Die Killerautos von Paris


‘They run on blood.’


Originaltitel: The Cars That Eat People (1974) Regie: Peter Weir
Drehbuch: Peter Weir, Keith Gow & Piers Davies
Darsteller: Terry Camilleri, John Meillon, Kevin Miles FSK: 16


Ach DAS Paris!

Nicht das in Frankreich. Das im australischen New South Wales.

Da hab ich mich jahrelang gewunden, weil ich keine Lust auf französischen Arthouse-Horror hatte und jetzt das. Okay, der Name Peter Weir hätte den Irrtum fix entwirren können. Aber ich hab nie behauptet, der Schnellste zu sein.

Kleb einer Bohrmaschine ein rotes Kreuz drauf
und schon ist sie ein medizinisches Instrument
Paris, Australien also. Aus dem Weitwinkel recht beschaulich, fast wie ein Hobbit-Dorf. Doch hier geschieht Ungeheuerliches. Die stoffeligen Einwohner, nicht unähnlich den typischen Outback-Ozzies, wie man sie aus dem australischen Genre-Film kennt (nur anständiger gekleidet), verwickeln nichtsahnende Durchreisende in Autounfälle, packen die traumatisierten Opfer zu Versuchszwecken auf die Mad-Scientist-Bahre des lokalen Irrenhauses, bescheißen deren Versicherungen und klappern die Unfallautos nach wieder verwendbaren Teilen ab. Eine irre, aber sich scheinbar auszahlende Taktik, die übrigens später ganz ähnlich von Australiens Exploitation-Spezi Nummer 1, Brian Trenchard-Smith, in seinem dystopischen ’Dead End Drive-In’ dargestellt wurde.

Verzichtet auf die Bosch-Lobotomie:
Arthur Waldo (Geraldo-Faldo)
Mitten in diesen irren Alltag gerät Außenseiter Arthur Waldo, ebenfalls Unfallopfer, der das außerordentliche Glück hat, nicht gleich die Lobotomie-Abteilung verfrachtet zu werden. Nachdem er sich mit einigen Bewohnern anfreundet, bekommt Arthur vom Bürgermeister den Job des lokalen Parkplatzwächters angeboten, welcher sich dank neuerdings randalierenden Highway-Halbstarken in Paris, New South Wales, als einer der gefährlichsten Beschäftigungen herausstellt.

“Now, most of the people here are accident victims. So what you got here are veggies.“
“Veggies.”
“Yeah. Now, these are people, who got in accidents that were so bad, that their minds got all scrambled up, like scrambled eggs.”

Back to Bartertown
Aussies und Autos, das ist eine ganz spezielle Liebesgeschichte, deren filmische Auswertung mit George Millers ‘Mad Max 2‘ ihren rasanten Zenit erreichte und mit ‘Die Killerautos von Paris‘ einen weitaus weniger action-reichen Anfang nahm. Dennoch finden sich einige Parallelen zwischen beiden Filmen. Hier wie da gibt es einen Außenseiter, der in eine verschworene Gemeinde stolpert, die von verrückt zurechtgemachten und allseits gefragten Vehikeln belagert wird. Sogar erste Fundamente von ‘Mad Max 3’s “Bartertown“ werden hier ausgelegt („Tyres wanted. Swap for Food, Milk, Gasoline…“ reklamiert der örtliche Tante-Emma-Laden). Und auch wenn Paris im Weitwinkel idyllische Züge hat, deuten seine staubigen, öden Straßen eher auf die Post Apokalypse als auf einen Kurort hin.

Den Morricone Rip-Off pfeift euch selbst dazu!
Glücklicherweise wird die trockene Trostlosigkeit durch trockenen Humor, skurrile Figuren und eine absurde Prämisse ergänzt, deren Gemisch in diesem ganz eigenwilligen Aussie-Charme resultiert, der viele Genre-Filme von Down Under so besonders macht. Die beißend-humorvolle Natur wird bereits im Vorspann vermittelt, als Peter Weir eine damals populäre Zigarettenwerbung mit Todesfolge im Rahmen der anstehenden Car-Craziness parodiert. Visuell und musikalisch greift Weir unter anderem auf genre-satirische Verwendung von Western-Motiven zurück. Das passt in vielerlei Hinsicht perfekt zum Backwood-Kaff Paris, diesem kauzigen Alternativ-Frontier, weit ab vom Schuss.

Trotz KreisVERKEHR gibt es hier keinen PARISER der sich hier um SICHERHEIT sorgt.
(You got that... right?)

So sehr die bizarre Atmosphäre über das Sehvergnügen entscheidet, so wenig ist die erzählerische Art auf Schocks oder Überraschungen gebügelt. Weir hat deutlich mehr Interesse daran, die bizarren Gepflogenheiten und Zwischenmenschlichkeiten seiner Außenseiter, Spießbürger und Rebellen zu skizzieren, als eine greifbare Dramatik aufzubauen. So bleibt auch Arthur Waldos Geschichte in all dem Tohuwabohu eher hintenan, bis er im Finale endlich zu sich selbst zurück findet. Darsteller Terry Camilleri spielt Waldo als liebenswerten, aber arg begossenen Pudel und ist mit John Meillon (‘Crocodile Dundee’), Bruce Spence (‘Mad Max 2’) und Max Phipps (’The Return of Captain Invincible’) in Gesellschaft waschechter australischer Genre-Helden.

Walter "Wally" Reilly, der Gyro Captain und der Fiesel aus 'Dakota Harris' geben sich die Ehre.

Als obskure Backwood-Farce mit gewissen Längen ist ’Die Killerautos von Paris’ trotz seines relativ action-reichen (und auch etwas blutigen) Finales weniger unterhaltsam, als er schrullig ist.
Wer den Film jedoch als bloße Genre-Kuriosität abtun will, der tut Peter Weirs Frühwerk Unrecht. Er läutete nicht nur die Aussie-Welle von auto-zentrischen Filmen, wie ’Stone’, ‘Backroads’, ’Carcrash’, ’Running on Empty’ und den ’Mad Max’-Streifen ein, sondern gewann auch als erster australischer Film überhaupt eine Anerkennung von den Filmfestspielen in Cannes (wenn auch außerhalb des Wettbewerbs). Vielleicht aber nur, weil die im Vorfeld auch dachten, dass es sich hierbei um französischen Arthouse-Horror handele.

Non, pas vraiment.



USELESS FLAUSEN TRIVIA # 4: ‘Die Killerautos von Paris‘ rühmt sich vieler internationaler Alternativtitel. Unter anderem ‘Die Autos, die Paris auffraßen’, ‘Violência por Acidente’, ‘Cars’, ‘Killing Cars’, ‘The cars that ate Paris‘ und ‘The cars that ate peole‘. Gerüchten zufolge war für kurze Zeit sogar der Titel ’The cats that ear people’ im Gespräch, aber man fand keine Katzen mit adäquat großen Ohren und als man den zur Verfügung stehenden Tieren falsche Horcher annähen wollte, machte der lokale Tierschutzverein den Machern ein Strich durch die Rechnung.


Hudson