Das Fehlende Glied


"B.C.Rock"


Originaltitel: Le Chaînon manquant (1980) Regie: Picha
Drehhbuch: Tony Hendra Darsteller: O, Igua, Croak FSK: 16


Mittwoch der 26 Mai 196303 vor Christus.
Eine Welt vor unserer Zeit, als abstruse Widernatürlichkeiten auf der Tagesordnung standen und der Mensch noch friedlich mit dem Saurier zusammenlebte. Lediglich letztere Spezies beherrscht eine Sprache, Menschen kommunizieren durch Grunzen. Auch haben sie die Sache mit dem Feuer, dem aufrechten Gang und der Jagd noch nicht ganz hinbekommen. Als das Alphamännchen einer kleinen Horde Urmenschen jedoch ein Stegosaurierpärchen beim Geschlechtsakt beobachtet, kommt ihm die Idee, wenigstens das mal zu probieren. Neun Monate später kommt A zur Welt, ein Urmenschenbaby, wie es im Buche steht. Als die Mutter kurz darauf noch ein anderes Kind aus den Lenden presst, sind alle entsetzt. Das Ding sieht so gar nicht aus wie einer von ihnen und alle, auch die Mutter, suchen das Weite. Zu dumm nur, dass das Baby noch an der Nabelschnur hängt.

Frühe Abnabelung.
Willkommen in der verrückten Prähistorik des belgischen Trickgenies Picha. In seinem ’80er Steinzeitschinken erfahren wir, dass am Anfang nicht das Feuer, sondern das fehlende Glied, ein Mensch mit Namen O, war! Da O von seiner Familie verstossen wurde, verbündet er sich mit dem Brontosaurierbaby Igua, dem das selbe Schicksal wiederfahren ist. Und so schlagen sich beide so gut es geht durch die Gefahren der Urzeit, wachsen gemeinsam (und doch allein) auf und müssen erkennen das viele (nicht nur) menschliche Schicksale ihre Ursache in der Enttäuschung der Eltern finden. Inmitten bizarrer Wesen, die jeden Tag auf’s Neue das Einmaleins des ’Fressen und Gefressen Werdens’ zelebrieren, kämpfen die beiden um ihre unwahrscheinliche Existenz. Als jedoch O eines Tages sein Spiegelbild im Wasser entdeckt, und ihm klar wird, dass er ein Mensch ist, verlässt er Igua und macht sich auf die Suche nach seinem Stamm.

Es ist wirklich schwer ’Das fehlende Glied’ in eine Schublade einzuordnen. Ich persönlich würde es wie folgt beschreiben: Was Peter Jacksons ’Meet the Feebles’ für Jim Hensons ’Muppetshow’ war, ist ’Das fehlende Glied’ für Don Bluth’ ’In einer Welt vor unserer Zeit’. Alles Fremde in Pichas Film ist feindlich und wird irgendwann fressen oder eben gefressen werden. Der Regisseur, Autor und Zeichner ist dabei mit einer Phantasie zu Gange, die allen Vegleichen spottet. Nicht nur, dass er Genre Klassiker wie ’King Kong’, ’Star Wars’ und ’2001’ durch den Kakao zieht, sein Bestiarium an Absonderlichkeiten und seltsamen Wesen könnte ganze Lexika füllen. Es gibt Fleisschfressende Pflanzen, Fleischfressende Pflanzenfresser, einen zahnlosen Säbelzahntiger, verführerische Killerpussies, den prähistorischen Maler El Gorilla, Mörderefeu und schildkröten-vergewaltigende Echsenwesen. Diese Liste ließe sich noch um etliche Beispiele eweitern. Was Picha hier jedoch lediglich zeigen will, ist die Natur in all ihrer grausamen Vielfalt. Eine Natur, die sich dem Menschen nicht stellen mußte. Noch nicht!

Urzeit-Frühstück!
Während seiner Reise durch Dschungel, Wüste und das Ewige Eis trifft O auf die in Harmonie lebenden Nolobs, die lange vor den Menschen eine Kultur der Arbeit, des Essens und der Unterhaltung entwickelt haben. Nicht nur dass O im Laufe der Geschichte das Schaffen der Nolobs immer wieder versehentlich sabotiert, nein er ist auch für den Rausschmiss von Adam und Eva aus dem Paradies verantwortlich und erfindet nebenbei noch das Surfen. Der Film lebt von solchen und ähnlichen Begebenheiten. Auf Figuren, Wesen und Szenarien legt Picha eindeutig mehr Wert, als auf eine richtige Handlung. So sind der neunmalkluge Pterodactylus Croak und ein feuerspeinder Drache (bei dem das Feuer am flaschen Ende herausschießt) zwar witzige Begleiter für O, dienen aber keinem Zweck, als sich selbst zu präsentieren. Daran ist nichts falsch, aber die Abwesenheit einer Story ist zuweilen doch sehr auffällig.

Einen eigentlichen Soundtrack gibt es hier nicht, stattdessen begleiten Songs von Leo Sayer unseren ’Helden’. Die passen auch tatsächlich zum Geschehen, ein stimmiger Orchesterscore hätte dem Film jedoch bestimmt gut getan. Die Animationen wirken anfangs ewtas gewöhnungsbedürftig, passen aber bei genauer Betrachtung bestens zur Thematik.

Die lieben Verwandten.

Dem bis dahin mit Spass und Unterhaltung versorgten Zuschauer knallt Picha aber gegen Ende des Films noch mal eine Bombe vor den Kopf. Hatte O einiges zu überstehen, bevor er seinen Brüdern und Schwestern das Feuer, das Wort und den aufrechten Gang beibringen konnte, wird er und wir hier auch mit den Konsequenzen konfrontiert. Und zwar mit der Tatsache, dass der Mensch oft anders reagiert als manchem lieb ist, wenn ihm bestimmte Begabungen oder Mögichkeiten gewährt werden. Ob das fehlende Glied nun Fluch oder Segen ist entscheidet jeder für sich selbst. Und während der letzte Sayer Song den Abspann begleitet, hat es der alberne Quatschkopf Picha doch tatsächlich geschafft, zum Nachdenken anzuregen. „You can’t make an omelette without breaking eggs!“

Hudson