Centurion


‘Fight or die.’


Originaltitel: Centurion (2010) Regie & Drehbuch: Neil Marshall
Darsteller: Michael Fassbender, Dominic West, Olga Kurylenko FSK: 16


Wir befinden uns im Jahre 60 n. Chr. Ganz Britannien ist von den Römern besetzt… Ganz Britannien? Nein! Ein von unbeugsamen Pikten bevölkerter Landstrich im Norden hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten, ihn in seinen eigenen Forts anzugreifen, diese abzufackeln, keine Gefangenen zu nehmen, bis auf einen und den dann auch nur, um ihn in einen Eimer voller Pisse zu tauchen und ihre Kinder Schnitzarbeiten an seinem Körper üben zu lassen.

“This place is the death of all ambition.“

...um es mit den Worten von Gouverneur Agricola (Paul Freeman) zu sagen. Und doch schickt der feine Toga-Träger die Neunte Legion unter dem zähen und von seinen Männern vergötterten General Titus Virilus (Dominic West) weiter nördlich, um den Piktenführer Gorlacon (Ulrich Thomsen) vom Antlitz der Erde zu tilgen. Wenn der Schlange der Kopf abgeschlagen ist, steht dem Vormarsch des römischen Reiches bis an die letzten Grenzen des hohen Nordens nichts mehr im Weg. Als ob die sonnigen Sandaleros sich dort oben ein Domus hinstellen würden. Sei’s drum, Befehl ist Befehl. Unterwegs gabelt die sagenumwobene Neunte (“When do they learn, you don’t fuck with the Ninth!?“) den flüchtigen Quintus Dias (Michael Fassbender) auf. Der aus piktischer Gefangenschaft entkommene Survival-Centurio, Sohn eines Gladiators und kernige Bad Ass™ fühlt sich im Kreise knallharter Pilum-Pilger pudelwohl, muss bald jedoch einsehen, dass selbst eine ganze Legion nichts gegen die Übermacht der Pikten ausrichten kann. Nachdem alle Kohorten aufgerieben sind, sammeln sich sechs Überlebende um Quintus und begeben sich auf eine Suizid-Mission, den frisch entführten Heerführer aus den Klauen der Barbaren zu retten.

The Rolling Roadshow
Verdammt, hab ich’s doch nicht geschafft, das B-Wort zu vermeiden! Aber wie sonst soll ich die grunzenden, Fell tragenden, ruchlosen, anrüchigen Zottel-Killer umschreiben, als mit einem meiner Lieblingswörter: Barbaren! Schreit es in die Welt hinaus, Freunde! BARBAREN!
Wo Forts abgefackelt, Feinde verstümmelt und erbarmungslos vom Pferd hinab gejagt werden, da erlaube ich es mir, meine persönliche Vorliebe zu projizieren und sei es selbst auf einen handwerklich erstklassigen Survival-Abenteuerthriller wie den vorliegenden, der mit den ollen Keulenschwingern aus den Achtziger Jahren nicht mehr viel gemein hat. Nun ja, vielleicht den Geist. Wenigstens ein bisschen.

Als ich zum ersten Mal das Vergnügen hatte, mir Neil Marshalls letzten Film ’Doomsday’ anzuschauen (ein Vergnügen, dass sich in den letzten zwei Jahren regelmäßig wiederholte) und in der zweiten Hälfte die ’Medieval Times’-Keule ausgepackt wurde, kam mir unweigerlich das Verlangen, einen Vollblut-Schwertstreifen von dem schottischen Genre-Darling zu sehen.

Schon im alten Rom eine Todesfalle:
Mit dem Cape in die Schlacht
Enter ’Centurion’, wie man so schön sagt. Und das Blut fließt die Schwerter entlang, bis keins mehr da ist. Keine Frage, Marshall kennt sein ABC (Asskicking, Bloodshed & Cussing) und hat keinerlei Scheu davor, das jedem zu zeigen, der seine Interessen und Vorlieben teilt.
Das Blut fließt weiter und wenn im Schneideraum festgestellt wird, dass hier und da noch etwas mehr fließen könnte, dann wird im Computer nachbearbeitet. Ergänzend sozusagen. Ganz dezent, aber effektiv. Der Film verliert nie sein ’hand made feeling’ (was man von ’Doomsday’ nicht unbedingt behaupten konnte), bietet (für Marshall typische) großartige Landschaftsaufnahmen, kommt allerdings komplett in farbentsättigter Optik daher. Die schottischen Highlands sind halt nicht Rom. Hier herrscht klirrende Kälte, der Wolf heult nur im Rudel und Fußpilz frisst dir den Käse aus den Sandalen.

Da musst du knallhart sein, um auch nur aus dem nächtlichen Armdrücken in der Fortspelunke mit allen Zähnen und heiler Haut zu gelangen. Hart wie Michael Fassbender (’Inglorious Basterds’) und Dominic West (’Punisher Warzone’), die bei ’300’ (wo es auch schon schallte: “Only the haaard!“) noch auf Kriegsfuß miteinander standen. Während Fassbender seinen Siegeszug im Genre-Kino vorantreibt, sich als versierter und vielseitiger Darsteller erprobt, überrascht vor allem Leinwand-Bösewicht West (nein, ich habe ’The Wire’ noch nicht gesehen) hier als sympathisch grimmiger Hauwegdinus. Beide zeigen sich in körperlicher Bestform und müssen mindestens so viel einstecken, wie sie austeilen dürfen.

Typisch Mann: Starkes Frauenbild zeichnen
und dann beim Hairstylisten sparen
Dennoch sind es ausgerechnet das ukrainische Ex-Model Olga Kurylenko (’Max Payne’) und Iren-Altholz Liam Cunningham (’Harry Brown’), die hier mit den ’Bad Ass’-Awards vom Felde ziehen. Um Kurylenko nicht in die Verlegenheit zu bringen, ihre Sprachkünste unter Beweis stellen zu müssen, wurde ihrer Pikten-Amazone kurzerhand die Zunge entfernt. Mit dem Speer austeilen kann die Kratzbürste aber wie keine zweite. Nichts anderes haben Marshall-Fans erwartet. Was wären seine Filme ohne mindestens ein zünftig Ärsche tretendes Weibsbild?
Cunningham, der sich in den letzten Jahren immer wieder als sichere Bank in selbst allzu abwegigen Genre-Konzepten bewährt hat (Ausnahme: ’Clash of the Titans’, da war nichts zu retten), bringt neben den FUCK YEAH!-Highlights des etwas zu bescheiden geratenen Finales (dazu gleich mehr) auch eine Prise Humor mit ins Spiel, ohne dabei zum Kasper-Aff zu verkommen. Ähnlich wie bei ’Solomon Kane’ wurde hier auf einen Possenreißer im Comic Relief-Format komplett verzichtet. Danke.
Die Gruppendynamik steht zwar nur kurz im Fokus des Films, doch das Zusammenspiel der Männer ist überzeugend, wird durch Kameradschaft geprägt, durch Verrat erschüttert und durch Cunningshams Flüche und Sprüche aufgelockert.

Ging's nach dämlichen Sprichwörtern,
kämen die hier alle in den Garten.
Auf der Seitenlinie präsentiert Paul Freeman (’Jäger des verlorenen Schatzes’) Rom in all seinen politischen Facetten und Ulrich Thomsen (dessen ’Adams Äpfel’ Co-Star Mads Mikkelsen derweil in ähnlich herzhaften, wenn auch ungleich nachdenklicheren Gefilden als Einäugiger in ’Valhalla Rising’ umherwankt) gibt sich redliche Mühe, seiner nicht allzu präsenten Rolle als martialischer Pikten-Papa einen emotionalen Anker zu verpassen.

Bei all dem handwerklichen Geschick, den überzeugenden Darstellern in kernigen Rollen, der ruppigen Action und dem großzügigen Blutvergießen (das Hauptscharmützel im Zentrum des Films ist geschnitten wie ein Best Of-Hack’n’Slay anderer Movie-Gemetzel) muss ich allerdings den Hauch einer Monierung bezüglich des etwas unspektakulären Finales loswerden. Bedenkt man den spannenden Auftrieb bis zum letzten Drittel, ist der finale Showdown der Überlebenden gegen ihre Jäger etwas… sagen wir ’schlicht’ geraten. Ohne hier spoilern zu wollen: Die Location macht nicht den einfallsreichsten Eindruck und auch der entscheidende Kampf des Protagonisten gegen seine Nemesis ist im Vergleich zum parallel ablaufenden Gefecht zwischen Cunningham und einer handvoll Henchies fast schon Beiwerk.
Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ein Hauch Tragik, eine Prise Bad Assery und eine Kelle Romantik lassen den Film (etwas später) auf einer mehr als zufrieden stellenden Note enden. Um es im angelsächsischen zu sagen: It may not go out with a bang...

...but it’s far from going out with a whimper.

Freunde des Stahlschwingens: Der hier ist für euch. Für Jungs (und Mädels - schätz ich - die Dame des Hauses war jedenfalls begeistert), die im echten Leben keinem Menschen ein Haar krümmen können, aber auf der Leinwand Zeuge gnadenloser Schlachteplatten, zubereitet von harten Kerlen und verpackt in schmissig inszeniertes Abenteuerkino sein wollen.
Schade, dass nur Besucher des Fantasy Filmfests ’Centurion’ im Kino zu Gesicht bekommen konnten und der dreckige Rest sich (genau wie bei ’Solomon Kane’, argh!) auf den DVD-Release im September vertrösten muss.
Wie dem auch sei: Das ist jetzt die vierte Kerbe im Genre-Holz, die Neil Marshalls Vormarsch zum Go-to-guy in Sachen ‘Arschtreten für eine bessere Filmwelt’ dokumentiert. Keep ‘em coming!


Hudson