Archetypen des reifen Meisters, der in seiner Jugend viel Schindluder mit seinen Fähigkeiten getrieben hat und nun auf dem rechten Pfad, auch als Symbol des politischen Umbruches, unterwegs ist.
Nai Sin, der Böse, hat einen riesigen Zopf, jongliert zwei silberne Liebeskugeln und lässt einen Blinden hinrichten, damit auch keinerlei Zweifel daran besteht, dass er tatsächlich der Böse ist.

Die Hasenpfote war sein Schicksal.
Natürlich haben beide eine gemeinsame Vergangenheit, was immer wieder mittels Rückblenden vom Reisfeld in Erinnerung gerufen wird. Diese Rückblenden führen nie wirklich zu einem klärenden Dialog oder einer Auflösung des Konflikts, aber das stört mich nicht. Ich bin ein großer Fan solcher Rückblenden, nicht zuletzt, weil das Reisfeld eine der wenigen erkennbaren Naturkulissen in einem Film ist, der scheinbar komplett vor Studio-Sets gedreht wurde. Disclaimer: Ich bin auch ein großer Fan solcher Sets.
Mitten in den Konflikt zwischen Nai Sin, Ding und ihren Parteien springt der junge Yi Meng. Zumindest glaube ich, dass er so heißt, Namen werden hier nämlich selten genannt (man spricht sich lieber mit “Hey, you!“ an) und wenn, dann werden sie im vorliegenden englischen Dub hektisch ausgekeift.

Mhmhmh, sehr übersichtlich.
Der vom gebürtigen Indonesier Billy Chong (’Knochenbrecher halt die Ohren steif’) gespielte Yi ist ein recht aufgewecktes Stehaufmännchen, das meist mit freiem Oberkörper über den Hof stolziert und sich schon am frühen Morgen in Pferdestriegel Fu und Badewannen Chi übt. Als Meister Ding im Rasthaus von Yis Vaters einkehrt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nachdem Dynastie treue Häscher mit vollem Karacho auf einem brennenden Heuwagen in das Lokal brettern und eine Martial-Arts-Schlacht der Extraklasse anzetteln, begleitet Yi Meister Ding, den er “Uncle“ nennt, als wär es das Selbstverständlichste auf der Welt, auf dessen Reisen durch Kung Fu County.
Das klingt bis hierhin nicht wirklich nach einer Story, jedoch ist die hier ohnehin zweitrangig. Es sei noch ergänzt, dass Yi von seinem Vater bedrängt wird, die Tochter des örtlichen Polizeichefs zu heiraten. Jene hat ein ungewöhnliches Hobby, selbst für Kung-Fu-Streifen dieser Art. Sie sammelt Adler und andere Raubvögel, hegt und pflegt sie und richtet sie ab.
Yi lässt das kalt. Er steht eher auf das Kung Fu von Meister Onkel Ding, der das kaiserliche Siegel mit sich rumträgt, was wohl für beide Parteien einen gewissen Wert hat. Vielleicht, weil nur damit die offizielle Hauspost im Palast der vier Winde absegnet werden kann oder Rabattmarken lediglich mit einem Aufdruck des Siegels gültig sind oder weil der Film ganz einfach einen MacGuffin brauchte.

Love Interest mit Riesenmeise

Hauptaugenmerk, wie bei jedem Streifen dieser Machart (wenn ich mir die Bemerkung nach jahrelangem Studium der Materie erlauben darf), sind die Kämpfe, nach Choreographie von Wo Wing Ping, der nur so wenige Buchstaben von Meister Yuen Woo Ping (’Matrix’, ’Kill Bill’) entfernt ist, dass ich mir sicher bin, es handelt sich um ein und denselben Mann.
In Sachen Kung Fu wird hier so ziemlich jede Sparte bedient: Vom Entkleidungs-Fu, gleich im Vorspann, über haarsträubende Teehaus-Keilereien zu Saloon-Mucke, mit in Chauffeur-Uniform gekleideten Zopfpeitschern, bis hin zur grandiosen Trainingsmontage. Hier zündet Chong zu Musik, die direkt aus dem Rocky-Soundtrack stammen könnte, mittels Kung Fu dutzende Kerzen auf einer fläzenden Buddha-Statue an, während Meister Ding ihm auf den Fersen ist und versucht, ihm die Buchse vom Bein zu rupfen. Es ist ein schöner Anblick, der allen viel Freude bereitet… außer Rocky.

Gonna fly nooow!

Extrapunkte gibt es für einige besonders urige Charaktere, wie den Vater von Yi Meng, der seinen Sohn dank des doofen Dubs, aber zur Freude mitfiebernder ’MotU’-Fans mit “He-Man“ anspricht und den schrulligen Ganoven Little Bandit, der sich an der Rinde durchgebrochener Äste gütlich tut (Biber Clan?). Letzterer hat eine der absurdesten Sterbeszenen des Filmes, als er in seinen letzten Zügen von einer noblen Anwandlung befallen wird und den Protagonisten Gebrauch und Nebenwirkungen eines kürzlich erworbenen Heilmittels erläutert:

“Uargh… this medicine is both for uuughh … internal and argh… external use. Uuuuuuh… Remember, boil it with three bowls of water… uargh… you can repeat it more often… buaaaaarghhhhh.“

Billy Chong - Seemannsknoten-Martial Artist

’A Fistful of Talons’ mischt politischen Background a la Ku Fengs ’King Fu – Seine Fäuste zucken wie Blitze’ mit der kuriosen Energie eines ’Drunken Master’, verliert jedoch beim direkten Vergleich.
Billy Chong, dessen Figur eine Hasenpfote auf der Brust trägt, was zu jener Zeit wohl ein Männlichkeitssymbol war und sich ganz im Stil der Republik an modernen westlichen Werten (hier: Männer mit vollem Brusthaar) orientierte, ist kein Jackie Chan. Aber seine drollig charmante Art, sein Körpereinsatz und sein amüsantes Gegengewicht zur bierernsten Manier der beiden älteren Kontrahenten geleiten den Zuschauer sicher durch den Film… Bis zum Showdown, einer Martial-Arts-Tour de Force, die ein abruptes Ende findet, mit dem sicher niemand rechnet. Ich neige ja hin und wieder zu Übertreibungen, aber die letzte Einstellung als “What the fuckest uppest?!“ zu beschrieben, ist mehr als adäquat. Heilige Scheiße. What were they thinking?

Ja, es gibt "Adler Fu" (wobei hier 'Fu' definitiv für 'Fucked Up' steht)

Die politischen Details des Filmes basieren übrigens auf historischen Fakten. Ich zitiere Wikipedia, weil ich zu faul bin, mein ’Lexikon für asiatische Geschichte’ aus dem Keller zu holen:

„Obwohl sich – in der Hauptsache – die Mandschu an die Han-Kultur assimilierten und sich selbst immer als „Chinesen“ (im Sinne von Angehörigen des Reiches der Mitte) begriffen, wurden sie gegen Ende der Qing-Dynastie von chinesischen Nationalisten als „ausländische“ Kolonialmacht dargestellt. Diese Darstellung verschwand aber schnell, weil das neue republikanische China nach der Revolution von 1911 die Mandschu in eine neue, republikanische „nationale Identität“ hineinkonstruierte.“

Don't bother the eagles. Leave all the eagles alone!

Das ist übrigens genau die gleiche Dynastie, deren Kaiser und Begründer in Form eines Häufchen Asche in einer Urne während des Prologes von ’Indiana Jones und der Tempel des Todes’ herumgereicht wurde. Da soll noch mal einer sagen, man kann auf FilmFlausen nix lernen. Nehmt das mit auf Weg… und vielleicht noch die kurze Anmerkung: Seid lieb zu Tieren und tut ihnen nicht weh. Auch nicht, wenn es darum geht, das Finale eures ansonsten äußerst unterhaltsamen und komplett verrückten Filmes zu pointieren.


Hudson