Cut and Run


‘The one story you won't be seeing on the 6 o'clock news!’


Originaltitel: Inferno in diretta (1985) Regie: Ruggero Deodato
Drehbuch: Cesare Frugoni & Dardano Sacchetti
Darsteller: Lisa Blount, Leonard Mann, Willie Aames FSK: keine


Dieses Review wird ihnen präsentiert mit freundlicher Unterstützung
des Oberbefehlshabers über die Schlagsahne!

Ruggero Deodatos schneidiger Dschungel-Reißer ’Cut and Run‘ hat eigentlich die perfekten Voraussetzungen, um ein wahres Schmankerl für Fans von deftigem Horror und italienischer Exploitation zu sein. Die Cast könnte für einen Film dieser Art kaum besser sein, es gibt viel Action, ein paar harte Gore-Einlagen und auch den nötigen Sleaze-Faktor, um den geneigten Schund-Liebhaber bei der Stange zu halten.

Pommesgabel-Kultisten
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Story. Dschungel, Drogen, Massaker, Pfeil ins Knie, Köpfe ab, Michael Berryman springt aus dem Wasser und zwei Reporter machen sich auf die Suche nach Willie Aames, der immer noch Schulden bei Scott Baio hatte und daher in den Urwald geflüchtet ist.
Nein, anders. Richard Lynch ist als Reverend Jones‘ rechte Hand in Wirklichkeit für das Guyana-Massaker verantwortlich, hat seinen eigenen Tod vorgetäuscht und soll nun von zwei todesmutigen Reportern gesucht werden. Oder vielleicht so: Karen Black und ihr Gatte Chicken Joe beauftragen Lisa Blount und Leonard Mann, ihren vermissen Sohn im Urwald zu finden, wo es von Wilden, Drogendealern und Foltercamps nur so wimmelt. Und Michael Berryman springt hinter jeder Ecke hervor. Ja, lassen wir das erst mal so stehen.
Der ein oder andere bemerkt hier vielleicht schon, dass die Geschichte nicht unbedingt die größte Stärke von ’Cut and Run‘ ist. Aber das ist vollkommen in Ordnung, denn die Stärken liegen bei diesem Film ganz klar an anderen Stellen.

Die stärkste Seite zeigt er mit seiner fantastischen Besetzung, die mit einer erstaunlichen Dichte an internationalen Stars daherkommt.

He just wants your extra time
and your... KISS!
In den Nebenrollen finden sich zunächst Karen Black (’Landhaus der toten Seelen‘) und Richard Bright (‚Der Pate 1-3‘) wieder, welche die Eltern von Willie ’Bible-Man‘ Aames (’Der Typ mit dem irren Blick‘) spielen, den die Hauptfiguren Lisa Blount (’Die Fürsten der Dunkelheit‘) und Leonard Mann (’Die Killer-Meute‘, ’Terror Eyes – Der Frauenkörper‘) in ihrem Auftrag suchen sollen. Im (buchstäblichen) Camp der Bösen befinden sich, der immer fabelhafte, John Steiner (’Sinbad - Herr der Sieben Meere‘), der wundervolle Michael Berryman (’Hügel der blutigen Augen‘, ’Teenage Exorcist‘), ein schmieriger Gabriele Tinti (’Women’s Prison Massacre‘) und wie bereits erwähnt Richard Lynch (‘Invasion U.S.A.‘) als Drahtzieher. Auch zu erwähnen ist TV-Star Eriq La Salle als Pimp, der geradewegs aus ’Night City‘ entlaufen sein könnte.
Man merkt schnell, dass die Cast hier mit einigen Kassen-Magneten (und diversen Schauspielern, die ich wirklich liebe) ausgestattet wurde, aber wie so oft nutzt der Film die Besetzung leider nicht zu hundert Prozent aus.

Ladies and Gents: Mr. John Steiner!
John Steiner überzeugt mit ähnlich üblem Dschungelfieber, wie seine Figur schon in ’Jäger der Apokalypse ‘ hatte, und bekommt die fieseste Todesszene des Films spendiert (’Bone Tomahawk‘, anyone?), aber ich habe auch ehrlich gesagt noch keinen Film gesehen, in dem Steiner nicht abgeliefert hat. Karen Black hingegen bekommt nicht allzu viel zu tun und bleibt in erster Linie wegen ihrer grellen 80s-Popstar-Frisur in Erinnerung. Willie Aames ist meistens ziemlich gut, hatte aber während des Drehs scheinbar viele Probleme (laut Deodato inklusive des alten Johnny-Depp-Hotelzimmer-Make-overs) und Lisa Blount macht als taffe Reporterin („Wenn du mal die Explosion einer Atombombe gesehen hast, oder wie sie Robbenbabies häuten, dann reagierst du in solchen Situationen einfach anders.“) ebenfalls eine ganz gute Figur.

Richard Lynch, Best of the Böst
Bösewicht Richard Lynch ist zwar charismatisch wie immer, bekommt aber nur wenig Screentime spendiert, so dass er nur zu Beginn und zum Finale zeigen kann, was er drauf hat. Am unterhaltsamsten, aber zugleich auch enttäuschendsten, ist vermutlich Michael Berrymans Rolle, die wirklich nur daraus besteht, dass er mit irrem Blick und Machete bewaffnet irgendwo hervorspringt (aus dem Wasser oder auch mal aus dem Erdboden – der Begriff ‚Jump Scare‘ ist hier sehr wörtlich zu nehmen). Aber hey, Berrymans Ausstrahlung ist gut genug, dass er selbst dieses Gimmick mit Würde spielen kann. Und wer gerne weitere Arbeiten Berrymans mit Deodato sehen möchte, der muss nur um die nächste Ecke gehen und stößt dort auf ’Die Barbaren ‘.
In der deutschen Version finden sich für die Synchro-Nerds übrigens allerhand hochwertige Sprecher wieder und vor allem die halbe ’Simpsons‘-Cast ist mit von der Partie.

Jetzt mach schon Platz, ich bin John Steiner!
Ein weiteres Highlight ist definitiv die teilweise recht krasse Gewaltdarstellung. Immerhin haben wir es mit einem Film von ’Nackt und Zerfleischt‘-Maestro Ruggero Deodato zu tun, der noch nie allzu zimperlich war, wenn es um Grausamkeiten auf der Leinwand geht. Schon in den ersten fünf Minuten richtet Berryman mit seiner Eingeborenen-Crew ein Massaker an, bei dem es ziemlich blutig zugeht und auch im Verlauf des Films werden diverse Köpfe abgeschlagen, Bäuche aufgeschnitten, Gliedmaßen durchbohrt. Und wie bereits erwähnt, gibt es eine besonders brutale Szene in Verbindung mit Steiners Figur, die wohl tatsächlich von Praktiken des Vietcong inspiriert wurde.
Ein weiterer sehr exploitativer Aspekt ist die ganze Jonestown-Substory, nach der Lynchs Figur ein Anvertrauter des wahnsinnigen Reverends war und sogar in Guyana-Archivmaterial herein geschnitten wurde. (Wäre es nicht günstiger und geschmackvoller gewesen, einfach Material vom predigenden Ivan Rassimov aus Umberto Lenzis ’Lebendig Gefressen‘ zu benutzen?)

Karen Black, dummes Grinsen zu doofem Spiel
Der knallige B-Action Score von Claudio ’Goblin‘ Simonetti (dem wir auch den pop-rockigen Soundtrack in ’Demons‘ verdanken) geht schnell ins Ohr und obwohl der Film dadurch mehr wie ein Hulk-Hogan-Vehikel aus den späten 90ern wirkt, als ein blutiger Dschungel-Schocker, bin ich einem fetzigen Synthie-Score nie abgeneigt. Simonetti selbst bezeichnet diesen Soundtrack übrigens als eine seiner besten Arbeiten, da er selbst zwölf Jahre in Brasilien gelebt hat und hier etwas von seinen Wurzeln einbinden konnte.

Einen gewissen und vielleicht unfairen Abstrich möchte man machen, da der Film im kollektiven Gedächtnis irgendwie ins Amazonas & Kannibalen-Genre gehört, es allerdings keine Kannibalen und überhaupt nur verhältnismäßig wenige “Wilde“ gibt. Das Dschungel-Setting in Venezuela sorgt aber dennoch für eine Atmosphäre, die Fans dieses Genres sicher vertraut vorkommt.

Hallo, mein Name ist John Steiner.
Sie haben mich bereits auf zwei Bildern in diesem Text gesehen, aber das ist egal.
Ich bin John Steiner und ich bekomme so viele Bilder wie ich will!

Was als Projekt für Wes Craven (der seiner Zeit auch für das Drehbuch mitverantwortlich war) anfing, später dann ein Sequel zu Deodatos Hit ’Cannibal Holocaust‘ werden sollte und schließlich doch irgendwie als dritter Teil seiner inoffiziellen Kannibalen-Trilogie (die Ermangelung irgendwelcher Menschenfresser lassen wir hier mal außer Acht) bekannt wurde, ist vermutlich auch einer der letzten Italo-Exploiter, die noch wirklich das Budget und die Muße für einen unterhaltsamen und gut gemachten Film hatte, bevor die Schotten ein paar Jahre später dicht gemacht wurden.
Zwar ist das Gesamtwerk nüchtern betrachtet nicht perfekt, aber ich kann aus erster Hand bestätigen: in der richtigen Gesellschaft macht dieser Film großen Spaß. Das Publikum, für das der Film gemacht wurde, wird hier auf seine Kosten kommen.


Spooner