Conan


‘Enter an age undreamed of’


Originaltitel: Conan the Barbarian (2011) Regie: Marcus Nispel
Drehbuch: Thomas Dean Donnelly, Joshua Oppenheimer, Sean Hood &
R. E. Howard Darsteller: Jason Momoa, Ron Perlman, Rose McGowan FSK: 18


Conan - Der Barbar’ (1982) von John Milius ist der Genre-Primus jener, von uns ausgiebig abgehandelten Barbarenfilm-Schublade, erst im letzten Jahr durch die ‘Ghostbusters’ vom 1. Platz der ‘Flausen Top Ten’ verdrängt worden und darüber hinaus einer meiner persönlichen Lieblingsfilme. Milius schuf eine Fantasy-Welt, die überlebensgroß und doch glaubwürdig war, Arnold Schwarzenegger verschwand (mit Ausnahme vom ‘Terminator’) nie wieder auf vergleichbare Art in einer Rolle und Sandahl Bergmann… hach, Sandahl Bergmann.

Hyboria heute

Was das mit ‘Conan’ (2011) zu tun hat? Nun, abgesehen vom Zweck einer obligatorischen Einleitung zu dieser Rezension des Barbarenfilm-Experten eurer Wahl (ich), den massiven Erwartungen einiger Fans (ihr), dem Cover-Schriftzug und ein paar vom Marketing an das “Original” angelegte Catchphrases nicht viel. Ich halte “Original” in Anführungszeichen, weil ‘Conan’ natürlich nicht von Milius und Oliver Stone 1982 ins Leben gerufen wurde, sondern knappe 50 Jahre früher von Robert E. Howard, einem depressiven, mental instabilen und unter einem Ödipus-Komplex leidenden Phantasten mit Bodybuilding-Ambitionen, der sich keine vier Jahre später mithilfe einer Schusswaffe das Leben nahm.
’Conan’ ist einer der Urtypen moderner Fantasy und stiefelte schon fünf Jahre vor Tolkiens ’Hobbit’ durch die Pampa. Seine literarischen Zeitgenossen und Brüder im Geiste waren Tarzan und John Carter. Seine Geschichten waren spannend erzähltes Garn über die archaische Welt Hyboria, voll von Sex, Gewalt, Magie und Kreaturen. Es gibt ein unfeines Wort dafür, aber es passt: Schund. Wer ein Problem damit hat, der ist auch beim Barbarenfilm völlig falsch, kann sich diesen Text sparen, noch mal eine Runde um den Block laufen und danach völlig außer Atem ‘Valhalla Rising’ schauen.
John Milius, der laut eigenem Bekunden eigentlich einen Wikingerfilm drehen wollte, nutzte die Chance, ’Conan’ nach seinem eigenen Gutdünken zurechtzubiegen. Was dabei herauskam, mag einer der beliebtesten (und zu Unrecht oft verlachten) Genrefilme der letzten 30 Jahre sein, aber bei weitem kein Film, der Howards Stories gerecht wird.
Lange Rede, kurzer Sinn: ‘Conan’ ist mehr als eine Comic-Reihe, ein paar lizenzierte Videospiele, eine grottige TV-Serie mit Ralf Möller und auch mehr als Arnold Schwarzenegger*.


’Conan’ (2011) ist kein Remake, kein Sequel, kein Spin Off, sondern eine Neuinterpretation des Stoffes und um das gleich aus dem Weg zu räumen: Nein, auch dieses Mal werden R.E.H.-Fans nicht in den Genuss einer werkgetreuen Adaption kommen. Abgesehen von einigen Anspielungen und Randbemerkungen (“Herz des Elefanten“, “Schwarze Küste“, “Mitra“ und “Zamora“) gibt es hier keinen Anker in den Schriftwelten Howards.
’Sword & Sorcery’-Liebhaber, die auf Verfilmungen von populären Conan-Stories wie ’Tower of the Elephant’ oder ’The Frost Giant’s Daughter’ gehofft hatten, ziehen ’ne Schnute. Filmfans, die keines der Bücher je gelesen haben (sprich: den Meisten), ist das (zu Recht) furzegal. Bedenkt man die Boxoffice-Zahlen in den USA und England und die Tatsache, dass sich in der Vorprämiere schlappe 15 Leute tummelten, fragt man sich gegrämt, ob dieser Tage überhaupt noch irgendeine Sau weiß, wer ’Conan’ ist. Haken wir das Thema an diesem Punkt ab und stellen die universell verständliche Frage: Ist ’Conan’ ein guter Film?

Fire and Ice - The Secret of Steel (as taught by Prof. Perlman)

Nun, um das zu gewährleisten war zunächst einmal die Besetzung der Hauptrolle essentiell. Als Fan des Stoffes spekulierte man schon seit geraumer Zeit, wer denn der neue Conan sein sollte. Einer der gängigen Muskelprotze Hollywoods? The Rock mit Toupée? Vinfried Diesel mit Perücke? Irgendeine WWE-Torso-Matte? Ein gänzlich unbekannter Stiernacken? Möglich, ganz bestimmt aber nicht ein hawaiianischer Surfer-Dude, der in irgendeinem ’Baywatch’-Ableger den Schönling mimte.
So dachte der Großteil der Fangemeinde jedenfalls über Newcomer Jason Momoa, bevor er in HBOs ’Game of Thrones’ den martialischen Vollblutbarbaren Khal Drogo zum Allerbesten gab. Jemand, der G.R.R. Martins wortkargen Dothraki Pferdelord dermaßen überzeugend darstellen konnte, schien geradezu prädestiniert, Conan den Cimmerier zu verkörpern.

"I live, I love, I slay."
(Ja, ich fürchte das ist ein Zitat.)
Fertig aufgepumpt, im Kampf unterwiesen, in Schale geschmissen und mit einem finsteren Blick in der Visage, sieht Momoa dann auch aus wie frisch vom Frazetta-Cover abgepaust. Wie schlägt er sich im Laufe der 113 Minuten? Ganz gut… aber stopp erstmal! Von den 113 verbringen wir die ersten 15 Minuten nämlich mit dem jungen Conan, dessen Herkunft wohl der einzige inhaltliche Aspekt ist, der sich an Milius’ Film orientiert. Nach einem stimmig überzogenen Prolog (irgendwo zwischen ’Evil Dead 2’ und ’Fellowship of the Ring’) der auch gleich das mittlerweile obligatorische, weil erzwungene 3D von seiner hanebüchenen Seite präsentiert**, und einer unglaublichen Szene, in der wir Zeuge von Conans Geburt auf einem Schlachtfeld werden, stiehlt der 13-jährige Leo Howard seinen Co-Stars um den immer verlässlichen Ron Perlman (in der Rolle als Conans Vater Corin) die Show.
Der junge Howard legt die Messlatte hoch für Momoa, welcher letztlich genauso wenig der definitive Conan ist, wie Arnold, aber meilenweit entfernt von der Hohlbratzigkeit eines Ralf Möller. Der Hawaiianer (dessen Figur amüsanterweise bei jeder zweiten Begegnung mit Fremden als “Nordländer“ angesprochen wird. Come on...) spielt den Cimmerier als moralisch fraglichen Charakter mit den Reflexen einer Raubkatze und der unterschwellig brodelnden Aggressivität eines japanischen Riesenmonsters auf Landgang. Dass seine Figur eine konkrete Definition und dessen Mission die notwendige Dringlichkeit vermissen lässt, liegt am wahrlich kümmerlichen Script, das ansprechende Charakterisierung genau so vermissen lässt, wie eine spannende (oder wenigstens nachvollziehbare) Geschichte und überhaupt die größte Schwäche des Filmes darstellt.

Pillaging Time

Bei einigen Reviews versuche ich, die Handlung nur anzureißen, um Spoiler zu vermeiden. Hier muss es reichen, die Handlung anzureißen, weil nicht viel da ist, zu dem ich mich ausführlich äußern könnte. Es geht um Rache, eine alte Prophezeiung, Reisen durch Fantasy-Landschaften, Mord und Totschlag. Fertig. Dabei wird beinahe jedes Klischee des Subgenres bedient. Böser Kriegsherr auf der Suche nach sagenumwobenem Relikt – Check. Barbarendorf-Pillaging – Check. Vater des Helden wird getötet – Check. Der Weg zur Vergeltung führt durch Kerker, Wälder, Wüsten, Meere, vorbei an nackten, willigen Weibern, Furcht einflößenden Kreaturen und tolldreisten Todesfallen – Check de la Check. Neues oder gar Originelles sucht man hier vergebens. Fans solcher Streifen könnten an dieser Stelle mit den Augen rollen und mahnend daran erinnern, dass es keinen Barbarenfilm gibt, der eine wirklich ansprechende Handlung hat (Milius’ ’Conan’ inklusive) und sie hätten Recht. Doch die Einfallslosigkeit der Autoren schlägt sich auch auf die Chemie zwischen den Darstellern, deren einfältige Dialoge und den Rhythmus des Filmes nieder.

"You really said that? I live, I lo..."
"Only to a woman."
’Conans’ Motivation sollte eigentlich klar sein, doch zwischen erbarmungslosem Gemetzel und rastlosem Gehetze von Set zu Set vergaßen Thomas Dean Donnelly (’A Sound of Thunder’), Josh Oppenheimer (’A Sound of Thunder’) und Sean Hood (’Halloween: Busta Rhymes Remix’) dem Miteinander ihrer Figuren etwas Gehaltvolles auf den Weg zu geben. Etwas, das man im Allgemeinen als Emotionen bezeichnet. Um den elenden Vergleich zum 82er Film noch einmal anzustellen: Wer erinnert sich nicht an die Szene, in der Subotai am Flammengrab von Valeria eine Träne für Conan mit vergießt oder die finale Konfrontation zwischen dem Barbaren und Thulsa Doom? Auf derartige Momente oder auch nur einigermaßen amüsantes Geplänkel muss man in der Neuauflage komplett verzichten. (Im Finale wird schließlich nur noch mittels Grunzen, Ächzen und Stöhnen kommuniziert.)
Bis auf die Szenen zwischen dem jungen Conan und seinem Vater fallen die Gefühle hier komplett flach. Erschwerend hinzu kommt, dass die lapidare Liebesgeschichte zwischen Conan und einer Maid reinen Blutes (die so rein ist, dass sie in seiner Gesellschaft ca. 20 Handlanger umlegt), gespielt von ’Star Trek’-Babe Rachel Nichols, ungefähr so glaubhaft ist, wie die Anatomie des monströsen Tentakelmonsters, das sich dem Helden im letzten Drittel in den Weg stellt. Wenn die Herzdame, die als Kreuzung aus MacGuffin und Damsel in Distress herhalten muss, schließlich von Conans rauem Charme weich gekocht wurde und er sie in die nächstbeste Höhle zum Geschlechtsakt schleift, sollte der schmalzige Score von Tyler Bates (der ansonsten ganz gut ins Ohr geht, aber einer Fliege am Arsch von Basil Poledeuris epischem ’Conan the Barbarian’-Score nicht einmal das Papier reichen dürfte) eigentlich einem standardgemäßen Porno-Saxophon weichen.

The Dangerous Lives of Altar Girls
Die von Stephen ’War schon in Avatar der Böse’ Lang und Rose ’War mal als neue Red Sonja im Gespräch’ McGowan verkörperten Bösewichter dieses Films haben einen inzes.. äh interessanten Ansatz, der jedoch so schnell aus der Story getilgt wird, wie die übrigen Nebenfiguren, die sich im alten “Kaum da und schon wieder weg, aber trotzdem keinen Eindruck hinterlassen“-Spiel üben (ein Priester, der aussieht wie David Lynch in ’Die Barbaren’, ein Dieb mit ’Comic Relief’-Funktion, ein schwarzer Hüne namens ’Artus’ … Augenroll-Alarm). Immerhin gibt es im Film eine recht urige Truppe von Barbaren-Lords (Milton Welsh, Stephen O’Donell, Bob Sapp, Nathan Jones etc.), die zwar auch zu wenig Fleisch am Charakterknochen haben, aber auf reichlich martialische Art und Weise mit dem Titelhelden aufeinanderprallen.

Das klingt nach jeder Menge Gemecker, aber wenn der Film ein kompletter Reinfall wäre, würde ich mir die gesalbten Worte sparen und es euch direkt vor den Latz knallen (trust me). Die Unzulänglichkeiten sind besonders ärgerlich, weil viele Elemente des Filmes gut funktionieren.
Trotz zeitgenössischer ’Fast Cuts’ und ’Shaky Cam’-Einstellungen macht die Action einiges her. Es werden Verfolgungsjagden, Schlägereien und Schwertkämpfe im Fünf-Minuten-Takt kredenzt und selbst die eine oder andere Explosion schafft ihren Weg auf die Leinwand. Man muss halt mit der Zeit gehen. Die Resultate der Auseinandersetzungen spiegeln sich reichlich rabiat in roter Farbe wieder. Von ’A wie ausgeweidet’ bis ’Z wie zertrümmert’ wird das ganze Spektrum barbarischer Bildschirmgewalt ausgelotet.

Evil-Lyn hat angerufen, sie will ihre
Maske und die Henchmen zurück
Da passt es, dass Momoa austeilen kann wie ein echtes Tier und er immer wieder Gelegenheit dazu bekommt. So wird ausgerechnet der erwachsene Conan (selbst das Opfer eines klassischen Village-Pillage) dem Zuschauer vorgestellt, als er das kunterbunte Strandlager einer Bande von Sklavenhändlern überfällt, nur um sich anschließend an den soeben befreiten, barbusigen Sklavinnen zu… bedienen. An diesem Punkt war ich fast der Überzeugung, Regisseur Marcus Nispel hätte es geschafft, mich komplett auf seine Seite zu ziehen.
Man mag von Nispel (der bislang ausschließlich Remakes fragwürdigen Rufes und ’Faith No More’-Videos zimmerte) halten was man will, in Sachen Bildgewalt und Gewalt auf Bildern hat er in der Vergangenheit durchaus ein Händchen bewiesen. In ’Conan’, so scheint es, konnte er sich dank üppigem Budget endlich richtig austoben. Seine Aufnahmen sind voll von ausschweifenden Kamerafahrten durch hochstilisierte Fantasy-Settings, vorbei an archaisch gewandeten Mannen in bösärschigen Posen, die jedem Cover alter Schundromane zur Ehre gereicht hätten. Hier ist jede zweite Einstellung ein Poster wert.
Dass Nispel im Laufe der Jahre seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler nicht verbessern konnte, ist bedauerlich. Möglicherweise wäre ein Regisseur mit Hang zum Charakterkino in der Lage gewesen, ’Conan’ einen frischen Anstrich zu verpassen und den Figuren und ihrer Umgebung etwas mehr Beschaffenheit und Leben einzuhauchen. Aber hätten die Regisseure, die tatsächlich noch im Gespräch für die Neuauflage waren (Robert Rodriguez, die Wachowskis und Brett Ratner), einen besseren Film daraus gemacht? Ich weiß es nicht, werfe aber das rote Tuch des Zweifels in die Runde ***.

Es könnte weitaus schlimmer sein.
Er könnte aus Recklinghausen kommen.

Ist ’Conan’ nun ein guter Film? Nein.
Ist ’Conan’ ein guter Barbarenfilm? Nimmt man die Standards der (durch den ersten ’Conan’ ausgelösten) Barbarenfilm-Welle der 80er als Maßstab, dann ja.
Das hier ist die modernisierte, polierte, blutige Big-Budget-Version von ’Kull the Conqueror’ (einem Spätzünder dieses Trends, anno 1997), im Geiste jener Schinken vom Schlage eines ’Ator - Herr des Feuers’, mit einem Hauch ’Hawk - Hüter des magischen Schwertes’, einem Schuss ’Todesjäger’ und einem Löffelchen ’Talon im Kampf gegen das Imperium’.
Im Film gibt es eine unglaublich absurde Konstruktion: Eine schiffförmige Ramme, die den Schurken nicht nur als Behausung, sondern auch als Abrissbirne für Tempelmauern und Burgfesten dient, und die auf 20 Elefanten durch die komplett unwegsamen Landschaften Hyborias gekarrt wird. Es ist ein monströses Vehikel, das nicht für fünf Pfennig Sinn macht, aber verdammt cool aussieht und somit als perfektes Sinnbild für diesen Film herhält.
’Conan’ (2011) ist Schund, laut, brutal und unterhaltsam genug, um Barbaren-Fanservice zu leisten und trotz Durchhänger die Aufmerksamkeit der Zielgruppe zu halten. Meine Entgeisterung über den Fakt, dass ein solcher Film nicht zum Kassenschlager wurde, hält sich in Grenzen. Barbarenfans, ’Sword & Sorcery’-Junkies und Exploitation-Trainees sollten dem neuen ’Conan’ vielleicht eine Chance auf der großen Leinwand geben. Einen zweiten Versuch wird der Cimmerier in nächster Zeit höchstwahrscheinlich genau so wenig bekommen, wie wir die erhoffte Barbarenfilm-Welle dieser Dekade.



* Alle “Nur Arne ist der wahre Conan!” grunzenden Fanboys sollten sich zur Auffrischung ihrer Überzeugung noch einmal den ‘Zerstörer’ von ‘84 anschauen.

** Ausgedehnte Randbemerkung zum Thema 3D: Ich war tatsächlich überrascht über das bei ’Conan’ angewandte Verfahren. Der Kommentar meiner Begleitung “Sieht aus wie’n altes Pop-Up-Klappbuch.“ trifft es hier am besten. Die Ansicht erinnert zuweilen fast an ein klassisches Amiga 500-Spiel mit Parallax Scrolling (wenn öh.. das noch jemandem hier etwas sagt). Das mag vielleicht furchtbar klingen, passt jedoch wunderbar zum Stil der Bilder des Films. Der Rest des 3Ds ist von der ’In your face’-Variante, die ich mittlerweile fast bevorzuge. Ich weiß nicht, wie es um euch bestellt ist, aber wenn schon 3D, dann doch bitte so, dass ich es auch eine halbe Stunde nach Filmstart noch mitkriege. Wenn euch euer Gesicht zu fein dafür ist, versucht ein Kino zu finden, dass den Film in 2D abspielt. Viel Glück dabei.

*** John Milius’ eigener Vorschlag für ein Sequel, ’Conan - Crown of Iron’, versprach für kurze Zeit Mitte des letzten Jahrzehnts noch einmal die Rückkehr Schwarzeneggers in die Rolle des alternden Barbaren. Aber das ist eine andere Geschichte, deren Ausgang womöglich als glückliche Fügung verstanden werden kann.


Hudson