Das Schiff der gefangenen Frauen


‘Ist es ein Gefängnis oder ein schwimmendes Bordell?’


Originaltitel: La maison des filles perdues (1974) Regie: Pierre Chevalier
Drehbuch: Jesus Franco & Pierre Chevalier
Darsteller: Sandra Julien, Silvia Solar, Magda Mundari FSK: ungeprüft


They call him Dr. Sleaze

“Macht dabei keine Zicken, sonst kriegt ihr’s mit Glatze zu tun!”
“Und ich schlitz euch den Bauch auf!”
“Spar dir das.”
“Entschuldigen sie, Madame. Das war doch nur Spaß.”

Willkommen, Freunde der zotigen Flausen-Schmuddelabteilung! Als Belohnung fürs treue Mitlesen hat Euch Dr. Sleaze dieses Mal gleich so eine Art filmisches Double Feature mitgebracht - allerdings innerhalb eines Filmes. Die heutige Keule, 'Das Schiff der gefangenen Frauen' von 1974, ist nämlich ein halbes Flickwerk der berüchtigten französischen Filmschmiede Eurociné, die hier den italienischen Agentenfilm 'Agente Sigma 3 - Missione Goldwather' (von 1967) als Grundlage verwendet, und eine Sexploitation-Story (übrigens aus der Feder von Jess Franco) drum herum gesponnen hat.

His henchies are obnoxious...

Wenn der Film beginnt, sehen wir zunächst die 'originale' Handlung. Diese fängt mit fröhlichem Bordell-Betrieb an, bei dem wir die Prostituierte Yvette mit ihrem Stammfreier, dem einfühlsamen älteren Herrn Gaston, sehen. Als Yvette ihm erzählt, dass sie eigentlich nur zur Zwangs-Prostitution gehalten wird, beschließt Gaston kurzerhand seine Geliebte aus den Krallen des White Slavery Puffs zu befreien, und die beiden machen sich in einer hitzigen Verfolgungsjagd aus dem Staub. Auf geht die Flucht in die wunderschönen Laubwälder Marokkos, wo eine erste Pause mit Schäferstündchen eingeschoben wird (die grandios-clevere Begründung: “Wenn ich einen geeigneten Platz finde, werde ich eine Rast machen. Ich würde sagen so zwei bis drei Stunden, damit sie unsere Spur vollkommen verlieren.”). Nach der ersten Sex-Szene (Gastons alte, haarige Beine sind wirklich Erotik pur, danke schön) fährt man zur Polizei, um den Ring von Mädchenhändlern, der Yvette gefangengehalten hat, hochgehen zu lassen (“Ich weiss, die Geschichte klingt wie ein billiger Drei-Groschen Roman, Kommissar, aber sie ist wahr.”). Und nach dem wir nun eine halbe Stunde im Film sind, wird es Zeit, eine neue Hauptfigur (nebenbei auch einen völlig anderen Film, der immerhin fast 10 Jahre älter ist, als alles bisher gezeigte) vorzustellen. Von nun an sehen wir also der Bond-Kopie Interpol Agent Sigma 3 (heißt hier glaube ich Mark) dabei zu, den Prostitutions-Ring aus dem bisher gezeigten Sleaze-Teil aufzuspüren. Story-technisch gibt es von hier an tatsächlich nicht mehr viel zu sagen - die typische Krimi-Handlung des Eurospy-Flicks wird in den Sleaze-Film importiert und das Ganze spielt tatsächlich so flüssig, dass es verdammt unterhaltsam anzusehen ist. Nach dem wir erst mal 20 Minuten vom ermittelnden Agent gesehen haben, wird zurück zum Sex geschnitten (irgendwann auch mal auf einem Schiff, auf dem die Mädchen transportiert werden), und die Italo-Darsteller werden sogar in den französischen Kulissen gedoubelt (natürlich werden sie hier nur von hinten gefilmt). Ed Wood Style - aber irgendwie macht's Spaß.

His enemy is overwhelmed...

“Ich möchte mich mit dir unterhalten.”
“Du bist vielleicht ein komischer Kerl, aber ich mag dich. Soll ich von meiner Vergangenheit erzählen?”
“Ja, die interessiert mich sehr. Ich begreife zum Beispiel nicht, warum ein Mädchen wie Du so einem Gewerbe nachgeht.”
“Das tu ich auch nicht freiwillig. Man zwingt mich dazu, wie einige andere Mädchen auch. Ich werd hier gefangengehalten.”

Das Schiff der gefangenen Frauen (international auch als 'The House of the Lost Dolls' bekannt) ist ein liebenswert verfehlter Film. Vom irreführenden deutschen Titel - alle Schifffahrtsfreunde, die sich den Film aufgrund seines Titels ansehen wollten, seien vor der geringen Spielzeit auf Schiffen gewarnt! - bis hin zur Patchwork-Story... wirklich Sinn macht das hier nicht.
Und trotzdem lassen die zahlreichen Sex- und Rapeszenen (die allerdings trotz des enormen Sleaze-Faktors eher harmlos sind) der französischen, und die recht actionreiche Agentenstory der italienischen Hälfte einen für knapp 80 Minuten in die naiv-trashige Welt des europäischen B-Films eintauchen. Schon in den ersten 2 Filmminuten werden die ersten Brüste ausgepackt, und an den üblichen Sleaze-Elementen mangelt es hier weiss Gott nicht. Allerdings darf man nicht die vom Titel vielleicht versprochene Women-in-Prison Schiene erwarten (immerhin gibt's Frauen in Körben - darin werden sie nämlich geschmuggelt).

His scheme is pretty obvious...

Gefoltert wird in diesem Film so gut wie gar nicht (ein einziges Mal gibt es sowas wie Handschellen - ist auch das mindeste, immerhin kommt das Drehbuch von Jess Franco!), und auch wenn fast alle Sex-Szenen Vergewaltigungen darstellen, sind diese nie so schockierend geraten, wie sie womöglich geplant waren. Wie auch, wenn der böse Mädchenhändler (übrigens meine Lieblingsfigur in diesem Film, der an einen französischen Romano Puppo erinnert) beim Akt dauernd Sprüche alla “Ooh, wie herrlich eng du gebaut bist!” und “Du hast einen Körper wie ich ihn gern habe...eine schöne griffige Haut.” raushaut? Auch wenn diese Szenen an Sex-Appeal und Anstößigkeit leicht zu übertreffen sind, muss ich doch sagen - sie sind verdammt sleazig (full frontal nudity inbegriffen)! Im Agenten-Material bestehen die Highlights dann genre-typisch aus Schlägereien, Schießereien, originellen Tools (vergifteter Fingernagel und Blindenstock-Kanone) und natürlich dem lässigen Charme unseres Italo-Bonds.

“Du fragst dich vielleicht, warum ich dich vergewaltige. Ganz einfach! Mir macht es anders keinen Spaß mehr mit euch Weibern.”
“Sie perverser Hund!”
“Ja, wehr‘ dich nur! Um so eher find ich meine Befriedigung!”

His servant is very obliging...

Fazit: Trotz meiner eher geringen Erwartungen hat mich 'Das Schiff der gefangenen Frauen' gut unterhalten. Der Film weist offensichtliche Mängel auf, doch diese tun ihm beinahe schon gut, da es irgendwie eine Freude ist, die Szenen dem jeweiligen Film zuzuordnen und sich die kreative Entstehungsformel ins Gedächtnis zu rufen. Auch wenn ich nun oft auf das Verwursten von Archivmaterial eingegangen bin, hat der Film durch seinen käsigen Charakter auch als Gesamtwerk noch flüssig funktioniert, und wird vor allem kaum langweilig. Aber obwohl der Film eine wirklich fast putzige Stimmung vermittelt, weiss ich nicht, wem ich ihn objektiv empfehlen kann. Sowohl für die Sleaze-Fraktion als auch für Krimi-Freunde gibt es sicher sehenswertere Filme. Aber wann immer Euch mal der Sinn nach beiden Genres zusammen steht, ist das 'Schiff der gefangenen Frauen' für euch da.


Spooner